Balladen und Gedichte Songtexte und Volkslieder Wissen und Forschung Suche und Links
Autoren
Themen
Lnder

Arndt, Ernst Moritz
Arnim, Achim von
Brentano, Clemens
Browning, Robert
Busch, Wilhelm
Brger, Gottfried August
Chamisso, Adelbert von
Droste-Hlshoff, Annette von
Eichendorff, Joseph von
Ernst, Otto
Fontane, Theodor
Gerhardt, Paul
Goethe, Johann Wolfgang von
Grillparzer, Franz
Hagedorn, Friedrich von
Hebbel, Friedrich
Heine, Heinrich
Herder, Johann Gottfried von
Hofmannsthal, Hugo von
Housman, A.E.
Hlty, Ludwig Heinrich Christoph
Keats, John
Keller, Gottfried
Kraus, Karl
Liliencron, Detlev von
Meyer, Conrad Ferdinand
Mnchhausen, Brries Frhr. von
Mrike, Eduard
Ringelnatz, Joachim
Schiller, Friedrich
Storm, Theodor
Uhland, Ludwig
Weckherlin, Georg Rodolf

Graf Richard Ohnefurcht

Ludwig Uhland

1
Graf Richard von der Normandie
Erschrak in seinem Leben nie.
Er schweifte Nacht wie Tag umher,
Manchem Gespenst begegnet' er,
Doch hat ihm nie was Graun gemacht
Bei Tage noch um Mitternacht.
Weil er so viel bei Nacht tt reiten,
So ging die Sage bei den Leuten:
Er seh' in tiefer Nacht so licht,
Als mancher wohl am Tage nicht.
Er pflegte, wann er schweift' im Land,
Sooft er wo ein Mnster fand,
Wenn's offen war, hineinzutreten,
Wo nicht, doch auerhalb zu beten.
So traf er in der Nacht einmal
Ein Mnster an im den Tal;
Da ging er fern von seinen Leuten,
Nachdenklich, lie sie frba reiten,
Sein Pferd er an die Pforte band,
Im Innern einen Leichnam fand.
Er ging vorbei hart an der Bahre
Und kniete nieder am Altare,
Warf auf 'nen Stuhl die Handschuh' eilig,
Den Boden kt' er, der ihm heilig.
Noch hatt' er nicht gebetet lange,
Da rhrte hinter ihm im Gange
Der Leichnam sich auf dem Gestelle;
Der Graf sah um und rief: Geselle!
Du seist ein Guter oder Schlimmer,
Leg dich aufs Ohr und rhr dich nimmer!
Dann erst er sein Gebet beschlo,
Wei nicht, ob's klein war oder gro.
Sprach dann, sich segnend: Herr! mein Seel
Zu deinen Handen ich empfehl.
Sein Schwert er fat' und wollte gehen,
Da sah er das Gespenst aufstehen,
Sich drohend ihm entgegenrecken,
Die Arme in die Weite strecken,
Als wollt' es mit Gewalt ihn fassen
Und nicht mehr aus der Kirche lassen.
Richard besann sich kurze Weile,
Er schlug das Haupt ihm in zwei Teile;
Ich wei nicht, ob es wehgeschrien,
Doch mut's den Grafen lassen ziehn.
Er fand sein Pferd am rechten Orte;
Schon ist er aus des Kirchhofs Pforte,
Als er der Handschuh' erst gedenkt.
Er lt sie nicht, zurck er lenkt,
Hat sie vom Stuhle weggenommen;
Wohl mancher wr' nicht wieder kommen.

