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Sprachlehre

Karl Kraus

Zu den Vorurteilen gegen mich, die wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen sein werden, gehrt die Vermutung, da ich die Zeitungen lese, "um etwas zu finden",woran ich Ansto nehmen knnte, whrend ich in Wahrheit im Bltterwalde so fr mich hingehe und nichts zu suchen mein Sinn ist. Ja bereit, die Herren Journalisten zu bestechen, damit ich nur ja nichts zu finden brauche, was mich zur Wiederherstellung der Natur ntigt, komme ich mir wie der Nestroysche Hausmeister vor, der "lieber seIber einer jeden Partei ein Sechserl schenken mchte", um nur seine Ruh' zu haben. Und oft denke ich mir, wie gern ich die Zeit, die sie mir rauben, daran wenden wrde, ihnen rechtzeitig zu heIfen, alles das zu unterlassen, was mich in Ttigkeit setzt. Denn ich bedarf doch wahrlich nicht mehr ihrer Anste, um mir ber die Gestalt, die sie der Welt gegeben haben, etwas einfallen zu lassen. Wenn sie nur gewillt wren, mir tglich ihre ihre Brstenabzge zur Korrektur zu schicken, so wre ich erbtig, bei voller Belassung der moralischen Eigenart, ihnen das Grbste im Stilistischen und Grammatikalischen abzutun und gerade dadurch ihre schlechten Absichten wirksamer herauszuarbeiten. Ich mu diese Arbeit ja oft genug an Zitaten besorgen und manchen Formfehler beseitigen, um die Aufmerksamkeit nicht von dem Schwachsinn der Gedankenfhrung oder der Lumperei der Gesinnung abzulenken. Sie wissen es nicht, merken es nicht und ich stiller Wohltter mache kein Aufheben davon. Aber natrlich wre ich auch bereit, in den Inhalt einzugreifen, zu dmpfen, zu beleben, zu veredeln, kurz eine Textgestalt herzustellen, die vor meinem Witz sicher sein kann. Wei Gott, es wre gar nicht bel, die Vorzensur, die sich im Krieg blo auf die Unterdrckung von Artikeln beschrnkt hat, die die Siegeszuversicht herabmindern konnten, in meine Hnde zu legen, welche doch fr einen weit kulturvolleren Zweck ttig wren. Aber wie ich die Herren Journalisten kenne, werden sie diese Idee als eine unerlaubte Zumutung an die Freiheit der Prostitution stolz von sich weisen, und was ich seit Jahrzehnten als Zensor ihrer Resultate leiste, hat, ach, nicht einmal an der uersten Oberflche der Sprachkorrektur seinen erzieherischen Einflu bewhrt. Man kann es mit dem ihnen gelufigsten Worte sagen: sie haben "daran" vergessen, auch wenn es ihnen noch so oft eingetrichtert wurde; und wenn sie auch nichts wissen, sie "brauchen nicht lernen". Aber vielleicht kommen wir einander ein wenig nher, wenn ich von Zeit zu Zeit die rgsten sprachlichen Mibildungen frmlich ausstelle - ohne an bestimmte Flle anzuknpfen, denn da tten sie's justament! Um nur, was mir gerade zur Hand liegt, zu erwhnen: "wieso kommt es", da sie so schlechtes Deutsch schreiben und da diese Frage, die der Tandelmarkt frei hat an das Schicksal, immer wieder gestellt wird? Also man fragt: wie ( oder woher ) kommt es (das andere bedeutet etwas ganz anderes). "Nach vorwrts" geht es in keinem Fall, sondern es sollte blo "vorwrts" gehen. Dies gilt natrlich auch wo es "rckwrts geht". Dagegen soll nie etwas "rckwrts sein", sondern nur hinten. Vllig unmglich aber ist es, die Fremden, die man nach Wien lockt und denen man solche Lokalismen als