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Mensch und Nebenmensch

Karl Kraus

Der bermensch ist ein verfrhtes Ideal, das den Menschen voraussetzt.


Liebe deinen Nchsten wie dich selbst. Denn: jeder ist sich selbst der Nchste.


Wer andern keine Grube grbt, fllt selbst hinein.


Kein Zweifel, der Hund ist treu. Aber sollen wir uns deshalb ein Beispiel an ihm nehmen? Er ist doch dem Menschen treu und nicht dem Hund.


Unter Dankbarkeit versteht man gemeinhin die Bereitwilligkeit, lebenslnglich Salbe aufzuschmieren, weil man einmal Luse gehabt hat.


Ich begeistere mich fr den Ehrenpunkt, seitdem ich die Beobachtung gemacht habe, da man einer unerledigten Affre die Befreiung von lstiger Gesellschaft verdankt.


Es gehrt zum guten Ton, ber eine schlechte Tat nicht zu sprechen. Wenn ein Lump dir die Absicht anvertraut, deinen Freund zu verraten, so ist Diskretion Ehrensache.


Nichts ist dem Kommis teurer als sein Ehrenwort. Aber bei Abnahme einer greren Partie wird Rabatt gewhrt.


Die Ehre ist der Wurmfortsatz im seelischen Organismus. Ihre Funktion ist unbekannt, aber sie kann Entzndungen bewirken. Man soll sie getrost den Leuten abschneiden, die dazu inklinieren, sich beleidigt zu fhlen.


Wie souvern doch ein Dummkopf die Zeit behandelt! Er vertreibt sie sich oder schlgt sie tot. Und sie lt sich das gefallen. Denn man hat noch nie gehrt, da die Zeit einen Dummkopf vertrieben oder totgeschlagen hat.


Gesellschaft. Es war alles da, was dasein mu und was sonst nicht wte, wozu das Dasein ist, wenn es nicht eben dazu [da] wre, da man da ist.


Man beobachte einmal, wie die anstndigen Herren eine Frau gren, von der "man spricht". In dem Gru ist der abweisende Stolz der Gesellschaftssttze mit der einverstndlichen Kennerschaft des Markthelfers vereinigt. Fr beides mchte man ihnen an die Gurgel fahren.


Nichts ist engherziger als Chauvinismus oder Rassenha. Mir sind alle Menschen gleich, berall gibt's Schafskpfe, und fr alle habe ich die gleiche Verachtung. Nur keine kleinlichen Vorurteile!


Am Chauvinismus ist nicht so sehr die Abneigung gegen die fremden Nationen als die Liebe zur eigenen unsympathisch.


Religion, Moral und Patriotismus sind Gefhle, die sich erst dann bekunden, wenn sie verletzt werden. Der Sprachgebrauch, welcher sagt, da einer, der leicht zu beleidigen ist, "gern" beleidigt ist, hat recht. Jene Gefhle lieben nichts so sehr wie ihre Krnkung, und sie leben ordentlich auf in der Beschwerde ber den Gottlosen, den Sittenlosen, den Vaterlandslosen. Den Hut vor der Monstranz zu ziehen, ist bei weitem keine so groe Genugtuung wie ihn jenen vom Kopf zu schlagen, die andersglubig oder kurzsichtig sind.


Der Scharfsinn der Polizei ist die Gabe, alle Menschen eines Diebstahls fr fhig zu halten, und das Glck, da sich die Unschuld mancher nicht erweisen lt.


Ein Polizist nimmt es meistens bel, wenn man ihn in eine Amtshandlung einmengt.


Alles Leben in Staat und Gesellschaft beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, da der Mensch nicht denkt. Ein Kopf, der nicht in jeder Lage einen aufnahmsfhigen Hohlraum darstellt, hat es gar schwer in der Welt.


Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Krperflle an. Ein Dummkopf sollte nicht zuviel Raum einnehmen.


Der Mensch denkt, aber der Nebenmensch lenkt. Er denkt nicht einmal so viel, da er sich denken knnte, da ein anderer denken knnte.


Viele haben den Wunsch, mich zu erschlagen. Viele den Wunsch, mit mir ein Plauderstndchen zu verbringen. Gegen jene schtzt mich das Gesetz.


Eine merkwrdige Art Mensch ist der Beamte eines magistratischen Bezirksamtes. Erledige ich eine Angelegenheit schriftlich, so ldt er mich vor. Gehe ich das andere Mal gleich selbst hin, so fordert er mich auf, eine Eingabe zu machen. Ich mu rein auf die Vermutung kommen, da er das eine Mal mich kennenlernen und das andere Mal ein Autogramm von mir haben wollte.