2
In der Abtei von Sankt Ouen
War dazumal ein Sakristan;
Er war als frommer Mnch genannt,
Ihm gutes Zeugnis zuerkannt.
Allein je mehr die Seele wert,
Je mehr der Teufel ihr begehrt.
Einst ging der Mnch, von dem ich sprach,
Im Mnster seinem Amte nach,
Da mut' er eine Dame sehen,
Er liebt sie, kann nicht widerstehen,
Er stirbt, wird sie ihm Gunst versagen,
Er will an sie sein alles wagen.
Wie er nun bat, wie er verhie,
Die Dame sich bereden lie,
Sie zeigte Zeit und Ort ihm an,
Wo er zunacht sie treffen kann.
Als nun die Nacht gedunkelt tief
Und alles in dem Kloster schlief,
Begann der Bruder seinen Gang,
Er suchte nicht Gesellschaft lang.
Zum Haus der Dame war kein Weg,
Als ber einen schmalen Steg,
Darber wollt' er eilig gehen;
Nun wei ich nicht, wie ihm geschehen,
Ob er sich stie, sich bertrat,
Ob einen falschen Tritt er tat:
Er fiel ins Wasser und versank,
Ohn' alle Rettung er ertrank.
Ein Teufel gleich die Seele nahm,
So warm sie aus dem Leibe kam;
Er wollte sie zur Hlle ziehn,
Da trat ein Engel vor ihn hin.
Sie tten um die Seele streiten,
Mit Grnden wechselnd sich bedeuten.
Der Teufel sprach: Es ziemt dir schlecht,
Zu greifen in mein bestes Recht.
Du weit, die Seel' ist mir gebunden,
Die ich ob bsen Werken funden.
Ich traf den Mnch ob bsen Werken,
Wie an dem Wege leicht zu merken,
Der Weg hat ihm den Stab gebrochen.
Du weit, es hat der Herr gesprochen:
Wo ich dich find, will ich dich richten.
Der Engel sprach darauf: Mitnichten!
Der Bruder lebte wandelfrei,
Solang er war in der Abtei.
Nun hat die Schrift uns klar bedeutet:
Dem Guten ist sein Lohn bereitet.
Dem Unsern mu der Lohn nun werden
Des Guten, das er tat auf Erden.
Die Snde war noch nicht erfllt,
Darum du schon ihn richten willt.
Er ist aus der Abtei getreten,
Er hat die Planke zwar betreten,
Allein er konnte noch zurcke,
Wr' er gestrzt nicht von der Brcke.
Des Bsen, das er nicht getan,
Darf er die Strafe nicht empfahn,
Und um ein wenig Wollen, nein!
Kann er nicht ein Verdammter sein.
Doch klage keiner bern andern,
La uns zum Grafen Richard wandern!
Von ihm sei unser Span geschlichtet!
Er hat noch immer gut gerichtet.
Der Teufel sprach: Ich bin's zufrieden,
Von ihm sei zwischen uns entschieden!
Sie eilten ins Gemach des Grafen,
Er lag im Bett und hatt' geschlafen,
Doch war er jetzo eben wach
Und dachte manchen Dingen nach.
Sie meldeten ihm alles klar,
Wie's mit der Seel' ergangen war.
Sie bten ihn nun, zu entscheiden,
Wem sie gehren sollt' von beiden.
Herr Richard hielt nicht lange Rat,
Er krzlich diesen Ausspruch tat:
Die Seele gebt dem Leib zurcke
Und stellt das Pffflein auf die Brcke,
Dahin gerade, wo es fiel!
Dann mische keiner sich ins Spiel!
Und rennt es in gestrecktem Lauf
Voran, und schaut nicht um, noch auf,
So fall' es in des Bsen Schlinge
Ohn' Widerspruch und lang Gedinge!
Doch wenn es anders sich entschieden
Und sich zurckzieht, hab' es Frieden!
Der Rechtsspruch, den der Graf getan,
Stund einem wie dem andern an,
Die Seele sie dem Leib einbliesen,
Dem Mnch die alte Stelle wiesen.
Als sich der Bruder wieder fand
Und frisch auf beiden Beinen stand,
Zog schneller er zurck den Schritt,
Als wer auf eine Schlange tritt.
Kaum hatten sie ihn losgelassen,
Tt er mit Abschied kurz sich fassen,
Er floh in grter Hast nach Haus,
Verkroch sich, wand die Kleider aus.
Noch immer er zu sterben bebte,
Er war im Zweifel, ob er lebte.
Als nun der Morgen brach heran,
Da ging der Graf nach Sankt Ouen,
Berief die Brderschaft zuhand,
Den Mnch in nassen Kleidern fand.
Richard ihn zu sich kommen lie
Und vor den Abt ihn treten hie:
Herr Bruder! wie ist's Euch ergangen,
Was habt Ihr Schlimmes angefangen?
Ein andermal habt besser acht
Beim Plankengehen in der Nacht!
Erzhlt dem Abte frei und offen,
Was Euch in dieser Nacht betroffen!
Der Bruder schmte sich zu Tod,
Er ward bis ber die Ohren rot,
Vor Abt und Grafen so zu stehen,
Doch tt er alles frei gestehen.
Der Graf bestrkte den Bericht,
So kam die Wahrheit an das Licht,
Und in der Normandie noch lange
War dieses Stichelwort im Schwange:
Mein frommer Bruder, wandelt sacht
Und nehmt auf Stegen Euch in acht!




Ludwig Uhland

Biographie

Balladen und Gedichte
Abendwolken
Abreise
Am 18. Oktober 1816
Bertran de Born
Das alte, gute Recht
Das Glck von Edenhall
Das Schifflein
Das Schlo am Meere
Das versunkene Kloster
Der gute Kamerad
Der Knigssohn
Der nchtliche Ritter
Der Schmied
Der Student
Der Ungenannten
Der wackere Schwabe
Der weie Hirsch
Der berfall im Wildbad
Des Knaben Berglied
Des Sngers Fluch
Die Abgeschiedenen
Die Geisterkelter
Die Geisterkelter
Die Kapelle
Die Malve
Die neue Muse
Die sanften Tage
Die Zufriedenen
Einkehr
Entschlu
Frhlingsglaube
Fruleins Wache
Graf Eberstein
Graf Richard Ohnefurcht
Heimkehr
Hirsau
In ein Stammbuch
Inschrift
Lauf der Welt
Legende
Mailied
Nachruf
Neujahrswunsch 1817
Nchtlicher Himmel
Reisen
Ritter Paris
Romanze vom kleinen Dumling
Schwere Trume
Schfers Sonntagslied
Seliger Tod
Sonnenwende
Taillefer
Tells Tod
Trinklied
Verborgenes Leid
Von den sieben Zechbrdern
Wein und Brot
Wintermorgen
Wrttemberg
Impressum   Kontakt




Magento Freelancer aus Köln Balladen.de - Startseite