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Karl Kraus

Die Verarbeitung der Tageseindrcke zu dem von ihren Erzeugern und sonstigen Dummkpfen dauernd miverstandenen Glossenwerk der Fackel erfolgt nach keinem Plan, der auf "Aktualitt" gerichtet wre. So drfte von den Stofflesern, die der Teufel endlich aus dem Leserkreis der Fackel holen mge, gerade diesmal thematisch allerlei vermit werden, was die phantastischen Mglichkeiten dieses Balkanstaates jngst an Schmutz und Lge, so zwischen Ahrer und Bekessy und aus dem ttigen Vulkan der politischen Schamlosigkeit, auftauchen lieen. Da ich mein persnliches Interesse an dem Ereignis, zu dem hier das moralisch Unzulngliche erwchst, vielfach mit dem Mittel einer strafrechtlichen Remedur verknpfe, so bewirken auch gesetzliche Hindernisse den Aufschub von Bereinigungen, die schon durch die berflle der Anlsse zu kurz kommen mten. So kunstvoll der Bau dieser Miwelt erscheinen mag, den ein Heft der Fackel darstellt: so zufallsmig, dem ersten Blick und Griff berlassen, erfolgt die Herstellung seiner Teile. Wollte ich all das, was mir am Herzen liegt, jeweils in den Zusammenhang retten, der sich doch wie ein Wunder immer wieder ergibt, er wrde nicht in Erscheinung treten, bevor er ein Heft von fnfhundert Seiten umfate. So bleibt nichts brig, als da die Leser: solche, fr die, und solche, gegen die es geschrieben ist, so viel Geduld haben wie der Autor, auf die Gefahr hin, da sie lnger dauere als der Anreiz, den ihm der Stoff gewhrt. Irgendeinmal kommt er irgendwie doch zum Vorschein, und was immer da abfalle, dem Bild der Region, der er entstammt, bleibe ich ja doch nichts schuldig. Denn mag es auch Zeiten geben, wo ein Geheimnis der Sprache stark genug ist, mir im Lrm der Sprecher Schweigen aufzuerlegen - zu verdienten Gunsten einer Sache, der in der Sachwelt viel reiner Menschenglaube verbunden bleibt -; mag es geschehen, da mir das Problem des Reims betrchtlicher dnkt als das der Kandidatur des Herrn Eldersch: so kommt doch wieder der Moment, wo mich kein Strahl des schpferischen Geistes strker zu blenden vermchte als die unwidersprochene Nachricht, da jener eine Wahlrede mit den Worten geschlossen habe: "Wir Sozialdemokraten sind die wahren Nachfolger Christi. In der Schrift steht: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelhr, als ein Reicher in das Himmelreich. Die Vertreter der Einheitsliste sind die Vertreter der Reichen, wir Sozialdemokraten sind die Vertreter der Armen." Und dies unter dem Jubel vieler, die durch kein Nadelhr gehen, und hinter dem Rcken eines, der sich bisher frs Himmelreich keines Hindernisses von Herrn Eldersch versehen konnte. Die groe Entscheidung, ob die Pfrndner des Fortschritts, denen ich ein vllig wirkungsloses "Weg damit!" zugerufen habe, und die des Rckschritts - welche den legitimeren Anblick des Grausens bieten - wieder ihrer Pfrnden und aller damit verknpften Gelegenheiten teilhaft werden sollen, ist vorber und der Trost, da kein teures Haupt fehlt, bildet die Entschdigung eines Volkswillens, der die Stimme hat, um sie abzugeben, und dem eine machtverteilende Wahllist verwehrt hat, das Nichtgewnschte zu durchstreichen. Welcher Parteinahme bin ich verdchtig, wenn ich dort, wo Reinheit Bedingung ist und nicht Vorzug, den Schmutzfleck mehr hasse als den Schmutz der Welt, der er doch zugehrt und die ihn auf die Gegenwelt abfrben lie? Meiner Wahlpflicht gegen die brgerlich-sozialdemokratische Einheitsfront habe ich durch Enthaltung gengt, und die Parteinahme fr mich, der da Partei nimmt fr die Menschheit und gegen die Macht, an die er sie verraten sieht, ja das letzte Echo meiner Rede schlage ich in den Wind - den mir keine Lge, die vom Ideal frit, keine Mittelmigkeit, die den Zweck verzehrt, jemals vormachen wird! Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Brger; und ihr gemeinsames Streben im Widerstreit der Interessen hat gesiegt. Mitbrger Bekessys, auch wenn sie's nicht mehr sein wollen und es nicht wahr haben wollen, da sie sind, was ich sie genannt habe: "Zustndige eines Landes, das keinen Richter brauchen wird, weil sich alles von selbst prostituiert". Kostgnger einer Prefreiheit, die die Feigheit immunisiert, die namenlose Lge zur Einrichtung macht und die Haltung von Freigelassenen vorsieht, welche die Wahrheit fr ihren Verzicht auf Erfolg als "Eitelkeit" besudeln. Was immer ich versume, weil mir im Anblick jedes Lumpen die Lumperei neu erfunden erscheint und zu jedem Dummkopf etwas einfllt - ich komme nach! Nicht gelingen wird es, meinen Abscheu vor aufgeschwungener Minderwertigkeit durch die Verknpfung mit einer brgerlichen Region zu kompromittieren, deren beglaubigter Todfeind ich war, bevor jene lesen und nicht schreiben gelernt haben. Wem, der sie zu fordern nicht berechtigt ist, wre ich je Rechenschaft schuldig geblieben? Wir wollen es, in einer Welt, der ich die Konsequenz meiner Widersprche biete, auf die Entscheidung ankommen lassen, wer das Urbild des Menschentums treuer bewahrt hat, ein "Affe der Gerechtigkeit" oder die Praktiker der relativen Moral, Phariser, die den Glauben selbst als Abfall chten, Tyrannen der Gemeinschaft, Pensionre des Ideals, in deren Hnden kein rechtes Gut gedeiht! Wie, ich sollte, weil ich den neuen Zweck bekenne, ihn denen glauben, die ihn tglich durch die Mittel entheiligen, wodurch von altersher Macht erlangt und behauptet ward? Nein, die Glieder einer Hierarchie der Freiheit: die schwerer Wrden Vollen und die Leibwchter, die dahinter sind - sie entgehen dem Schicksal nicht, an jeder Tat und an jedem Ton in bereinstimmung gebracht zu werden mit dem Abbild einer Brgerwelt, das ich in Jahrzehnten gezeichnet habe zum Entzcken und zur Nhrung eines scheinrevolutionren Geistes, zur Nachbildung durch alle Freibeuter, und als das eigentliche Vorbild ihrer angelangten Brgerlichkeit. Die "Verjagung der alten Gespenster", dieser wahren Revenants, beginnt von neuem, und wrden mit ihnen tausend Stoffleser verjagt - der Ruf "Bekessy ante portas!" schreckt mich nur auf, den Erschreckten zu helfen, damit sie mir zum Schlu den Sieg davontragen. Was ich erlebt habe in dieser Kluft zwischen Ansehn und Erbrmlichkeit, in diesem Schlammgrund, dessen Ausdnstung alle Hygiene wettmacht, in diesem Abenteuer, da ich einen ganzen Staat mit seinen smtlichen Ohnmachthabern den Klauen der Erpressung entri - das auszudrcken knnte keine Rcksicht, keine Vorsicht je verhten, hchstens die Laune einer Betrachtung vertagen, der manchmal doch ein Konjunktiv wichtiger scheint als ein Kujon. Nein, den Inhalt einer allbrgerlichen Wrde, die Beethoven gefeiert hat mit der Ahrerfurcht im Herzen, hoffe ich noch hundertfltig zur Gestalt zu bringen; und in die spteren Lesebcher den Ruhm einer Stadt, die ein Bollwerk des Ostens war gegen die drohende Gefahr der Kultur.




Karl Kraus

Biographie

Balladen und Gedichte
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(Aphorismen) Kunst
(Aphorismen) Lnder und Leute
(Aphorismen) Nachts
(Aphorismen) Sprche und Widersprche
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(Aphorismen) Zuflle, Einflle, Stimmungen, Worte
An den Schatten der Annie Kalmar
Aphorismen
August Strindberg
Der Biberpelz
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Der sterbende Soldat
Der Zeuge
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Eine neue Form der Banalitt
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Fernes Licht
Heine und die Folgen
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