Gut und Blut frs Vaterland! Aber die Nerven?


Ich schlafe nie nachmittags. Auer, wenn ich vormittags in einem sterreichischen Amt zu tun hatte.


Gerne kme ich um die Konzession zum Handbetrieb einer Guillotine ein. Aber die Erwerbsteuer!


Es gibt keinen Ort, der eine grere ffentlichkeit bedeutet, als ein Lift, in dem man angesprochen wird.


Wo beginnt denn eigentlich die Unappetitlichkeit und wo hrt sie auf? Warum gibt es keine Eklosetts? ffentlich essen und heimlich verdauen, das pat so den Herrschaften.! Und doch geht nichts ber die Schamlosigkeit einer Table d'hote.


Friseurgesprche sind der unwiderlegliche Beweis dafr, da die Kpfe der Haare wegen da sind.


Das Malerische und das Musikalische sind Argumente, die mit allen Einwnden fertig werden. Und es gibt Wirkungen auf die Nerven, denen sich der oppositionellste Geist nicht entziehen kann. Wenn alle Glocken luten, umarme ich einen Gemeinderat.


Die strkste Kraft reicht nicht an die Energie heran, mit der manch einer seine Schwche verteidigt.


Am unverstndlichsten reden die Leute daher, denen die Sprache zu nichts andern dient, als sich verstndlich zu machen.


Die verkommenste Existenz ist die eines Menschen, der nicht die Berechtigung hat, ein Schandfleck seiner Familie und ein Auswurf der Gesellschaft zu sein.


Familiengefhle zieht man nur bei besonderen Gelegenheiten an.


Das Wort "Familienbande" hat einen Beigeschmack von Wahrheit.


Auch ein anstndiger Mensch kann, vorausgesetzt, da es nie herauskommt, sich heutzutage einen geachteten Namen schaffen.


Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut. Ein halber, dem man die Lumpereien nie zugetraut hat, die er begeht.


Nichts ist trauriger als eine Niedrigkeit, die ihren Lohn nicht erzielt hat. Sie bilde sich nicht nachtrglich ein, da sie Gemeinheit l�art pour l'art sei.


Wenn man nicht wei, wovon einer lebt, so ist das noch der gnstigere Fall. Auch die Volkswirtschaft soll der Phantasie etwas Spielraum lassen.


Die Einsamkeit wre ein idealer Zustand, wenn man sich die Menschen aussuchen knnte, die man meidet.


Wenn ich sicher wte, da ich mit gewissen Leuten die Unsterblichkeit zu teilen haben werde, so mchte ich eine separierte Vergessenheit vorziehen.


Die Hand ber die Augen -das ist die einzige Tarnkappe dieser entzauberten Welt. Man sieht zwischen den Fingern alle, die sich nhern wollen, und ist geschtzt. Denn sie glauben einem das Nachdenken, wenn man die Hand vorhlt. Sonst nicht.


Welche Plage, dieses Leben in Gesellschaft! Oft ist einer so entgegenkommend, mir ein Feuer anzubieten, und ich mu, um ihm entgegenzukommen, mir eine Zigarette aus der Tasche holen.


Ich teile die Leute, die ich nicht gre, in vier Gruppen ein. Es gibt solche, die ich nicht gre, um mich nicht zu kompromittieren. Das ist der einfachste Fall. Daneben gibt es solche, die ich nicht gre, um sie nicht zu kompromittieren. Das erfordert schon eine gewisse Aufmerksamkeit. Dann aber gibt es solche, die ich nicht gre, um mir bei ihnen nicht zu schaden. Die sind noch schwieriger zu behandeln. Und schlielich gibt es solche, die ich nicht gre, um mir bei mir nicht zu schaden. Da heit es besonders auf passen. Ich habe aber schon eine ziemliche Routine, und in der Art, wie ich nicht gre, wei ich jede dieser Nuancen so zum Ausdruck zu bringen, da keinem ein Unrecht geschieht.


Nicht gren gengt nicht. Man grt auch Leute nicht, die man nicht kennt.


Es berhrt wehmtig zu sehen, wie die individuelle Arbeit berall von der maschinellen verdrngt wird. Nur die Defloratoren gehen noch herum, das Haupt erhoben, von ihrer Unersetzlichkeit berzeugt. Genauso haben vor zwanzig zig Jahren die Fiaker gesprochen.


