Balladen und Gedichte Songtexte und Volkslieder Wissen und Forschung Suche und Links
Autoren
Themen
Lnder

Arndt, Ernst Moritz
Arnim, Achim von
Brentano, Clemens
Browning, Robert
Busch, Wilhelm
Brger, Gottfried August
Chamisso, Adelbert von
Droste-Hlshoff, Annette von
Eichendorff, Joseph von
Ernst, Otto
Fontane, Theodor
Gerhardt, Paul
Goethe, Johann Wolfgang von
Grillparzer, Franz
Hagedorn, Friedrich von
Hebbel, Friedrich
Heine, Heinrich
Herder, Johann Gottfried von
Hofmannsthal, Hugo von
Housman, A.E.
Hlty, Ludwig Heinrich Christoph
Keats, John
Keller, Gottfried
Kraus, Karl
Liliencron, Detlev von
Meyer, Conrad Ferdinand
Mnchhausen, Brries Frhr. von
Mrike, Eduard
Ringelnatz, Joachim
Schiller, Friedrich
Storm, Theodor
Uhland, Ludwig
Weckherlin, Georg Rodolf

Der Festzug

Karl Kraus

Ich wei, ich wei - Sie hatten schon in Wien
Die Fenster, die Balkons voraus gemietet ...
Die Schlacht htt' ich mit Schimpf verlieren mgen,
Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
Da ich um ein Spektakel sie betrog.

Wallenstein

Die Erwartung war auf das hchste gestiegen. Seit dreiig Jahren hatte die Stadt keinen Festzug gesehen. In dem Einerlei also waren die letzten Dezennien der politischen Geschichte vergangen. Ereignisse, bei denen man nicht dabei sein kann und die man weder sieht noch hrt, wirken nur auf die Phantasie und bewirken darum, da man sich unter ihnen nichts vorstellt. Der Streit der Nationen vermochte nur dort Interesse zu wecken, wo er als Straenexze in Erscheinung trat, und bei jedem Verfassungsbruch ghnte die Bevlkerung, weil sie sich ihn als das Krachen einer Lawine gedacht hatte und nicht einmal ein zerrissenes Papier zu Gesicht bekam. Das ffentliche Leben bot keine Abwechslung mehr. Man war dermaen ausgehungert, da man die berraschung auch dort suchte, wo sie bestimmt nicht zu finden war. Blieb einer stehen und sah zum Dach eines Hauses hinauf, so war er sicher, mehr Zulauf zu finden, als ein Agitator, der den Versammelten von der Schdlichkeit des neuen Handelsvertrags sprechen wollte, und man mochte lieber von jenem zum besten gehalten sein, als von diesem zum Bessern geleitet. Nur das Unmittelbare wirkte auf die Lebensanschauung des Volkes, und es ist statistisch nachgewiesen, da damals bei gleicher Hufigkeit ein gefallenes Droschkenpferd greres Aufsehen erregt hat als eine gestrzte Regierung. Da es kein ffentliches Leben mehr gab, so mute schlielich das Privatleben fr ffentliche Zwecke herangezogen werden, und es war dafr gesorgt, da jeder Brger Sonntags erfuhr, was fr ein Huhn der Nachbar im Topfe habe. Das Selbstbewutsein wurde nur noch durch die Eitelkeit unterhalten, das soziale Gefhl nur durch die Neugierde, und wenn sich diese Triebe glcklich paarten, so ward eine Eigenschaft daraus, die alle Gegenstze verband: die Loyalitt. Die Bevlkerung hatte aus den Zeitungen erfahren, da es im Staatsleben drunter und drber gehe, und deshalb sah sie in so bsen Zeiten vertrauensvoll zu der Person des Landesvaters auf, von der in den Zeitungen zu lesen war, da sie das einigende Prinzip darstelle. Nur der Patriotismus vermochte noch einige Farbe in das graue Dasein des Staatsbrgers zu bringen, der zu allen Lasten j-a sagt. Denn der Patriotismus ist ein Gefhl, bei dem die Schaulust viel mehr auf ihre Rechnung kommt als beim Mnnerstolz vor Knigsthronen, whrend anderseits das grere Aufsehen, das unstreitig bei einer Revolution entsteht, mit Unbequemlichkeiten verbunden ist, die einer patriotischen Demonstration erspart bleiben. Und noch ein Gefhl gibt es, das dem Patriotismus nahe verwandt ist: das ist die Liebe zu den fremden Monarchen. Wenn sie zu Besuch kommen, so gibts manches zu sehen und zu hren, und die Loyalitt, die keine politischen Grenzen kennt, ist die Basis, auf der sich ein Komitee in der Stille bildet und ein Spalier im Strom der Welt. Aber wie viel wertvolle Schaulust ist schon bei solchen Gelegenheiten unbefriedigt geblieben, wie wenigen war es vergnnt, sich selbst davon zu berzeugen, ob die Potentaten wirklich, wie eine berlieferung behauptete, elastischen Schrittes den Eisenbahnwaggon verlieen. Man nahm es glubig hin und begngte sich im brigen damit, von den Schutzleuten zurckgedrngt zu werden, wenn der hohe Gast an der Seite des Landesvaters in offenem Wagen vorbeifuhr und bei ungnstiger Witterung in geschlossenem. Das sind die Augenblicke, in denen die Seele eines serbischen Hoflieferanten ihren Hhenflug nimmt, in denen der Mensch nachdenkend inne wird, warum und zu welchem Ende er Honorarkonsul ist, und wo ein ahnungsvolles Hoffen erkennt, da es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, deren Anblick uns der nchterne Alltag vorenthlt, nmlich Fahnen und Girlanden.