Sehenswrdigkeiten bietet, "Gste von auswrts" zu nennen, weil da zwei entgegengesetzte Richtungen karambolieren. Die Herren Journalisten werden sagen: Wir "verbieten uns" diese Kontrolle. Aber was mich betrifft, ich kann weder ihnen noch mir ihr schlechtes Deutsch verbieten, ich kann es mir nur - gleichfalls ohne Aussicht - verbitten. Denn ich kann ihnen nicht gebieten, da sie besser schreiben, ich kann sie nur darum bitten. (Wenn ich's erpressen knnte, wrde ich es tun.) Imperfektum: nicht er "verbot sich etwas", sondern er "verbat" es sich. Perfektum: nicht "er hat es sich verboten", sondern "verbeten". Wie kommt das? Woher kommt das? Eben nicht von "bieten", sondern von "bitten". (Der Nestroysche Sprachwitz, in der wienerischen blichkeit begrndet, ist ein rein akustischer: "Ich werd' mir das verbieten!". "Sich knnen Sie verbieten, was Sie wollen, aber mir nicht!". Wenn die Gegenfigur deutlich sagte: Ich werd' mir das verbitten!, wre der Witz nicht mglich.) Bei dieser Gelegenheit: Wenn ich einem etwas "geboten" habe, so kann das sowohl von "bieten" wie von "gebieten" kommen: nicht zu verwechseln mit: "gebeten", das von "bitten" kommt und wieder nichts zu tun hat mit "gebetet", das von "beten" kommt. Die Sache ist nicht leicht, aber da wir zum Publikum sprechen, so mssen wir doch, nicht wahr, mit gutem Beispiel vorangehen. Nun, ich mute ihnen zu, es sich zu merken, ohne da ich ihnen diese Fhigkeit zutraue. Sie aber beklagen sich: ich "mute ihnen zu, es nicht zu wissen" - was so viel bedeutet als: ich verlange von ihnen, da sie es nicht wissen, whrend ich doch das gerade Gegenteil von ihnen verlange, wenngleich nicht erwarte, es ihnen also nicht "zutraue". Denn sie haben mich, wie sie sagen wrden, nicht "allzu verwhnt". Eine arge Misere ist diese Verbindung von "allzu" mit einem Zeitwort. Der gebildete Schmock schreibt, einer habe "allzu dominiert". Nun wre wohl seine "allzu dominante" Stellung denkbar, aber er knnte natrlich nur "allzu sehr" dominieren. Etwas mag allzu lieb, selbst allzu geliebt sein (wenn das Partizip mehr als Adjektiv denn als Zeitwort gedacht wird), aber man kann nur "allzu sehr" lieben. Einer kann allzu gro sein, aber nicht allzu gewachsen. Es wre auch mglich, da er "allzu verwhnt ist", aber er "wurde allzu sehr verwhnt". Komplizierter wird es, wenn der Schmock schreibt, man drfe "einem nicht allzu unrecht tun". Man kann sich wohl "allzu unrecht" (unrichtig) ausdrcken, aber man kann nur "allzu sehr unrecht" tun (allzu groes Unrecht). Tue ich das? Es gibt kaum einen sprechenden oder schreibenden Menschen in Wien, der sich nicht erlaubte, "bichen" schlampig zu sein statt "ein bichen" (das von einer sehr realen Sache, nmlich einem kleinen Bissen stammt.) Vollends mit dem "bis", wird aber verfahren, da es schon nicht mehr schn ist und die Bedeutung auf dem Kopf steht: sie werden einem etwas sagen, "bis er kommt". Aber sie meinen natrlich nicht, da sie es ihm so lange sagen werden, bis er kommt, sondern erst sagen werden, wenn er kommt. In Wien geht der Krug erst dann zum Brunnen, wenn er bricht, weshalb er meistens zu spt kommt. Und wird "bis" schon einmal richtig statt fr den Zeitpunkt fr die Zeitstrecke verwendet, so kann man sicher sein, da ein "nicht" seine Begleitung anbietet:

