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Weihnacht

Karl Kraus

Als ich am heiligen Abend mit einem Freunde reiste, um der Stimmung zu entgehen, zu der uns die Stimmung fehlte, erkannte ich, wie sich das Bild der Welt verndert hat, seitdem ihr die Stimmung vorgeschrieben ist. Drei Handlungsreisende, die in der dritten Wagenklasse nicht mehr Platz gefunden hatten, drangen in unser Coup und begannen sofort von Geschften zu sprechen. Sie sprachen aber in einem Ton, der etwa den Ernst jenes Lebens offenbarte, aus dem die Anekdoten ihren Humor schpfen. Wir rumten das Feld, und nachdem wir eine Weile von drauen einem Kartenspiel hatten zusehen mssen, bekamen wir Pltze in der ersten Klasse angewiesen. Dort erkannte ich die Bedeutung dieses Abenteuers in dieser Nacht. Wer ohne Abschied von Gott den Zug bestiegen hat, wird ihn als guter Christ verlassen. Er ist bekehrt, er sehnt sich wieder nach dem Duft von Harz und Wachs und Familie. Ihm, nur ihm wurden solch heilige drei Knige gesendet ... So htten auch wir unsere Weihnacht erlebt, wenn nicht die Stimmung, der wir uns also ergeben muten, durch eben jene wieder gestrt worden wre. Denn sie drangen nun auch in die erste Klasse und verlangten Genugtuung, weil sie vermuten zu knnen glaubten, da wir uns ber ihr morgenlndisches Betragen beim Schaffner beschwert htten. Sie sagten stolz, sie seien Kaufleute. Sie zogen die Stiefel aus und spielten Tarock. Sie borgten sich die Ehre von Gott in der Hhe, nahmen den Frieden von der Erde und waren den Menschen kein Wohlgefallen. Wir aber, die den Weihnachtstraum wieder entschwinden sahen, beugten uns vor der bermacht der Religion, fr die sie reisten ... Wer vermchte sich ihr zu entziehen? Sie drang aus der dritten empor in die zweite Klasse und sie bt Vergeltung bis in die erste Klasse. Im Diesseits und im Jenseits gewinnt sie um geringern Lohn den bessern Platz. Sie lt das Leben nicht zur Ruhe kommen und in der Kunst erreicht sie es mhelos, da man ihr die bequeme Geltung einrumt. Sie ist da, und man flchtet auf den Korridor. Zieht man sich dann aber in die Unsterblichkeit zurck, so verschafft sie sich auch dort Einla. Sie ist da und dort. Vor der Allgewalt des Geschftsreisenden ist in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen.




Karl Kraus

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