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Der Biberpelz

Karl Kraus

Mein Wiener Dasein ist jetzt wieder reicher geworden, das ewige Sichdiewanddeslebensentlangdrcken, damit man auf dem Trottoir von keinem Trottel angesprochen wird, hat ein Ende, und jeder Tag bringt neue Abenteuer. Durch all die Jahre keine Gesellschaft, kein Theater, kein Blumenkorso - wie hlt man das nur aus? Die Zufuhr der wertvollsten Eindrcke abgeschnitten; und wer wei, wie lange der innere Proviant gereicht htte. Selbst die Katastrophen der Saison, Komet und Jagdausstellung, schienen an diesem Zustand nichts ndern zu knnen. Gewi, ich wills nicht verhehlen, ich erwartete mir einige Anregung vom Weltuntergang. Wenns aber wieder eine Niete wre? So lebt man dahin auf dem schmalen Pfad, der von immer demselben Schreibtisch in immer dasselbe Lokal fhrt, wo man immer dieselben Speisen it und immer dieselben Menschen meidet. Froher wird man nicht dabei. Die Welt rings ist bunt, und man mchte sich doch an ihr reiben, um zu sehen, ob die Farbe heruntergeht. Man will nicht auf so viel verzichten, ohne zu erfahren, wie wenig man verliert. Nur einmal noch an der vollbesetzten Tafel sitzen, alle Rlpse der Lebensfreude wieder hren, die Schweihand der Nchstenliebe drcken - ich trumte davon, und eine gtige Fee, wahrscheinlich jene, die den Operettenkomponisten die Lieder an der Wiege singt, hat mich erhrt. Ich bin mitten drin, die Erde hat mich wieder - mein Pelz ist mir gestohlen worden!