    ein Gnadengesuch, mit dessen Erledigung so lange gewartet werden sollte, bis die Entscheidung des Oberlandesgerichtes ... nicht vorlag.


Fast alle diese Bildungen sind spezifisches Wiener Gewchs, dessen jdische oder nichtjdische Herkunft nicht mehr feststellbar ist. Wenn die Wiener heute "am Land" sind, so ist es kaum mehr das alte: "aum" (auf'm) Land. Hier kann man jdisch oder zur Not alldeutsch sprechen, deutsch keineswegs. Ein Franzose, der schlecht franzsisch spricht, ist kaum vorstellbar, dagegen ist er stolz darauf, wenn er schn franzsisch spricht. Eine verstorbene Freundin, die fr diese Werte ein besseres Gefhl hatte als die ganze Kollektion, die Krschners Literaturkalender umfat, schilderte mir einmal, wie sie in einem kleinen Laden einer Pariser Vorstadt nach etwas vergebens fragte, aber nicht von einem Klachel in einem undefinierbaren Dialekt angeschnauzt wurde, sondern freundlich an einen Konkurrenten gewiesen, der die Ware bestimmt vorrtig habe: "Und auerdem spricht er ein so schnes Franzsisch!" Man versuche sich vorzustellen, da eine solche Auskunft bei uns, in Kauderwelschland, erteilt wrde. Die Zusammenhnge mit dem Infanterieregiment Nr. 4 sind in Wien weit lebendiger als mit den Deutschmeistern. Die Perversitt aber, da die gedruckte Sprache auf einem noch tieferen Niveau angelangt ist als die gesprochene, ist das geistige Unikum, das diesem Klima, vorbehalten blieb. Die ffentliche Meinung ist zur Wand eines Abtritts geworden, auf der nicht nur jede Bberei der Gesinnung Platz hat, sondern auch jede Missetat an der Sprache. Setzt der jdische Journalist die Wendung hin: "worauf man darauf folgern kann", so antwortet der Arier: "wonach hervorgeht". Die Lokalredakteure mssen als Volksschler doch ein besseres Deutsch geschrieben haben; sonst wren sie es noch heute. Krzlich schrieb einer:

    Die Anklage wird auf einen weiteren sich gestern zugetragenen Vorfall ausgedehnt.


Dem geschtzten Autor wrde man natrlich auch nicht begreiflich machen knnen, da er durch das Fehlen des Kommas nach "weiteren" ausgedrckt hat, die Anklage habe sich auf einen abermals "sich gestern zugetragenen" Vorfall bezogen. Aber sie knnen nicht nur nicht die Wrter richtig zusammenstellen, nein, da liest man tglich auch solche, die es gar nicht gibt: "insbesonders" dieses. Der Dichter der Wiener Stimmen', von dem man doch annehmen mte, da er, wenn schon nichts anderes, so zum mindesten eine Muttersprache habe, beginnt ein Verslein mit dem Wrtlein: "zumindestens", das sich ihm aus dem Vorrrat von "mindestens", "zumindest" und "zum mindesten" geballt hat: "zumeistens" wrde er kaum riskieren. Einer, der trotz seinem Mauscheldrang ein kerndeutscher Mann ist, prophezeite krzlich, ein Jargonstck werde "durch Wochen lang" zugkrftig sein. Dem Grafen Keyserling - der gewi eine fatale "Einstellung" zur deutschen Sprache hat und ehe er die Schule der Weisheit grndete die andere geschwnzt haben mu - korrigierte er einen ausnahmsweise korrekten Satz. Die Strafe folgte auf dem Fu:

    Wenn ich nun einen Menschen ... fragte, worin also die Lehre des Grafen Keyserling bestnde, so wrde ich ...


Der Konjunktiv ist sicherlich eine schwierige Angelegenheit der deutschen Sprache, die auch den besten Schriftstellern schon Kummer bereitet hat. Selbst wenn jenes "fragte" ein inneres Imperfektum wre - das es hier ja nicht sein kann -, ihm also "ich fragte" und nicht "ich frage" zugrundelge, so mte es heien: "worin die Lehre bestehe ". Der Konjunktiv des Imperfekts wre nur dann richtig, wenn der Satz bedingt gedacht oder in eine Bedingung fortgesetzt wrde: "bestnde, wenn ..." Er wre richtig, wenn der Satz nicht die Frage enthielte: "Worin besteht die Lehre?", sondern: "Worin bestnde die Lehre?". (Dies wre etwa mglich, wenn bereits alles, worin sie nicht besteht, dargestellt wre und der Schlu brig bliebe, da sie in nichts besteht. Im Falle Keyserling zwar denkbar, aber hier nicht beabsichtigt.) Immerhin ist es vielleicht das Bemhen um eine consecutio temporum, die im Deutschen so leicht wider den Gedanken geht. Aber der Konjunktiv imperfecti ist an und fr sich das Prunkstck der Bildung. Ein geruschvoller Advokat, der sich auch in der Presse als Polemiker lstig macht, schrieb krzlich:

    Und er findet, da alles prchtig vorwrts ginge.