Aber der Patriotismus ist leider auch ein Gefhl, das oft lnger brachliegt, als fr die Gesundheit der Beteiligten zutrglich ist. Seit Jahrzehnten wuten die Freunde des Volkes, was ihm fehle. Von allen Bildungsbestrebungen war es seit jeher die populrste, ein Komitee zu bilden, und es gab eines, dessen Absichten tiefer als die irgend eines andern in den wahren Bedrfnissen der Bevlkerung wurzelten. Es war das Festzugsexekutivkomitee, das sich aus einem intuitiven Erfassen kommender Mglichkeiten vor Jahrzehnten schon in Permanenz erklrt hatte. Es hatte sogar die Eventualitt eines vaterlndischen Sieges in Aussicht genommen, hielt sich aber an jene bekannte Devise, die eine Vermehrung der Hausmacht auf dem nicht mehr ungewhnlichen Wege der Heirat den kriegerischen Schwierigkeiten vorzieht. Das Festzugsexekutivkomitee, das sich im Laufe der Jahre an Enttuschungen gewhnt hatte, gab die Hoffnung dennoch nicht auf, endlich in Aktion zu treten. Wenn alle Ordensbnder reien und alle Ereignisse ungeschehen bleiben, so mute ja doch einmal wenigstens der Gedenktag eines Ereignisses anbrechen, und auf dessen Verherrlichung konnte sich dann der ganze Eifer werfen, der durch Jahrzehnte lahmgelegt war, und die Knopflcher wrden all den Lohn gar nicht fassen knnen, der an einem Tage zur Entschdigung fr dreiigjhrige Geduld auf sie einstrmen wrde.

