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Von den Gesichtern

Karl Kraus

Was mich immer tief alteriert hat, das ist die Selbstverstndlichkeit, mit der die meisten Menschen ihr Gesicht tragen. Gefiel mir eines oder das andere nicht, so kam, wie um das Ma voll zu machen, die Beschnigung eines unbeteiligten Dritten dazu: der Mann knne doch fr sein Gesicht nicht. Kein Standpunkt ist haltloser. Denn die Verantwortung, die einer fr seine Nase bernimmt, ist mindestens so begrndet wie die, die er fr seine politische berzeugung trgt. Fr die politische berzeugung kann der Mensch in den meisten Fllen berhaupt nicht verantwortlich gemacht werden, da sie ihm von Geburt oder durch fehlerhafte Erziehung, durch mitgebrachte Schwche der geistigen Veranlagung oder durch das verderbliche Beispiel der Umgebung anhaftet. Dagegen entspringt eine krumme Nase einem Mangel an Rcksicht, der bei der reichen Auswahl von Sekretionsgelegenheiten mehr als peinlich berhrt. Doch man macht die Beobachtung, da die Trger eines Gesichts, dem die Schpfung den Stempel der Ausschuware deutlich aufgeprgt hat, nicht nur nicht aus Bescheidenheit vor der Verschandelung des Weltbildes zurckschrecken, sondern alles dazu tun, sich als das Merkziel der Betrachtung ihren Nebenmenschen zu empfehlen. Man kann sicher sein, da einer, der Henkelohren hat, nie auf den Vorhalt hren wrde, sein Gesicht gleiche dem Nachttopf des Knigs Attila, sondern in dem Glauben leben wird, es gleiche dem Bildnis des Dorian Gray. Keine Spur von reuiger Ergebung in die Einsicht, verpfuscht zu sein. Vielmehr lt die Zuversicht, die aus solchen Zgen spricht, darauf schlieen, der glckliche Besitzer halte sein Gesicht fr die endgltige unter den zahllosen mglichen Formen, ja fr eine solche, die bei knftigen Schpfungsakten als die allein magebende und modemachende in Betracht kommen wird. Die angeborne Schnheit ist viel zu ehrgeizig, um sich fr vollkommen zu halten; aber nichts geht ber den Stolz der angebornen Hlichkeit. Wer sie von der Verantwortung freispricht, beleidigt ihr Selbstbewutsein. Das "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" ist eine Entschuldigung, die sogar eine krumme Nase aufrecht hlt.

Unbedingt verwerflich aber ist die Eigenschaft, einem andern hnlich zu sehen. Die Gesichtszge sind noch das einzige Merkmal, durch das sich die Trivialitt von der Alltgchkeit unterscheidet. Fehlt es, so entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man in Deutschland allerhchstens in der Richtung der Schnurrbartspitzen hinausfindet. Es kann aber gerade in diesem Punkt wieder die Eitelkeit eine fatale Rolle spielen und hnlichkeiten schaffen, die den Betrachter in die peinlichste Verlegenheit bringen. Geradezu verhngnisvoll wre es, wenn er Hurra riefe und es stellte sich heraus, da diese Kundgebung einen Wachtmeister erfreut hat, der den Schnurrbart nach dem alten Kurs trgt, inzwischen aber fhre unerkannt ein Hochgestellter vorber, dessen milder Gesichtsausdruck sich noch nicht eingelebt hat ... In jedem Fall gehren die hnlichkeiten zu den milichsten Komplikationen des Lebens. Man knnte sich damit begngen, der Schpfung Fahrlssigkeit zum Vorwurf zu machen, wenn sie nicht durch die Institution der Zwillinge eine Planmigkeit des Vorgehens bewiesen htte, die sich von selbst richtet. Unbersehbar sind die Schwierigkeiten, denen man sich ausgesetzt fhlt, wenn man einen Esel meint und dessen Bruder schlgt, und der einzige Trost in solcher Lage ist die Hoffnung, da auch dieser Schlag einen Esel getroffen hat. Zwillinge haben sichs in allen Fllen selbst zuzuschreiben. Ein unerquicklicher Anblick ist es, wie da immer der eine Teil den andern mitreit. Krzlich erst konnte man lesen, wie einer dieses Zustandes berdrssig wurde und sich infolgedessen beide erschossen haben. Sie waren Offiziere und hatten es gemeinsam bis zum Major gebracht. Seit einigen Jahren, hie es, hatten sie mit Schulden zu kmpfen. Im Kartenspiel und am Turf sollen sie viel Geld verloren haben. Es bestand die Gefahr, da sie die Offizierscharge verlieren wrden. Es war ihnen nicht mglich, ein Akzept einzulsen, sie gingen auf das Platzkommando, kamen um viertel eins nachhause, schrieben mehrere Briefe, sandten ihre Offiziersdiener damit fort, und erschossen sich. Der eine im rechtsseitigen Zimmer in die linke Schlfe, der andere im linksseitigen Zimmer in die rechte Schlfe. Nur so waren sie schlielich zu unterscheiden. Htten sie in gnstigeren Verhltnissen ihr Leben fortgesetzt, der unausbleibliche Wirrwarr htte sie am Ende doch zur Verzweiflung getrieben. Denn der Bericht schliet mit der Erklrung, es sei "bemerkenswert, da sich die beiden Brder durch ein Heiratsprojekt rangieren wollten, welches zunichte wurde". Aber auch sonst htte der eine halten mssen, was der andere versprach, wenn nicht dieser vergessen htte, woran sich jener nicht erinnern konnte. Die untereinander eingegangenen Verbindlichkeiten haben das Ende der Zwillinge herbeigefhrt. Zu Zwillingen entschliet sich die Natur nur im uersten Falle. Sie liefert blo dann Duplikate, wenn fr den verfgbaren Mangel an Persnlichkeit, der zur Erschaffung des Dutzendmenschen dient, einer allein nicht ausgereicht hat. Da einer seufzen mu, wenn der andere verliebt ist, ist ein Zustand, dessen Lcherlichkeit auch ohne den Verlust der gemeinsamen Offizierscharge ttet.

