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(Aphorismen) 1915

Karl Kraus

Jetzt sind alle Gedankengnge Laufgrben. Meine gar Katakomben.


Ein Zauberlehrling scheint die Abwesenheit des Meisters bentzt zu haben. Nur da es statt Wassers Blut gibt.


Das Kinderspiel "Wir spielen Weltkrieg" ist noch trostloser als der Ernst "Wir spielen Kinderstube". Es wre dieser Menschheit zu wnschen, da ihre Suglinge mit Erfolg anfangen, einander auszuhungern und den Ammen die Kundschaft abzutreiben.


Es gibt eine Idee, die einst den wahren Weltkrieg in Bewegung setzen wird: Da Gott den Menschen nicht als Konsumenten und Produzenten erschaffen hat. Da das Lebensmittel nicht Lebenszweck sei. Da der Magen dem Kopf nicht ber den Kopf wachse. Da das Leben nicht in der Ausschlielichkeit der Erwerbsinteressen begrndet sei. Da der Mensch in die Zeit gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den Beinen irgendwo eher anzulangen als mit dem Herzen.


Dieser Krieg wirkt aus den Verfallsbedingungen der Zeit. Er ist die eigentliche Realisierung des Status quo.


Was kann durch einen Weltkrieg entschieden werden? Nicht mehr, als da das Christentum zu schwach war, ihn zu verhindern.


Paternoster heit ein Lift. Bethlehem ist ein Ort in Amerika, wo sich die grte Munitionsfabrik befindet.


Das Gefhl des neudeutschen Menschen, da er sich selbst keine hhere Bestimmung zuerkennen drfe als die, eine Przisionsuhr zu sein, hat eine Redensart gefunden, deren smarte Hlichkeit durch ihre bndige Wahrheit vershnt. Man spricht davon, irgendwo sei eine Gesellschaft versammelt gewesen, in der auer Knstlern und Bohemiengs [Bohemiens] sogar Prinzen bemerkt wurden. Da setzt man denn, damit es nur sicher geglaubt werde, gleich hinzu: "richtiggehende Prinzen". Adel und Schnheit, Liebe und Kunst, Tag und Traum, Krieg und Friede, Zufall und Schicksal - alles geht richtig. Man mu den Menschen, wenn er einmal erzeugt ist, nur aufziehen, dann geht er schon alleine richtig. Eine weitere Gebrauchsanweisung erbrigt sich ... Und da wundert man sich, da im Instinkt der umgebenden Menschheit etwas gegen ein Verfahren rebelliert, das als patentierter Instinktersparer den Menschen so weit gebracht hat, pnktlich dort zu sein, wohin ihn Gott nicht bestellt hat, und pnktlich dort zu fehlen, wo Gott so lange vergebens wartet.


Zwischen der Sprache und dem Krieg lt sich etwa dieser Zusammenhang feststellen: da jene Sprache, die am meisten zu Phrase und Vorrat erstarrt ist, auch den Hang und die Bereitschaft erklrt, das Wesen durch ein Surrogat des Tonfalls zu ersetzen, mit berzeugung alles das an sich selbst untadelig zu finden, was dem andern zum Vorwurf gereicht, mit Entrstung zu enthllen, was man auch gern tut, jeden Zweifel in einem Satzdickicht zu fangen und jeden Verdacht, als ob nicht alles in Ordnung wre, wie einen feindlichen Angriff mhelos abzuweisen. Das ist vorzglich die Qualitt einer Sprache, die heute jener Fertigware gleicht, welche an den Mann zu bringen den Lebensinhalt ihrer Spracher ausmacht; sie glnzt wie ein Heiligenschein, und sie hat nur noch die selbstverstndliche Seele des Biedermanns, der gar keine Zeit hatte, eine Schlechtigkeit zu begehen, weil sein Leben nur aufs Geschft auf- und draufgeht und, wenn's nicht gereicht hat, ein offenes Konto bleibt.