Nichts htte mich den Menschen nher bringen knnen als der Diebstahl meines Pelzes. Ich mte jetzt schon mit den Mitteln eines Caracalla arbeiten, wenn ich mich ihres Umgangs erwehren wollte. Jetzt gibts kein Zurck mehr in die Lebensflucht, jetzt heit es in den sauern Apfel beien und ein Menschenfreund sein! Ich habe mich lange genug verhat gemacht; aber nun vergeben sie mir, was sie an mir gesndigt haben. Sie vergeben mir, sie lieben mich, sie bedauern mich, sie bewundern mich, denn es lt sich nicht mehr verbergen, alles Leugnen hilft nichts - mein Pelz ist mir gestohlen worden! Und in einem unbewachten Augenblick hatte mich da die Geselligkeit beim Wickel. Ich lebte still und harmlos, ich war ein Privatmann, denn ich bte seit vielen Jahren eine literarische Ttigkeit aus. Ich hatte nicht gewut, da ich vor allem einen Pelz besa. Ich schrieb Bcher, aber die Leute verstanden nur den Pelz. Ich brachte mich selbst zum Opfer, und die Leute meinten den Pelz. Als ich ihn nicht mehr hatte, kam die allgemeine Anerkennung. Ich habe durch den Verlust des Pelzes die Aufmerksamkeit des Publikums gerechtfertigt, die ich durch den Besitz des Pelzes erregt hatte. Im Kaffeehaus - wo es geschah - war die erste Wirkung des entdeckten Diebstahls ein chaotisches Durcheinander, worin einige bestrzte Kaffeehausgste zu zahlen vergaen, und in dessen Mittelpunkt ich so pltzlich geraten war, da ich mir erst auf dem Umweg der berlegung darber klar werden konnte, da ich den Pelz bestimmt nicht gestohlen hatte. Man nahm eine Haltung an, als wollte man mir die Kleider, die ich noch hatte, vom Leibe reien, und von allen Seiten brachen Vorwrfe wegen meiner Sorglosigkeit ber mich herein. Auf diese Art schien sich die Emprung ber den Dieb, der sich den Folgen seiner Handlungsweise entzogen hatte, Luft zu machen, denn mich hatte man, an mich konnte man sich halten, und wenn ich mich, erschpft von der Untersuchung des Falles, zurcklehnte, in der rechten geistigen Verfassung, um endlich eine Zeitung zu lesen - dann ging der Chor der Nebenmenschen an mir vorber und rief: "Nein, so was!" Ich sprte den Stachel des Vorwurfs. Zu spt sah ich ein, da man, wenn man einen Pelz hat, auch gewisse Pflichten gegen die Welt hat, und es blieb mir nichts brig, als jetzt jene letzte Pflicht gegen die Welt zu erfllen, die man noch hat, wenn man keinen Pelz mehr hat: die Pflicht, Rede und Antwort zu stehen. Denn wenn es in solchen Fllen schon nicht mehr mglich ist, zu erfahren, wo der Pelz hingekommen ist, so mu man dem Publikum und der Polizei wenigstens darber Auskunft geben, wo er hergekommen ist, wieviel er gekostet hat, wieviel er heute wert ist, ob der Kragen lange oder kurze Haare hatte, und ob die Schlinge aus Tuch oder aus Leder war. Die Polizei fragt auerdem noch, ob man einen Verdacht hat. Ein Verdacht wrmt, wenn man keinen Pelz hat, und ein Verdacht, den man hat, ist nach der Ansicht der Polizei immer eine hinreichende Entschdigung fr die Gewiheit, die einem abhanden gekommen ist und die sie einem nie wieder verschaffen wird. Wozu diese Einmischung durch eine Amtshandlung? Ich hatte immer geglaubt, da sich die Polizei um die ffentliche Sittlichkeit kmmere und nicht um Angelegenheiten des Privatlebens, wie einen gestohlenen Pelz. Aber diese Neugierde! Kaum war mir der Pelz gestohlen worden, waren auch schon drei Vertreter der Polizei im Lokal, drngten sich durch die Wucherer, die meinen Tisch umstanden und ihrer Entrstung ber den Diebstahl Ausdruck gaben, und fragten mich, ob ich einen Verdacht habe. Nun war auch die Nachbarschaft auf den Beinen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich in der Grostadt das Gercht verbreitet, und zahlreiche Passanten, unter denen man u. a. Persnlichkeiten bemerkte, die schon von ihrer Anwesenheit bei Premieren und Erdbeben bekannt sind, wohnten der Amtshandlung bei. So taktvoll und wrdig nun sich der Pelzdiebstahl vollzogen hatte, in so marktschreierischer Weise uerte sich das Mitgefhl des Publikums. Denn whrend die Pelzdiebe kein Aufsehen lieben, legen die Bankdiebe den grten Wert darauf, berall bemerkt und in den Zeitungen genannt zu werden. Hier freilich hatten sie sich einmal verrechnet. Denn die Zeitungen wrden auch von einem Kometen keine Notiz nehmen, wenn sein Schweif meinen Kopf berhrt htte. Aus demselben Grunde mute ich befrchten, da sich der Chef des Sicherheitsbureaus dieser Sache nicht so energisch annehmen werde, wie er es in Fllen gewohnt ist, wo die Aussicht auf publizistische Untersttzung ihn zu einer fieberhaften Ttigkeit spornt. Natrlich lt sich das echte fachmnnische Interesse durch solche Bedenken nicht abweisen. Whrend mich nun die Vertreter der Behrde um Alter, Beschftigung und Vorstrafen befragten, sprachen einige Gste immer wieder ihr Bedauern aus, da sie gerade nicht hingesehen htten, als der Pelz gestohlen wurde, und vertraten die Ansicht, da der Dieb sich einen Augenblick gewhlt haben msse, wo er sich nicht beobachtet fhlte. Das Personal wurde mit Fragen bestrmt, aber der Zahlmarkr, der Zutrger, der Pikkolo und der Feuerbursch - sie alle hatten blo den einen Wunsch: "Wann i nur amal so einen derwischen knnt, den derschlaget i!" Ich bat, sich in Gegenwart von Kriminalbeamten nicht zu gefhrlichen Drohun-gen hinreien zu lassen, richtete noch an diese das Ersuchen, dafr zu sorgen, da ich nicht vorgeladen wrde, weil ich ja doch nichts anderes aussagen knnte, als da ich keinen Pelz und keinen Verdacht habe, und entzog mich den Ovationen der Menge, indem ich meinen Hut nahm, der noch da war, und mich zum Ausgang wandte, an der Kassierin vorbei, welche die Hnde rang. Drauen grten mich die Fiaker, die sich von dern Ereignis des Tages irgendwie einen besonderen Vorteil erhofften. Einer der Polizisten aber holte mich ein und machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen und das Verbrecheralbum durchzusehen. Ich lehnte diesen Vorschlag ab, weil mir jede Vergleichsmglichkeit fehle, solange ich den Dieb meines Pelzes nicht gesehen htte. Die Polizei solle ihn erst zur Stelle schaffen, dann wre ich gern bereit, ihn nach der Photographie zu agnoszieren. Einer der Kellner aber behauptete pltzlich, einen Verdacht zu haben, und schien entschlossen, mitzugehen. Diese Recherche hat, wie ich spter erfuhr, meiner Sache nicht wesentlich gentzt, dafr aber anderweitige erfreuliche Resultate ergeben. Der Kellner soll nmlich einige frhere Stammgste des Kaffeehauses erkannt haben, und noch nie zuvor, heit es, sei in einer Polizeistube eine so freudige Stimmung des Wiedersehens laut geworden. Schlielich mute man, da diese Rufe "Jessas, der Herr von Kohn!" und "Nein, der Herr von Meier!'' nicht aufhren wollten, dem braven Burschen das Bilderbuch aus der Hand reien. Am nchsten Tag erhielt ich eine Vorladung, der ich aber nicht Folge leistete. Immer hatte ich es bisher streng zu vermeiden gewut, da mir etwas gestohlen wrde; denn nichts frchte ich mehr als Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Man hat mir auch tatschlich nie das Geringste nachweisen knnen. Sollte ich jetzt wegen des einen Fehltritts mir eine so peinliche Untersuchung auf den Hals laden? Nimmermehr! Ich stellte mich der Polizei nicht! Wenigstens war ich entschlossen, es nicht eher zu tun, als bis sie den Pelz htte. Ich hoffte brigens, da sie den Fall vertuschen und mich ruhig meiner gewohnten Beschftigung nachgehen lassen werde.