Das Jahr war gekommen und der Tag war nah. Eine fieberhafte Erregung hatte sich aller beteiligten Kreise bemchtigt. Nur ein Gedanke beherrschte alle Kpfe, setzte alle Fe in Bewegung: Der Festzug! Das Volk braucht den Festzug wie einen Bissen Brot! Das ist die groe Gelegenheit, wo endlich alle dabei sein knnen! Es wird der grte Sieg sein, der je errungen wurde, wenn es uns gelingt, die glorreiche Vergangenheit des Vaterlandes in lebenden Bildern darzustellen. Da reckt sich die Residenz aus ihrer alten Lethargie und aus den Provinzen hagelt es Kundgebungen. Ein Erfolg des Exekutivkomitees, der an und fr sich schon alle Erwartungen bertrifft. Aber das Exekutivkomitee wei, da es noch viel Arbeit geben wird, um alle Schichten fr einen Plan zu gewinnen, der fr einen einzigen Tag die Lsung der sozialen Frage verheit. Wie sollte der Adel zgern, mitzuspielen, das Brgertum, zu zahlen, und das Volk, zuzuschauen? Das Exekutivkomitee tagt ohne Unterbrechung und sendet seine Werber von Haus zu Haus. Die Kunst hat sich augenblicklich in den Dienst der patriotischen Idee gestellt. Jene Schnheitstrunkenheit, die keinen eigenen Gedanken auszudrcken hat, lechzt nach der Gelegenheit, sich in einem Prunkgewand zu zeigen. Prinz Eugen, der edle Ritter, hat noch keinen verlassen, der ihn in knstlerischen Nten anrief, und wenn es gar zu Aachen in seiner Kaiserpracht im altertmlichen Saale Knig Rudolfs heilige Macht zu kostmieren gilt, dann, wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt, umsteht die ganze Knstlergenossenschaft geschftig den Herrscher der Welt. In allen Ateliers wird gemalt, geschneidert und gehofft. Die meisten Menschen, denen man auf der Strae begegnet, blicken schon zuversichtlich in die glorreiche Vergangenheit, in den Wirtshusern fhlt sich jeder Speisentrger als Pfalzgraf des Rheins. Die Hoffnung auf den Festzug hat einen Patriotismus geweckt, der um seiner selbst willen leben will und lngst den Zweck vergessen hat, dem er dienen, und die Person, die er ehren soll. Die Begeisterung hat nicht den Plan, der Plan hat die Begeisterung erschaffen. Und wenns an dem Tag, an dem sie zum Ausbruch gelangen wird, nicht blo Orden regnen sollte, das Volk wrde seinen Glauben an die Vorsehung verlieren ...

Da erscheint eine offizielle Kundgebung, die den Dank jener allerhchsten Stelle, der die Huldigung zugedacht ist, verlautbart: Man sei von den Beweisen echter Loyalitt gerhrt, wnsche aber nicht, da dieses Gedenkjahr auf geruschvolle Weise gefeiert, sondern da aller Aufwand von Energie, Zeit und Geld, den ein Festzug koste, wohlttigen Zwecken gewidmet werde. .. Das Blatt, auf dem die Mitteilung solchen Wunsches gedruckt steht, wird ins Komiteezimmer gebracht. Fr einen Augenblick herrscht Totenstille. Alle Anwesenden starten wie gelhmt vor sich hin. Ein Fanatiker des historischen Kostms fhlt sich in jene Partie der Geschichte des Herrscherhauses versetzt, die den Einzug Albas in die Niederlande bedeutet. Und sie stehen da, wie die Ochsen am Weien Berg. Das hatte man nicht erwartet. "Dank vom Haus -!" bringt endlich der Prsident hervor, aber es verschlgt ihm selbst diese kurze Rede. Er hat in unverminderter krperlicher Frische das Jubeljahr erlebt, und nun soll die Arbeit eines ganzen Lebens dahin sein! Nein, das kann nicht ernst gemeint sein; die Suppe, in die einem gespuckt wird, wird nicht so hei gegessen, wie sie gekocht wurde. Die allerhchste Stelle kann nicht so unpatriotisch denken, da sie einen Festzug verhindern sollte. Er wird zustande kommen! Und wenn das Reich sich auflst - das Komitee lst sich nicht auf! Wer ist der erste, der seinen Hauptmann in der Not verlt? Und wie Ein Mann erhebt sich die Versammlung und beschliet auszuharren. Schon melden sich einige Libertiner zum Wort, die erklren, da sie eher aus dem Staatsverband als aus dem Exekutivkomitee austreten wrden. Einer fordert zur Steuerverweigerung auf. Ein anderer schlgt vor, in die bhmischen Wlder zu gehen und dort eine Aktiengesellschaft zu grnden. Ein dritter rt zur Migung und verspricht, die Sache durch einen befreundeten Abgeordneten im Wege der Interpellation zur Sprache bringen zu lassen. Ein vierter entgegnet, da damit wenig erreicht sei, weil die Entschlieungen der Krone vom Parlament nicht diskutiert werden knnten. Immerhin, meint wieder ein anderer, werde die Sache zur Sprache kommen, und man solle auch dafr sorgen, da in Volksversammlungen und in der Presse agitiert werde. Ein Verblendeter, der den Mut hat, zu erklren, er tue da nicht mit, man msse anerkennen, da der Wunsch des alten Landesvaters gleichermaen von dem Wunsch nach Ruhe wie von der Liebe zu seinen Vlkern diktiert sei, wird mit dem Zuruf "Aber der Fremdenverkehr!" unterbrochen und hinausgeworfen. Endlich gelingt es einem, einen Vorschlag zu machen, der einstimmig angenommen wird: man mge es noch einmal in Gte versuchen und durch Protektion einer Hofdame die Freigabe des Festzuges zu erreichen trachten. Die nchste Sitzung wird auf Montag anberaumt und in ihr soll das Resultat des Vermittlungsversuches bekanntgegeben werden ...