Eine ausnahmsweise richtige Konstruktion - wenngleich durch andere Fehler wettgemacht - ist der Neuen Freien Presse passiert:

    Der Inspektor erklrte, da er die Angeklagte, trotzdem sie ihm beschimpft habe, htte laufen lassen, wenn sie nicht eine Beschwerde gegen ihn erstattet htte.


"Ihm" ist der typische Setzfehler der Wiener Druckereien; vom Schreiber, der vielleicht so spricht, ist zu vermuten, da er "beschimpfen" doch mit dem Akkusativ konstruiert. "Trotzdem" als fhrendes Bindewort des Konzessivsatzes (statt "obgleich") mag als ein tief eingewurzelter Mibrauch hingehen. Aber der Satzbau ist in Ordnung. Hier ist das "htte laufen lassen" richtig, weil ihm der Konditionalsatz folgt: "wenn sie nicht erstattet htte". Htte sie aber die Beschwerde nicht erstattet und htte er sie laufen lassen, wre also der Sachverhalt das Gegenteil, so htte die Zeitung wohl trotzdem geschrieben: "Der Inspektor erklrte, da er die Angeklagte htte laufen lassen". Anstatt richtig zu schreiben: "Der Inspektor erklrte, da er die Angeklagte habe laufen lassen", "laufen lie" oder "er habe sie laufen lassen". Der Abend', der auer dem Namen seines Herausgebers kein Fremdwort in seinen Spalten duldet, der sich grundstzlich nicht an die Adresse, sondern an die Anschrift der Proletarier wendet und dessen Stze zu neunzig vom Hundert nicht deutsch sind, stellte kurz und bndig fest:

    Das Berliner Gesundheitsamt meldet, die Krankenhuser wren berfllt.


Man erwartet etwa die Fortsetzung: wenn nicht schleunigst neue erffnet worden wren. Richtig mu es heien: "die Krankenhuser seien berfllt" oder "da die Krankenhuser berfllt sind". "Sie wren berfllt" wrde geradezu bedeuten, da das Blatt die Meldung des Berliner Gesundheitsamtes als Lge hinstellen will. Ein Zweifel an ihr wre schon angedeutet durch den Konjunktiv prsentis: "da sie berfllt seien" (whrend "sie seien berfllt" blo den Ersatz fr den da-Satz mit Indikativ vorstellt). Selbst wenn das regierende Verbum die Zeitform des Imperfektums oder Perfektums htte: "das Amt meldete" oder "hat gemeldet", so wre fortzusetzen: "da die Krankenhuser berfllt sind" oder "sie seien berfllt". Dies, wenn der Inhalt des abhngigen Satzes fr den Berichterstatter feststehen soll. Ohne diese Tendenz darf sich hier der "da"-Satz mit dem Konjunktiv prsentis anschlieen: "meldete, da sie berfllt seien". Der Konjunktiv imperfecti nur dort, wo der des Prsens nicht in Erscheinung tritt, z. B. "er versicherte, da sie kommen mten" (statt "mssen"). Sonst aber wrde er immer den Zweifel an der Aussage bezeichnen. Sanders hat hier ein vorzgliches Beispiel aus Schiller, das, gleichfalls eine Krankmeldung betreffend, nebeneinander die Vermutung der Lge und die Behauptung der Wahrheit durch Modus wie Tempus ausdrckt:

Mir meldet er aus Linz, er lge krank.
Doch hab' ich sichre Nachricht, da er sich
zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.

Bedenklich dagegen ist die von Sanders angefhrte und nicht ausdrcklich getadelte Wendung bei Goethe:

    Da er hrte, da ich viel zeichnete und Griechisch knnte.