Als ich somit wieder ins Kaffeehaus kam und meine Leseecke aufsuchen wollte, standen einige Herren davor, die sich sonst nur fr Trabrennen interessierten, aber diesmal eine Wette abgeschlossen hatten, ob ich den Pelz bekommen wrde oder nicht. Die der Meinung waren, da ich ihn bekommen werde, sagten: "Nicht wird er ihn bekommen!"; whrend die andern, die der Meinung waren, da ich ihn nicht bekommen werde, ein ber das andere Mal riefen. Ja wird er ihn bekommen!" So vermochte ich die beiden Gruppen zu unterscheiden, ohne doch im Meritorischen eine Entscheidung treffen zu knnen. Ich setzte mich nieder und hrte aus dem Billardzimmer Rufe wie: "Echter Biber, sag ich Ihnen!" "Und ich sag Ihnen, Nerz", worauf ein dritter mit einem derben "Astrachan, Ihnen gesagt!" in die Debatte fuhr. Ich lie fragen, ob es die Herrn stre, wenn ich Zeitungen lese. Sie verneinten und gingen auf ein anderes Thema ber, indem nmlich einer behauptete, sich noch an den Fall zu erinnern, wie dem alten Lw ein Pelz um tausend, sage tausend Gulden gestohlen wurde; und da ein anderer die Frage einwarf: "Welchem Lw?" und die zurechtweisende Antwort bekam: "No, der spter in Konkurs gegangen ist!" fhlte ich, da die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt sei, und war dessen froh. Ich nahm jene Zeitung zur Hand, die seit Jahren das Publikum dadurch zu interessieren wei, da sie meinen Namen nicht nennt, und suchte nach einer Notiz, in der davon die Rede wre, da einem Privaten ein Pelz gestohlen wurde und da einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte, mit dem in den weitesten Kreisen bekannten Dieb zu sprechen. Da trat eine fremde Dame auf mich zu, tadelte mich wegen meiner Unachtsamkeit und fragte mich, ob ich noch mit der Familie T. verkehre. Ich antwortete, da ich mit gar niemand verkehre, und bezahlte meine Zeche. Drauen grten mich die Fiaker, wiesen verheiend auf ihre Wagen, und riefen etwas wie "Verkhlns Ihna nur net" hinter mir.

