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Die Uhren

Wilhelm Busch

Ein Silvesterkarmen

Es ist Silvester. Eine schlichte Bowle,
Von kluger Hand bereitet, schmckt den Tisch. -
Man war bei Piepenbrinks. Herr Piepenbrink,
Frau Piepenbrink und deren Fritz und Julchen,
Welch letzte beiden heute auch noch auf,
Herr Kster Klppel, treu bewhrt im Amte,
Aptheker Mickefett, den diese Gegend
Von wegen seiner Pillen hchlich pries -
Dies waren die Personen, welche hier
Zum frohen Jahresschlusse sich versammelt. -

Darber ist man einig, punkto zwlf
Ein krftig Prost Neujahr sich zuzurufen,
Worauf getrost das Glas zu leeren sei. -
Nun aber, spricht Herr Klppel mit Bedacht,
Nun aber ist die Frage: Welche Uhr
Soll diesen schnen Augenblick verknden? -

Die beste Uhr, ruft Fritz ein wenig hastig,
Von allen Uhren ist die Sonnenuhr! -
Jawohl, mein Sohn! erwidert Klppel sanft,
Die Sonne ist ein pnktlich Element,
Was mit der Dunkelheit von hinnen scheidet.
Insofern kommt sie hier nicht in Betracht.
Dagegen schlag' ich unsre Turmuhr vor! -
Hier lchelt Mickefett verschmitzt und spricht:
Die Geistlichkeit in Ehren! Doch man sagt,
Ein traulich spter Trunk am Samstagabend
Wirkt zgernd auf die Sonntagmorgenglocke. -

Herr Klppel schweigt; denn mild ist sein Charakter.
Nun zieht aus ihres Busens Vorderfalte
Frau Piepenbrink bescheidentlich die Uhr.
Doch Piepenbrink ruft gleich: Ich bitte dich,
La doch die Uhr im Stall! Fast alle Monat
Mu ich das Ding da reparieren lassen! -
Nun, nun, spricht sie, sei nur nicht gleich so rauh!
Ist's doch fr uns ein lieblich Angedenken
An jene Zeit, da du mir Treue schwurst. -
Ahem! macht Piepenbrink und schaut ins Glas. -
Ach, seufzt das Julchen, wie entzckend schn
Wr' doch so eine Dose, die so Stcke spielt! -

Sehr wahr, mein liebes Kind! entgegnet Klppel.
Bewundernswert ist solch ein Kunstgetriebe,
Und gern belauscht man seine Melodien;
Nur lehrt es uns viel mehr, die Zeit vergessen,
Statt sie zu schtzen, wie's die Pflicht der Uhr.
Insofern kommt das hier nicht in Betracht. -

Jetzt wird der Fritz schon wieder laut: Ja, aber
Beim reichen Schrepper die Pendle, die ...
Pst, fllt ihm Mickefett sogleich ins Wort,
Das ist 'ne bse Uhr, die nur die Dauer
Des Wehs im Zeh bemit, die Stunden schlgt,
Wo's Pulver einzunehmen, welche ewig
Eintnig raunt: Klick, klack, die Aktien fallen! -

Da mu ich meine Taschenuhr hier loben,
Sie ist von einem berseeschen Paten ...
Insofern, meint Herr Klppel ... Bitte sehr,
Fhrt jener fort, sie ist durchaus von Gold. -
Insofern, meint Herr Klppel ernst und khl,
Insofern kommt sie hier nicht in Betracht. -

Und, fhrt Herr Mickefett gelassen fort,
Und richtig geht sie. Diesen letzten Herbst
Bin ich mit Munkel, dem Kaplan, in Straburg.
Wir hatten gut gelebt; in jeder Hinsicht.
Das Geld war alle, und so wollten wir
Denselben Abend spt noch weitermachen.
Wir stehn so vor dem Mnster. Salbungsvoll
Hub Munkel an und sprach: Geliebter Freund!
Im Angesichte dieses hohen Tempels
Ermahn' ich nochmals dringend dich, kehr um!
Oh, kehre wieder in den weichen Scho
Der heilgen Mutter Kirche und vertraue
Dich ihrer altbewhrten Fhrung an! -