Fr die Kultur eines Volkes drfte die Anzahl der "Zarathustra"-Exemplare, die seine Soldaten im Tornister fhren, schwerlich ein verllicher Mastab sein. Eher schon der Umstand, da den Soldaten mehr "Zarathustra"-Exemplare nachgerhmt werden, als im Felddienst tatschlich zur Verwendung gelangen, und da es jene hren wollen, die daheim ihren "Zarathustra" lesen und ihre Zeitung.


Die deutsche Bildung sollte nicht geleugnet werden. Nur mu man auch wissen, da sie kein Inhalt ist, sondern ein Schmckedeinheim.


Mit gutem Recht ist in den Betrachtungen ber Kultur und Krieg immer davon die Rede, da die andern die Utilitarier sind. Diese Auffassung entstammt dem deutschen Idealismus, der auch die Nahrungs- und Abfhrmittel verklrt hat.


Ich kann beweisen, da es doch das Volk der Dichter und Denker ist. Ich besitze einen Band Klosettpapier, der in Berlin verlegt ist und der auf jedem Blatt ein zur Situation passendes Zitat aus einem Klassiker enthlt.


Die Pickelhaube ist gebildeter als der Kosak; aber er lebt nicht so weit von Dostojewski wie sie von Goethe.


Wie wird die Welt regiert und in den Krieg gefhrt? Diplomaten belgen Journalisten und glauben es, wenn sie's lesen.


Was ist denn das fr ein mythologischer Wirrwarr? Seit wann ist denn Mars der Gott des Handels und Merkur der Gott des Krieges?


Es ist ein Triumph der Sprache ber die Sieger, da sie, ob sie wollen oder nicht, jetzt so oft den Plural "Schilder" anwenden, und ein Triumph der Kaufleute ber die Sprache, da sie im kommenden Frieden nur noch "Schilde" ber ihren Geschften haben werden. Und es ist nicht einmal eine Verwechslung dieser Worte, da doch der Krieg auf einer Verwechslung dieser Dinge beruht. In der gepanzerten Kommerzwelt, die tglich Blutbilanz macht, tauschen der Schild und das Schild so oft ihre Rollen wie das Verdienst und der Verdienst. Es geht um so leichter, als Berufe, die ihr Lebtag einen Verdienst und ein Schild hatten, jetzt ohne bergang einen Schild und ein Verdienst haben.


Ehedem war der Krieg ein Turnier der Minderzahl und jedes Beispiel hatte Kraft. Jetzt ist er ein Maschinenrisiko der Gesamtheit und jedes Beispiel steht in der Zeitung.


Die Quantitt ist kein Gedanke. Aber da sie ihn fra, ist einer.


Einmal rief ein Weib: "Extraausgabe! Neue Freie Presse!" Sie hatte an der Hand ein dreijhriges Kind; das rief: "Neue feile Presse!" Und sie hatte einen Sugling auf dem Arm; der rief: "Leie leie lelle!'' Es war eine groe Zeit.


Separiertes Zimmer fr einen soliden Herrn gesucht, in das der Ruf "Extraausgabee!" nicht dringt.


"Es handelt sich in diesem Krieg -" - "Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!"


Ich begreife, da einer Baumwolle fr sein Leben opfert. Aber umgekehrt?


Die Vlker, die noch den Fetisch anbeten, werden nie so tief sinken, in der Ware eine Seele zu vermuten.


Es gibt Gegenden, wo man wenigstens die Ideale in Ruhe lt, wenn der Export in Gefahr ist, und wo man so ehrlich vom Geschft spricht, da man es nicht Vaterland nennen wrde, und vorsichtshalber gleich darauf verzichtet, in seiner Sprache ein Wort fr dieses zu haben. Solches Volk nennen wir Idealisten des Exports eine "Geschftsnation".


Der Anspruch auf einen Platz an der Sonne ist bekannt. Weniger bekannt ist, da sie untergeht, sobald ei errungen ist.


Ich liebe die Lebensbedingungen des Auslandes nicht. Ich bin nur fter hingegangen, um die deutsche Sprache nicht zu verlernen.


(Kindermund) "Der Papa hat gestern gesagt: Ans Vaterland, ans teure, schlie dich an. Ist denn das Vaterland jetzt auch teurer geworden?"