Ein trauriges Resultat. Die allerhchste Stelle war von ihrer Meinung, da man sie durch Akte der Wohlttigkeit besser ehre und durch diese dem Volke besser diene als durch den Festzug, nicht abzubringen. Als das Komiteemitglied, das mit der Hofdame bekannt ist und deshalb durch dreiig Jahre sich des grten Ansehens erfreute, die Nachricht bringt, erhebt sich ein beispielloser Tumult. Rufe wie "Streber!" und unartikulierte Schreie, aus denen nur eine starke Nichtachtung fr Hofdamen hervorzugehen scheint, werden hrbar. Und dafr habe man gekmpft! Und ob denn, fragt einer hhnisch, der Wunsch der allerhchsten Stelle uns Verbot sein msse? Und was es denn die allerhchste Stelle angehe, wenn man ihr zu Ehren einen Festzug veranstalten will? Der Fanatiker des historischen Kostms hofft, da es ihm wenigstens gelingen werde, in einer Wallenstein-Gruppe darzustellen, wie man die Bevlkerung um ein Spektakel betrgt. Einer schlgt fr den uersten Fall eine Verwendung der Tribnen als Barrikaden vor ... Die Erregung pflanzt sich auf die Strae fort, in den Kaffeehusern gibt es nur ein Gesprchsthema. Ein Blatt veranstaltet eine Extraausgabe, die die alarmierende Nachricht bringt, da die allerhchste Stelle nicht nur den Festzug, sondern auch alle anderen Ovationen ablehne und an dem Wunsch, da die Feier durch wohlttige Handlungen begangen werde, festhalte. Damit ist die letzte Hoffnung begraben. Es beginnt im Volke zu gren. Droschkenpferde fallen und man beachtet sie nicht. Einer sieht zum Dach eines Hauses hinauf und findet keine Teilnehmer. Dagegen luft alles einem Agitator zu, der in einer Versammlung ber die Schdlichkeit des neuen Handelsvertrages sprechen will. Der Brger fhlt, wo ihn der Schuh drckt. Es gibt wieder ein ffentliches Leben, und das politische Interesse wchst von Tag zu Tag. Das Festzugsexekutivkomitee beruft eine auerordentliche Sitzung ein und beschliet, sich nicht aufzulsen. Aber es sieht sich gentigt, zur Neuwahl eines Prsidenten zu schreiten, denn der alte ist nach dreiigjhriger patriotischer Ttigkeit wegen Majesttsbeleidigung verhaftet worden.




Karl Kraus

Biographie

Balladen und Gedichte
"Zum ewigen Frieden" von Immanuel Kant!
(Aphorismen) 1915
(Aphorismen) Eros, Moral, Christentum
(Aphorismen) Kunst
(Aphorismen) Lnder und Leute
(Aphorismen) Nachts
(Aphorismen) Sprche und Widersprche
(Aphorismen) Zeit
(Aphorismen) Zuflle, Einflle, Stimmungen, Worte
An den Schatten der Annie Kalmar
Aphorismen
August Strindberg
Der Biberpelz
Der Festzug
Der Meldzettel
Der sterbende Soldat
Der Zeuge
Die Schuldigkeit
Eine neue Form der Banalitt
Fahrt ins Fextal
Fernes Licht
Heine und die Folgen
In diesem Land
Jugend
Lob der verkehrten Lebensweise
Man frage nich
Mensch und Nebenmensch
Mir san ja eh die reinen Lamperln
Nach dem Erdbeben
Nchtliche Stunde
Promesse
Sehnsucht
Sprachlehre
Und liebst doch alle, liebt dich einer so
Verbrecher gesucht
Vergleichende Erotik
Von den Gesichtern
Von den Sehenswrdigkeiten
Vorrte
Weihnacht
Zwei Lufer
Zwei Soldatenlieder
Impressum   Kontakt




Magento Freelancer aus Köln Balladen.de - Startseite