Ich ziehe meine Uhr und sage: Munkel,
Es ist ein Viertel zwlf; wir mssen eilen,
Wofern wir nicht den Zug verpassen wollen.
Indem so schlgt die Mnsterglocke elf. -
Du hrst es! sagt er: Hat noch lange Zeit. -
Na gut, wir bummeln endlich so lala
Zum Bahnhof. Richtig: Tt! Dort saust er hin!
Freudlos wr' uns die Nacht vergangen, htt' ich
Dem Herbergsvater nicht die Uhr gereicht.
Seitdem vertrau' ich keiner Kirchenglocke.
Und wenn die Engel selbst vom Turme bliesen,
Ich richte mich nach meiner Taschenuhr. -

Nun aber nimmt Herr Piepenbrink das Wort:
Ich lobe mir, so spricht er, jene Alte,
Die dorten in der Ecke ticktack macht.
Pnktlich um sieben morgens weckt sie uns.
Um achte mahnt sie Fritzen an die Schule.
Zwlfmal mit freud'gem Klang allmittglich
Ruft sie zu Tisch, und jeder folgt ihr gern.
Getreulich zhlt sie meiner lieben Frau
Beim Eierkochen die Minuten ab.
Was mich betrifft, so sorgt sie stets dafr,
Da ich die Zeit des Klubs niemals verfehle.
Und ist die Ruhestunde dann erschienen,
Gewissenhaft um zehne schlgt sie zehn.
So machte sie's gar manches Jahr,
Und keine Seele dachte was dabei,
Und keiner wute, wie so gut sie war,
Bis da sie eines Morgens stillestand.
Da wute man's. - Ach Gott, fiel Klppel ein,
So geht's mit mancher stillbescheid'nen Treue.
Allein insofern... Baum! Da tnt es ernst
Vom nahen Turme zwlf, und: Prost Neujahr!
Ruft jeder klangvoll ausgehhlte Mund
Und leert das Glas. (Zuerst ist Klppel fertig.)

Hierauf zieht Mutter Piepenbrink die Uhr
Bescheiden aus des Mieders warmer Spalte. -
Jetzt ist es zwlf auf meiner! ruft sie froh;
Und wieder folgt ein krftig Prost Neujahr! -
Und jetzt nach meiner! schreit Herr Mickefett,
Und nochmals schallt der festlich-frohe Gru,
Und nochmals beugt sich jeder gern nach hinten,
Um so das neugefllte Glas zu leeren.
(Herr Mickefett tut's zweimal hintereinander.)
Kaum ist's vollbracht, so fngt es in der alten,
Hchst ehrenwerten Wand= und Ticktackuhr
Zu schnurren an und - bemm! - und alsofort
Drhnt sie des Jahres letzte Stunde her. -
Hurra und Prosit Neujahr! - das klang mal schn!
Herr Klppel hlt den Ton noch lange aus. -

Fritz trank zu hastig; drum so mu er auch
Sehr heftig durch die Nase husten, welches
Mama und Julchen recht ins Lachen brachte.
Jedoch der biedre Vater Piepenbrink,
Der sanfte Klppel, Mickefett, der Schlaue,
Die tranken kreuzweis ew'ge Brderschaft.

So war man froh nach ganz verschiednen Uhren,
Schlief selig dann in ganz verschiednen Betten
(Der Vater und die Mutter ausgenommen)
Und ging des andern Tages, warm bekleidet,
Mit leichtem Schdelbrummen in die Messe.
(Herr Mickefett natrlich ausgenommen;
der kramt in der Butike und bereitet,
Verdrielich, doch mit Sorgfalt, einen Bittern.)




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