Ein Kellner ist ein Mensch, der einen Frack anhat, ohne da man es merkt. Hinwieder gibt es Menschen, die man fr Kellner hlt, sobald sie einen Frack anhaben. Der Frack hat also in keinem Fall einen Wert.


Wenn einer sich wie ein Vieh benommen hat, sagt er: Man ist doch auch nur ein Mensch! Wenn er aber wie ein Vieh behandelt wird, sagt er: Man ist doch auch ein Mensch!


Ich fand irgendwo die Aufschrift: "Man bittet den Ort so zu verlassen, wie man ihn anzutreffen wnscht." Wenn doch die Erzieher des Lebens nur halb so eindrucksvoll zu den Menschen sprchen wie die Hotelbesitzer!


Die brgerliche Gesellschaft teilt sich in solche, denen der Blinddarm schon herausgenommen wurde, und solche, die nicht einmal soviel haben, um den Franz-Josefs-Orden bestreiten zu knnen.


Eine Zigarre, sagte der Altruist, eine Zigarre, mein Lieber, kann ich Ihnen nicht geben. Aber wenn Sie einmal ein Feuer brauchen, kommen Sie nur zu mir; die meine brennt immer.


Vornehme Leute demonstrieren nicht gern. Sobald sie sehen, da einer eine Gemeinheit begeht, fhlen sie sich wohl mit ihm solidarisch, aber nicht alle haben den Mut, es ihn auch wissen zu lassen.


Es gibt Heuchler, die mit einer unehrlichen Gesinnung prahlen, um unter solchem Schein sie zu besitzen.


Eher verzeiht dir einer die Gemeinheit, die er an dir begangen, als die Wohltat, die er von dir empfangen hat.


Ich habe es so oft erlebt, da einer, der meine Meinung teilte, die grere Hlfte fr sich behielt, da ich jetzt gewitzt bin und den Leuten nur noch Gedanken anbiete.


In Berlin gehen so viele Leute, da man keinen trifft. In Wien trifft man so viele Leute, da keiner geht.


Ich wrde nicht klagen, wenn man mir das Trinkgeld "abknpfte". Peinlich ist nur, da ich es aus der Tasche holen mu, wenn's regnet, wenn ich nachdenke oder wenn sonst etwas geschieht, was den Werken der Nchstenliebe nicht frderlich ist.


Mir trumte, da ich frs Vaterland gestorben war. Und schon war ein Sargtrlaufmacher da, der die Hand hinhielt.


Es gibt nur eine Mglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu bentzen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.


Der bel grtes ist der Zwang, an die uern Dinge des Lebens, die der inneren Kraft dienen sollen, eben diese zu verplempern.


Manchmal spre auch ich etwas wie eine Ahnung von Menschenliebe. Die Sonne lacht, die Welt ist wieder jung, und wenn mich heut einer um Feuer bitten tt, ich bin imstand, ich wei nicht, ich lieet mich nicht lang bitten, und geberts ihm!


"Gehns, seins net fad!" sagt der Wiener zu jedem, der sich in seiner Gesellschaft langweilt.


Restaurants sind Gelegenheiten, wo Wirte gren, Gste bestellen und Kellner essen.


Die Welt der Beziehungen, in der ein Gru strker ist als ein Glaube und in der man sich des Feindes versichert, wenn man seine Hand erwischt, hlt die Abkehr von ihrem System fr Berechnung, und wenn sie den Herkules nicht geradezu verachtet, weil er sich und dreitausend Rindern das Leben schwer macht, so forscht sie nach seinen Motiven und fragt: Was haben Sie gegen den Augias?


Das ist doch der, der geglaubt hat, da ich vergessen habe, da ich ihn nicht kenne!


Ich kann mir denken, da eine hliche Frau, die in den Spiegel schaut, der berzeugung ist, das Spiegelbild sei hlich, nicht sie selbst. So sieht die Gesellschaft ihre Gemeinheit in einem Spiegel und glaubt aus Dummheit, da ich der gemeine Kerl bin.


Es liegt nahe, fr ein Vaterland zu sterben, in welchem man nicht leben kann. Aber da wrde ich als Patriot den Selbstmord einer Niederlage vorziehen.


Alle Gerusche der Zeitlichkeit seien in meinem Stil gefangen. Das mache ihn den Zeitgenossen zum Verdru. Aber Sptere mgen ihn wie eine Muschel ans Ohr halten, in der ein Ozean von Schlamm musiziert.


Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straensplung, Haustorschlssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemtlich bin ich selbst.




Karl Kraus

Biographie

Balladen und Gedichte
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Aphorismen
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