Noch habe ich aber nicht erzhlt, wie sich am Tage nach der Tat das Wiedersehen mit meiner Bedienerin gestaltet hat. Sie war eigentlich schuld, denn sie hatte mir, weil wir gerade im strengsten Mai einen Schneefall gehabt hatten, zugeredet, den Pelz anzuziehen, der Winters ber beim Krschner in Aufbewahrung gelegen war. Ich hatte mich gestrubt, denn ein unbestimmtes Gefhl sagte mir, da bei Neuschnee die Pelzdiebe aus der Erde schieen, whrend die Schneeschaufler nichts zu tun bekommen, weil die Kommune die Konkurrenz des Tauwetters begnstigt. Aber wiewohl dieses schon eingetreten war, setzte die Frau ihren Willen durch, und richtig, eine halbe Stunde spter war der Pelz gestohlen. Nun ist mir nichts peinlicher als Auseinandersetzungen ber Dinge, die mit der Wirtschaft zusammenhngen, und so hatte ich, nachdem das Unglck geschehn war, nur die eine Sorge: Wie sage ich's meiner Bedienerin? Es gab eine lebhafte Szene, und ich bekam allerlei zu hren. Denn das Herz der Frauen hngt an irdischem Tand, und sie knnen sich auch von fremdem Besitz nur schwer trennen, whrend ich mich erleichtert fhlte, als ich bei Tauwetter ohne Pelz das Kaffeehaus verlassen konnte. berhaupt hatte mich der Verlust des Pelzes kalt gelassen, und was mir naheging, war nur der Verlust meiner Ruhe. Da ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, da ich in Wien ber Nacht berhmt war, und da die Leute mit Fingern auf mich zeigten: "Dort geht er", "Kennst ihn?" "Aber ja, Biber", "Er hat ihn effektiv nicht gekriegt" - das hrmte mich, das fra an mir wie Motten an einem Pelz, der einem nicht gestohlen wurde. Ich beschlo, die Strae zu meiden, bis ich das Gras ber die Sache wachsen hrte. Aber als ich nach einer Woche mich behutsam in das Stammlokal wagte und den Weg von hinten nahm, da trat mir die Toilettenfrau entgegen und sagte: "Mir hat's furchtbar leid getan!" Da ich hineinkam, waren aller Augen auf mich und meinen berrock gerichtet, und da ich ihn an den Kleiderstock hngte, rief's aus einem Winkel: "Aber jetzt heit's doppelt vorsichtig sein!" und aus dein andern Winkel: "Ja, durch Schaden wird man klug." Als ein Kellner dazwischentrat und sagte: "Aber der Herr gibt ja so wie so acht", rief eine Stimme aus dem Spielzimmer: "A gebrenntes Kind frchtet das Feuer!" Der Kellner sagte: "Wann i nur amal so einen derwischen knnt, den -" Ich zahlte sofort und nahm mir vor, das Lokal nur des Nachts zu besuchen, wenn ein anderes Publikum da wre. Kaum hatte ich unter vernderten Umstnden Platz genommen, drehte sich ein englischer Trainer zu mir herum, schob seinen Sessel vor und begann, die Arme auf die Lehne gesttzt: "Einmal mir ist gestohlen ein Pferdedecke. . ." Ich sah, da mein Erlebnis ber das Mitteilungsbedrfnis der Wiener Bevlkerung hinaus dem internationalen Interesse entgegenkam. Ich frchtete, da hier die Hebung des Fremdenverkehrs ansetzen knnte. Ich schlo mich ein, und ich zeigte mich nicht eher, als bis mir die heie Jahreszeit jede Gedankenverbindung mit einem Pelz auszubrennen schien. Da aber mute ich es erleben, da ein Mohr auf mich zutrat, der so perfekt Deutsch sprach, da er mich fragen konnte, ob ich damals meinen Pelz wiederbekommen htte. Ich suchte ein anderes Lokal auf - dessen Besitzer mich aber nicht nur durch seinen Gru belstigte, sondern auch mit den Worten ansprach: "Bei uns wird Ihnen das nicht passieren!"

Ich erkannte, da es kein Zurck mehr gab. Denn hier war ein Wiener Problem geboren. Hier war einmal eine Tatsache, die einen so plausiblen Reiz, eine so unmittelbare Popularitt hatte, da keine Rcksicht auf den Menschen, der von ihr betroffen wurde, die Leute fernhalten konnte. Hier war eine Solidaritt hergestellt durch die in ihrer Einfachheit verblffende Erkenntnis: da das jedem von uns passieren kann! Ich war in den Ring einer Gemeinsamkeit einbezogen, die mir den Pelz bewachte, der mir gestohlen war, und die mir mit ihren Blicken das Ma fr einen neuen zu nehmen schien, ohne mir ihn zu spenden. Jetzt mute sich nur noch die Steuerbehrde fr den Fall interessieren, die ja bald erhoben haben knnte, da ich in den Verhltnissen bin, einen Pelz besessen zu haben. Ich begann den Dieb zu beneiden. Nicht weil er den Pelz hatte, sondern weil man ihm nicht draufgekommen war. Weil er auf freiem Fue leben konnte, whrend es hinter mir "Aufhalten!" schrie und ich wie ein erwischter Bestohlener von der Dummheit eskortiert wurde ... Ich beschlo, mich aus dem Privatleben zurckzuziehen. Mir war eine Hoffnung geblieben. Da es mir durch die Herausgabe eines neuen Buches gelingen werde, mich den Wienern in Vergessenheit zu bringen.




Karl Kraus

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