Wre hier der Konjunktiv unerllich, so wre zwar "zeichnete" richtig, da "zeichne" als Konjunktiv nicht hervortritt; "knnte" jedoch ist nicht richtig und die gedankliche Diskrepanz hebt sich nur im Mitklang auf. Immerhin regiert hier das Imperfektum. Unmglich aber ist es, von einem Prsens das Imperfektum des Konjunktivs abhngig zu machen, ohne damit die Aussage als unglaubwrdig oder als bedingt hinstellen zu wollen. Da hat eine Berlinerin mit Rilke gesprochen:

    Er erzhlte, da er im Wallis bei Sierre wohne, in einem kleinen, alten Schlo, ganz einsam, Jahr fr Jahr, und nur selten, wenn es nicht mehr anders ginge, einen kurzen Flug in die Welt hinaus mache. Der Kanton Wallis sei das Landschaftsbild, welches ihm durch seine Romantik und ppigkeit am nchsten kme, und was ihn auerdem so sehr an seinen Aufenthalt in Spanien erinnere.


Wie man nur aus einem Gesprch mit einem deutschen Dichter so schlechtes Deutsch bewahren kann! Von dem "was" abgesehen - warum denn "ginge" und "kme"? warum dann nicht auch "wohnte", "machte", "wre" und "erinnerte"? "Wenn es nicht mehr anders ginge"? Es ginge nicht mehr anders, wenn -! Aber in der deutschen Presse geht es wirklich nicht mehr anders. Vor dem Konjunktiv wird alles, was Deutsch schreiben mchte, scheu. Freilich anders, als es "der Wustmann" meint, welcher es verkehrt meint, gerade in diesem Kapitel seinem Namen, der geradezu ein Symbol der Sprachverwirrung geworden ist, Ehre macht und dem Titel seines berhmten Buches "Allerhand Sprachdummheiten" zu einem unbeabsichtigten Sinn verholfen hat. Auch er verwendet zufllig das Beispiel einer Krankmeldung, aber freilich um jede Sprachsimulation zu erlauben. Es sei "ebensogut mglich, zu sagen": er sagt, er wre krank, wie: er sagte, er sei krank u. dgl. Aber das erste ist in Wahrheit, nur mglich, wenn der Krankmeldung das strkste Mitrauen entgegengesetzt wird. ber den Bedeutungsunterschied der Formen macht er sich so wenig Gedanken, da er schlicht erklrt, der Konjunktiv der Gegenwart werde von vielen "als das Feinere" vorgezogen; "wenn sich aber jemand in allen Fllen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit bedient", so sei auch dagegen "nichts ernstliches einzuwenden". Gleich darauf beklagt er aber die "fortschreitende Abstumpfung unseres Sprachgefhls", von der er selbst, ohne es zu ahnen, die lebendigsten Beweise gibt. Der Mann, der die Verderbnis unserer Schriftsprache von dem bel herleitet, da man nicht schreibe, wie man spricht - wiewohl man es doch lngst tut, ja noch schlechter schreibt als man spricht -, bringt es zuwege, Wendungen, die natrlich und richtig sind, fr "papieren" zu erklren und die papiernen fr natrlich und richtig.

Eine der fixen Ideen dieses Wegweisers, der in Deutschland so beliebt ist, weil er einen flachen Ernst mit einem seichten Humor verbindet, ist sein Kampf gegen das Relativpronomen "welcher", welches man nicht schreiben drfe, weil man es nicht spricht. Findet er es bei Goethe und Hlty, so ist es "nichts als ein langweiliges Versfllsel, eine Strohblume in einem Rosenstrau". Aber wenn man bedenkt, da so ziemlich aller Wert der geschriebenen Wortschpfung jenseits aller Sprechbarkeit besteht und da kaum je ein Satz aus der "Pandora" zur Verstndigung im tglichen Umgang gedient haben drfte, so kann man ermessen, auf welchem Niveau sich diese Sprachkritik bewegt. Um bei dem "welcher" zu bleiben: es ist natrlich nicht nur, wie Wustmann gromtig zugesteht, zur Not in einer Folge von abgestuften Relativstzen, im Wechsel mit dem einzig konzessionierten Pronomen "der" anwendbar, sondern es waltet da wohl ein Bedeutungsunterschied, der nicht nur dem Wustmann, sondern auch solchen Grammatikern fremd ist, die das "welcher" ohne Angabe der Grnde tolerieren. Ich will das Gefhl fr diesen Unterschied an einem der verbreitetsten Fehler zu wecken versuchen. In einem Blatt, das zwar grodeutsch, aber nicht deutsch geschrieben ist, heit es:

    Die Art, wie das Gedenken um Rainer Maria Rilke ... zum Ausdruck kam, ist sicher eine der besten und schnsten, die fr einen solchen Anla ... mglich war.


