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Zirrwitt! Diddellitt!

Wilhelm Busch

Die Sonne schien;
Kein Lftchen weht.
Der Dorfpoet
Ergriff seinen Stock, um
Zu spazieren nach Loccum.
Und wie er so geht
Auf der graden Chaussee
Und die Augen verdreht
Nach der Rehburger Hh,
Wo krzlich
Drei Musen gesessen,
Um roten
Kohlsalat zu essen,
Den sie sonst nicht kriegten,
Fing er natrlich
Gleich an zu dichten.

Es war - es war -
Na, sagen wir mal -
Es war einmal ein reizendes Tal,
Da sa in ihrem Blumenpalais
Eine Sommerfee,
Die gttliche Zephira,
Und spielte auf ihrer Lyra.
Sie klimpert so hbsch,
Sie trillert so schn,
Kann keiner da vorbergehn;
Wer es auch ist,
Der Futourist,
Der Ritter zu Ro,
Er mu und mu
In das Zauberschlo.
Und ist er mal dort,
Kommt er nie mehr fort,
Denn die - denn die...

Hier kann der Poet,
Der Versebereiter,
Urpltzlich nicht mehr weiter.
Die Dichtung stockt,
Der Pegasus bockt.
O diese Nanda!
Schrie nmlich ganz
Dicht bei ihm an da
Ein Klapperstorch,
Der selig allein
In der Wiese stand
Auf dem linken Bein. -

Ei, sieh da! Meister Storch!
Also kennt Ihr die? -
Na, ob und wie!
Bin hbsch lang
In Frankfurt gewesen,
Mein Lieber!
Fnfzig Jahre und darber;
Knnt jeden fragen,
Den Ihr dort trefft.
Hab' ich doch gehabt
Mein Geschft
Auf der Bockenheimer Gass',
Links oben am Schlot.
Und flott ging die Sach',
Potz zapperlot!
Hatt' meine Ruhe nie.

Kommt da auch mal,
Es war so im Juni,
Eine schne Frau
Aus der Wiesenau. -
Herr Storch - hat sie gesagt -,
Knnten S' mir nit fr morgen
Wieder etwas besorgen? -
Wieviel, Madam?
Eins oder mehr? -
Nein, danke recht sehr!
Nur eins!
Aber ein Mdel, ein feins. -
Schon recht, Madam,
So prompt wie's geht,
Und prima Qualitt.
Also ich fort sogleich
Zu meinem Bbiliteich.
Hab' gefischt und gefuscht -
Die erst' war nischt,
Die zweit' war nuscht -
Aber beim drittenmal,
Da hab' ich's erwischt.
Frwahr,
Ein Prachtexemplar!
Und Augen hat's gemacht,
Und gleich hat's gelacht,
Und gestrampelt hat's,
Wie 'ne wilde Katz.
Und wie ich mich aufmach'
Und flieg' zurck -
Bei der Sachsenhuser Brck'
Hat's mich gerupft und gestupst,
Fast wr' mir's entschlupft
Und in den Main geplumpst.
Und wie ich vorbeikomm'
An Rothschild seinem Haus,
Ruft die Frau Rothschild
Zum Fenster heraus:
Herr von Storch,
Herr von Storch!
Fliegen S' nicht so dorch.
Lassen S' es hier,
Geben S' es mir,
Geb' gleich
10 000 Gulden dafr! -
Frau Baronin -
Hab' ich gesagt-,
Um kein Geld in der Welt.
Die Sach' ist bestellt! -
Und weiter flog ich,
Ohne lang zu warten,
ber Gontards Garten
Und besorgte mein Pckchen. -
Drum heit sie jetzt Nanda
Und nicht Rebeckchen. -

Der Poet,
Als der Storch so gesprochen,
Verneigt sich tief -
Er wr' in der Mitte
Fast abgebrochen -
Und sprach:
Herr Kommerzienrat!
Wegen dieser
Eurer hochherzigen Tat
Kann Euch die gute Stadt
Frankfurt am Main,
Wo Juden und Christen
Sich berlisten,
Nur dankbar sein. -

Bitte, Herr Hofpoet! -
Aber jetzt mu ich was fragen:
Wollt Ihr mir nicht
Geflligst mal sagen,
Wie's weiterging
Mit der Zephira
Und ihrer Lyra? -

Stehe zu Diensten! -
Ganz recht - jaja -,
Ist einer mal da -
Und ist mal dort,
Kann er nie mehr fort;
Denn die Hex',
Und wr' er auch noch so khn,
Behandelt, bezaubert,
Verwandelt ihn,
Bis er schwirrt und girrt
Und auf einmal
Ein richtiger Vogel wird.
Wohl zwanzig und mehre
Hat sie bereits in ihrer Voliere;
Verschiedenerlei,
Specht, Zeisig,
Gimpel und Papagei,
Und sogar einen alten
Uhu mit grlichen Falten.
Die sitzen nun da
In Federrcken
Auf Stangen und Pflcken
Und recken sich
Und necken und packen sich
Und warten, da ihre
Verehrte Zephire
Herbeikommt mit
Futter und Saitenspiel.
Aber es gibt nicht viel.
Ah! - Da tritt sie aus ihrer
Kemnate
Im luftigen, duftigen
Morgenstaate.
Bon jour, Messieurs!
Bin ich nicht
Eine entzckende Fee? -
Sofort - denn jeder will
Immer der erste sein -
Erhebt sich ein begeisterndes
Piepsen und Schrein:
Heil dir, Zephire!
Du bist die Schnste
Im ganzen Reviere!
Zirrwitt, uhu!
Diddellitt, uhu! -
Bravo, ihr Herrn!
Man wei es ja selbst,
Aber man hrt's doch gern!
Hier, meine lieben
Hflichen Mtzchen,
Habt ihr Hanfkrner
Und Zuckerpltzchen!
Doch du, alter Kauz,
Warum singst du nicht mit
So wie die andern:
Zirrwitt, Diddellitt?
Nur kein Huhuh mehr,
Das bitt' ich mir aus,
Du alter Mucker und
Butzeklaus! -