Aber auch die hnlichkeit zwischen Vtern und Shnen ist oft von den belsten Folgen begleitet. Sie wre eine Familienangelegenheit, wenn nicht in den Fllen, die die Shne berhmter Mnner betreffen, andauernd ffentliches rgernis geboten wrde. Nie erbt doch so ein Kerl das Talent, und immer die Nase! Ist es nun schon an und fr sich traurig, da Mnner, die auf irgendeinem Gebiete schpferisch ttig sind, den Ehrgeiz haben, es auch in geschlechtlicher Beziehung zu sein, so mte doch wenigstens darauf geachtet werden, da jede Spur von hnlichkeit beim Nachwuchs im Keime erstickt wird. Was soll um Gotteswillen aus einem jungen Menschen werden, der ganz so aussieht, wie sein Vater, der berhmte Komponist, und absolut nicht komponieren kann? Um nicht komponieren zu knnen, dazu braucht man doch nicht der Sohn eines berhmten Komponisten zu sein? Das Aufreizende hiebei ist aber nicht die Unfhigkeit, sondern die hnlichkeit. Da ist der Vater in einem Palazzo von Venedig gestorben, die Fremden pilgern zu der geweihten Sttte - am Lido aber badet die irdische Hlle des teuren Verblichenen, und den unersttlichen Fremden bleibt auch dies unvergelich. Man bewundert ein Naturspiel, aber man sollte es verurteilen. Wozu dienen solche Attrappen der Natur? Um mit hnlichkeiten zu verblffen, gengt das ausgeschnittene Profil einer Leinwand - in das Loch steckt ein altes Weib sein Gesicht, stellt sich auf den Sessel eines Wirtshausgartens und sagt: jetzt werden die Herrschaften den Richard Wagner sehn, zuerst aber bitte ich um ein kleines Trinkgeld oder Douceur ... Es laufen heute in Europa ein paar hchst unverdiente Trger berhmter Namen herum. Man hat es aus falscher Humanitt unterlassen, sie rechtzeitig im Kaukasus, im Dovregebirge oder in der Schsischen Schweiz auszusetzen, und nun mssen wir sehen, wie die Folgen eines Geschlechtsakts sich vor die besseren Schpfungen der berhmten Mnner stellen. Man zwinge jene von Gesetzes wegen zur Annahme eines Pseudonyms und einer vernderten Barttracht, und warte ab, ob sie dann noch lebensfhig sind. Der Sohn Goethes hat sich von keinem literarhistorischen Standpunkt aus zur Aufnahme in die Gesamtausgabe von Goethes Werken empfohlen. Aber wenn gar einer so aussieht, da er erst das "Sternengebot" schreiben mu, damit einem der Ruf "Der ganze Papa!" in der Kehle stecken bleibe, so verwnscht man diese ewigen Foppereien der Natur. Nein, es ist nichts mit den hnlichkeiten. Sie dienen nicht einmal dem Grenwahn, der den Sohn auszeichnet. Denn der wird immer behaupten, da er darin selbstndig ist.




Karl Kraus

Biographie

Balladen und Gedichte
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