Der Kommis kennt jetzt keinen hheren Ehrgeiz, als Franzsisch und Englisch nicht zu knnen. Deutsch aber beherrscht er nach wie vor.


Ich wei nicht, was das ist, aber seitdem ich statt einer Potage la Colbert eine "Suppe mit Wurzelwerk und verlorenem Ei", statt Irish stew "Hammelfleisch im Topf auf brgerliche Art", ein "Mischgericht" statt eines Ragout, keinen Vol-au-vent, sondern eine "Bltterteighohlpastete" und dazu nicht Mixed pickles, sondern im Gegenteil "Scharfes Allerlei" zu essen bekomme, und wenn mir ein Appetitbrot gengte, "Reizbrot, Leckerschnitte", statt einer Sauce tartare "Tartaren-Tunke (So)'', statt einer Sauce Mayonnaise "Eierltunke (So)'', statt Sardellensauce "Sardellentunke" oder "Sardellensose", wobei der Patriot ohnehin schon ein Auge zudrckt, statt eines garnierten Rindfleisches entweder ein "Rindfleisch umlegt (mit Beilagen)" oder mit "Gemse-Randbeilagen (Umkrnzung)", statt Pommes la maitre d'hotel "Erdpfel nach Haushofmeister-Art" und ein "Rumpfstck", ein "Beiried-Doppelstck", ein "Rinds-Lenden-Doppelstck" oder ein "blutiges Zwischenstck", entweder "mit Teufelstunke" oder "mit Bearner Tunke", wobei das unbersetzbare Bearner schwer verdaulich ist, oder gar "auf Bordelaiser Art", unter der ich mir nichts vorstellen kann, whrend ich einst doch wute, wie das Leben la Bordelaise beschaffen war, seitdem ein "Erdpfelmus-Brei, frisch gemacht", ein "Blumenkohl mit hollndischer Tunke (Sos)" oder mit "Hollndersose" oder ebenderselbe "berkrustet" auf den Tisch kommt, seitdem es, ach, "Volksgartenlendenschnitten" gibt. [,] "Schnee-Eierkuchen mit Obstmus", die Maccaroni verstndlicher Weise "Treubruchnudeln" heien, der Russische Salat aber "Nordischer Salat" und zwischen einem Wlischen und einem Welschen Salat zu unterscheiden ist, welch letzterer auch "Schurkensalat" genannt wird, seitdem fr "zwei verlorene Eier" nur ein ehrlicher Finder gesucht wird und mir zum Nachtisch "Nschereien" geboten werden, sei es "ein Pckchen Knusperchen" oder "Kecks" oder gar eine "Krem" oder - - Hilfe? - ein "Hofratskschen" statt eines Romadour, - seitdem, ich wei nicht, wie das kommt, ist halt alles so teuer geworden! Ja, ich versteh nicht, warum diese deutschen bersetzungen und die dazu notwendigen Erklrungen auf Franzsisch und Deutsch gar so kostspielig sind!


Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein groes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhuser und Kaufhuser.


In der deutschen Bildung nimmt den ersten Platz die Bescheidwissenschaft ein.


Jeder Staat fhrt den Krieg gegen die eigene Kultur. Anstatt Krieg gegen die eigene Unkultur zu fhren.


Das bel wirkt, ber den Krieg hinaus und durch ihn; es mstet sich am Opfer.


Das bel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.


Es ist schn, fr eine Idee zu sterben. Wenn's nicht eben die Idee ist, von der man lebt und an der man stirbt.


Alles was ehedem paradox war, besttigt nun die groe Zeit.


In Deutschland steht die Kunst "im Dienste des Kaufmanns". Noch nie drfte einem Dienstboten mit weniger Wahrheit nachgerhmt worden sein, da er gesund entlassen wurde.


Derselbe Mischmasch einer Kultur, die aus Absatzgebieten Schlachtfelder macht und umgekehrt, baut aus Stearinkerzen Tempel und stellt "die Kunst in den Dienst des Kaufmanns". Wenn die Industrie Knstler beschftigt, so kann sie auch Krppel liefern.