Dieser Kauz
War frher ein Laienbruder,
Ein kreuzbraves Luder,
Den hatte sein Kloster
Ausgesandt
Nach Lourdes ins Frankenland,
Damit er von dort
In einer Literphiole
Potzwundersam
Krftiges Wasser hole,
Das besorgt er denn auch,
Bezahlt, was Brauch,
Verstpselt die Flasche,
Verwahrt sie in seiner
Pilgertasche
Und begibt sich alsbald
Auf den Heimweg
Nach dem Ardenner Wald.
Natrlich ist all sein
Denken und Sinnen
Beschaulichermaen
Gerichtet nach innen;
Und weil es schon spt
Und dunkel wird -
- Natrlich, so geht's -,
Er hat sich verirrt.
Erst ist er geduldig,
Dann wird er verdrielich,
Dann schimpft er tchtig
Und leider schlielich
Flucht er sogar

Ob dieser Bedrngnis.
Das war sein Verhngnis.
Verlockt durch eines
Lichtes Schein,
Kehrt er im Zauberschlosse ein.
Und - ach! - da sitzt sie,
Die himmlische Fee,
Auf dem rosigen kosigen
Kanapee,
Im Abendkleide
Von goldener Seide,
Im Silberschleier
Und singt zur Leier.
Dem Klosterbruder
War's nicht geheuer. -
Hu, 'ne Hex, 'ne Hex!
Geschwind furt, furt!
Oh, hilf mir,
Du heiliges Wasser von Lurd! -
Aber es half nicht -
Versimpelt, berauscht,
Mit offnem Maul,
Steht er da und lauscht,
Und eh' er bemerkt,
Worum es sich handelt,
Ist er schon verwandelt.
Die Kutte wird zum
Federgewand,
Zum Flgel die Hand,
Die Nase wird knchern,
Starr glotzen die Augen
Aus runden Lchern.
Der Kauz ist fertig, haha, hihi!

Marsch fort,
Zu dem brigen Federvieh!

So trieb es diese Zauberin,
Mit Lachen
Und mit leichtem Sinn,
Mit Saitenspiel und mit Gesang,
Den ganzen lieben
Sommer lang.
Doch eines Morgens
Ward es khl,
Das Thermometer fiel und fiel;
Und eines Abends
Wird es kalt. -
O weh, welch eine Migestalt?
Was ist das fr 'ne alte Frau?
Sie geht am Stock,
Ist krumm und grau.
Sie klopft ans Tor. -
Wer ist davor? -
Mach auf, Zephirchen,
La mich ein!
Bin halt ein alt kalt
Mtterlein! -
Weg, weg! Bleib fern!
Die alten Weiber
Hab' ich nicht gern! -
Oho, ohe!
Mein Schatz,
Ich bin die Winterfee! -
Sie tt sich recken,

Sie schwang den
Mchtigen Zauberstecken. -
Verschwinde! rief sie.
Verschwinde!
In alle Winde!
Samt Blumen,
Leier und Hofgesinde! -
Das war ein Schreck.
Puh! Alles ist weg!
Sowohl Zephire
Wie auch ihre smtlichen
Schnabeltiere. -

Wo ist sie nun?
Kann sie
Noch immer nicht ruhn? -
Sie ist der Hauch,
Der die Wellen kruselt,
Der in Blttern suselt,
Der durch die
Aeolsharfen geht,
Der uns neckisch
Den Hut vom Kopfe weht;
Aber manchmal
Ist sie kein bloer Hauch,
Sondern strmt wohl auch.
Und ihre getreuen
Vglein schweifen
Stets um sie her in der Luft
Und pfeifen.
Sind Regenvgel,
Die in der Regel
Nicht sehr beliebt sind
Bei lndlichen Tanten,
Welche Seile spannten,
Um Wsche zu trocknen
Im Sonnenschein.
Oh! seufzt der Storch -
Und trat vom linken
Auf's rechte Bein.
Wie bin ich froh!
Unsre Fernanda,
Die ist nicht so!
Im brigen glaub' ich,
Herr Dorfpoet,
Ist's geraten, da Ihr Euch
Heimwrts dreht,
Falls Ihr nicht etwa
Verregnen wollt -
Zephire grollt!
Schon hr' ich sie rauschen
In den Fhren,
Schon lassen sich ihre
Vgel hren,
Und dort der Kumulus
ber dem Walde verspricht
Einen Regengu. -
Adieu, Herr Langbein!
Ich empfehle mich! -
Empfehl' mich gehorsamst,
Herr Dichterich!

Schleunigst macht sich der Poet
Auf die Socken.
Im Winde flattern
Die Dichterlocken.
Er schaut nicht um.
Die Wolke naht sich mit
Donnergebrumm.
Und als er sein kleines
Httchen erreicht,
Ist er ganz durchweicht
Und durchgewaschen
Bis in die Taschen,
Vom Strohhut oben
Bis tief in die Schuh.
Gottlob!
Jetzt macht er die Tre zu!




Wilhelm Busch

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