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Es lebt ein Heiligenmaler ...

Wilhelm Busch

Es lebt ein Heiligenmaler
Zu Brssel in der Stadt,
Der viele fromme Bilder
Mit Flei gemalet hat.

Sein langes Haar, es wallet
Ganz nach Prophetenart,
Und um die keuschen Wangen
Weht ernst der Mosesbart.

Ins Auge flattert mystisch
Begeisterungs=Flammenglut.
Die heiligen Bedenken
Bedeckt der Felbelhut,

Die Waden, einfach biblisch
Und altdeutsch stilisiert,
Umhllen Rock und Hosen,
Da man nichts weiter sprt.

So wandelt er auf Erden
Verkannt und dennoch keck
Im heil'gen Selbstvertrauen -
Die andern sind ihm Dreck.

Das erste Bild, das er gemalt,
Das kostet ihn nicht viel,
Er sa sich selbst dazu Modell,
Drum hat's auch guten Stil.

Er sa sich selbst dazu Modell,
Er malte, wie er's fand:
Der Adam sitzt im Paradies,
Den Apfel in der Hand.

Das zweite Bild, das er gemalt,
Das kostet ihn viel Geld,
Dieweil ein weibliches Modell
Er sich dazu bestellt.

Doch lt man oft beim besten Werk
Den Augenblick entwischen,
So kam auch ihm, eh' er's vernahm,
Ein Hindernis dazwischen.

Das zweite Bild, das er gemalt,
Verriet schon mehr Gefhl.
Der Adam hlt den Apfel noch,
Die Eva hlt den Stiel.

Nun htt' er gern das dritte Bild
Zur Arbeit gleich genommen,
Wie Adam und die Eva dann
Zu Falle sind gekommen.

Drum malt er, weil's nicht anders ging,
Die Schulden so zu decken,
Wie Adam und die Eva schnell
Sich vor dem Herrn verstecken.

Ein jedes Ding hat seine Zeit
Und geht einmal zu Ende.
Man kommt vom Alten Testament
Zum Neuen Testamente.

So malte unser Maler nun
Mit christlich frommem Sinne
Der Jungfrau hchstes Ideal,
Die Himmelskniginne.

Doch wie's im Leben einmal geht,
Das hchste Ideale
Schlgt seine Wurzel insgeheim
Hinab in das Reale.

Sogar ein Heiligenmaler braucht
Am Ende das Reelle.
Drum nahm sich unser Maler auch
'ne Kchin zum Modelle.

Bei Tage tt er sie mit Flei
Sich malen und skizzieren
Und fhrte die Madonna dann
Bei Mondenschein spazieren.

Gar wunderlich geht's manchmal zu
Hienieden auf der Erden!
Die Suppe, die ein andrer kocht,
Mu dennoch gegessen werden.

Kaum da ein Jahr vergangen war,
Ereilt ihn das Verhngnis -
Ein neues Beispiel zeigte sich
Von unbefleckter Empfngnis.

Die Jungfrau=Mutter konnt' er nun,
Sich selbst als Joseph malen -
Und was der Heil'ge Geist getan,
Das mut' der Joseph zahlen.




Wilhelm Busch

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