Es gibt Knstler der Lge und es gibt Ingenieure der Lge. Jene wirken gefhrlich auf die Phantasie; diese haben sie schon vorher aufgebraucht.


Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.


Nie sollte der Brger das Gefhl haben, da das Vaterland ein Gut- und Blutegel sei!


Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Vlker matt gesetzt werden.


Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt.


Wie geht das nur zu? Die Welt brennt - aber von den Huptern jener Liebe, die man schon vorher tglich gezhlt hat, fehlt kein einziges.


Nichts hat sich gendert, hchstens, da man es nicht sagen darf.


Jetzt sprechen hat entweder zur Voraussetzung, da man keinen Kopf hat, oder zur Folge.


Ich sah einen, dessen Gesicht gedieh, wurde breit und breiter, bis es aufging wie ein lachender Vollmond ber dem blutigen Zeitvertreib der Erde. Solcher Monde so viele zhlte schon der Krieg.


Wenn man dem Teufel, dem der Krieg seit jeher eine reine Passion war, erzhlt htte, da es einmal Menschen geben werde, die an der Fortsetzung des Krieges ein geschftliches Interesse haben, das zu verheimlichen sie sich nicht einmal Mhe geben und dessen Ertrag ihnen noch zu gesellschaftlicher Geltung verhilft - so htte er einen aufgefordert, es seiner Gromutter zu erzhlen. Darin aber, wenn er sich von der Tatsache berzeugt htte, wre die Hlle vor Scham erglht, und er htte erkennen mssen, da er sein Lebtag ein armer Teufel gewesen sei!


Wenn man von einem Krieg der Quantitten spricht, bejaht man scheinbar die Notwendigkeit des Krieges als solchen, der ja immerhin das Problem der bervlkerung auf eine Zeit in Ordnung bringen mag. Aber wre dieser edle Zweck nicht schmerzloser durch die Freigabe der Fruchtabtreibung zu erreichen? "Dazu wrde die herrschende Moralauffassung" - hre ich eben diese sagen -"nie ihre Zustimmung geben!" Das habe ich mir auch nicht eingebildet, da die herrschende Moralauffassung nur dazu ihre Zustimmung gibt, da Frauen Kinder bekommen, damit diese von Fliegerbomben zerrissen werden!


Der Humor eines Kegelklubs wirft, wenn's sein mu, auch Bomben mit Witzen.


Ich glaube: Da der Krieg, wenn er die Guten nicht ttet, wohl eine moralische Insel fr die Guten herstellen mag, die auch ohne ihn gut waren. Da er aber die ganze umgebende Welt in ein groes Hinterland des Betrugs, der Hinflligkeit und des unmenschlichsten Gottverrats verwandeln wird, indem das Schlechte, ber ihn hinaus und durch ihn fortwirkend, hinter vorgeschobenen Idealen fett wird und am Opfer wchst. Da sich in diesem Krieg, dem Krieg von heute, die Kultur nicht erneuert, sondern nur durch Selbstmord vor dem Henker rettet. Da er mehr war als Snde: da er Lge war, tgliche Lge, ans der Druckerschwrze flo wie Blut, eins das andere nhrend, auseinanderstrmend, ein Delta zum groen Wasser des Wahnsinns. Da dieser Krieg von heute nichts ist als ein Ausbruch des Friedens, und da er nicht durch Frieden zu beenden wre, sondern durch den Krieg des Kosmos gegen diesen hundstollen Planeten! Da Menschenopfer unerhrt fallen muten, nicht beklagenswert, weil sie ein fremder Wille zur Schlachtbank trieb, sondern tragisch, weil sie eine unbekannte Schuld zu ben hatten. Da fr einen, der das beispiellose Unrecht, das sich noch die schlechteste Welt zufgt, als Tortur an sich selbst empfindet, nur die letzte sittliche Aufgabe bleibt: mitleidslos diese bange Wartezeit zu verschlafen, bis ihn das Wort erlst oder die Ungeduld Gottes.


"Auch Sie sind ein Optimist, der da glaubt und hofft, da die Welt untergeht." Nein, sie verluft nur wie mein Angsttraum, und wenn ich erwache, ist alles vorbei.




Karl Kraus

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