Es mu natrlich heien: ... eine der besten, die waren. Der Nonsens, den der Singular ergibt, htte den folgenden Sinn: die Art ist eine der besten und sie war denn auch fr einen solchen Anla mglich. Es wrde also von der besten Art noch ein Weiteres ausgesagt. Wre dies der Sinn, so wrde ihm "welche" eher gerecht als "die": eine der besten welche eben hier mglich war (welche = und eine, die). Um es an einem gegenstndlicheren Beispiel zu erlutern: "Eines der besten Bcher, das ich gelesen habe". So sprechen und schreiben die Leute, die sagen wollen: Eines der besten Bcher, die ich gelesen habe. Das heit: von den Bchern, die ich gelesen habe, eines der besten. Es soll aber nicht von einem der besten Bcher die Rede sein, die als solche schon feststehen, nicht von einem unter ihnen, von dem noch besonders gesagt wird, da ich es gelesen habe. Wre dies - also eine blo beigeordnete Aussage - beabsichtigt, so trte der Fall ein, wo das Relativpronomen "welches" vorzuziehen ist: "eines der besten Bcher" als eine fr sich stehende Charakteristik, "welches ich gelesen habe" als ein hinzutretender Umstand. (Also: eines der besten Bcher und eines, das ich gelesen habe.) Dagegen: "Eines der beste Bcher, die ich gelesen habe" - hier hat der Relativsatz eine bestimmende Funktion. Es handelt sich nicht um die besten Bcher als solche, sondern um die besten von denen, die ich gelesen habe. Diese Aussage enthlt das wesentliche Kennzeichen der Bcher, keinen blo hinzutretenden Umstand, denn es sind die besten der von mir gelesenen Bcher, von deren einem ich spreche und ber die ein anderer anders denken wird. Hier ist das Relativpronomen "die" zu setzen, nicht "welche". Zwischen "der" und "welcher" fhle ich einen Unterschied, der etwa dem zwischen einer determinativen und einer attributiven Beziehung gleichkommt. Der Relativsatz, den ich mir, ohne das Wesentliche der Vorstellung des Gegenstandes zu verletzen, auch eliminiert denken knnte, ist eher mit "welcher" anzuschlieen. Der Relativsatz, der diese Vorstellung erst bildet oder wesentlich ergnzt, nur mit "der". Diese Form (die im Genitiv "dessen" ohnehin die andere verschlungen hat) wird freilich beiden Bedeutungen gerecht, und innerhalb des gedanklichen Unterschieds werden Rcksichten des Wechsels, des Klanges und allerlei sonstiges Stilgeheimnis die Wahl bestimmen -keineswegs aber irgendwelche ungeistige Vorschrift. "Der schlechteste Sprachlehrer, den ich gekannt habe": das ist nicht der schlechteste Sprachlehrer berhaupt, sondern der schlechteste von denen, die ich gekannt habe. Sage ich: "Der schlechteste Sprachlehrer, welchen ich gekannt habe", so spreche ich von dem berhaupt schlechtesten, von einem, der als solcher schon dargestellt ist, wozu ich nur noch bemerke, da ich ihn gekannt habe. Das Relativpronomen kann eine schwierige Unterscheidung erleichtern: "Eine der anmutigsten Frauen, die ich gesehen habe": da wird der Relativsatz wohl vom Plural abhngen. "Eine der anmutigsten Frauen, welche ich gesehen habe": hier wohl von der einen. Beim Maskulinum und beim Neutrum ist die Unterscheidung, ob Singular oder Plural, von selbst gegeben. "Einer der reichsten Mnner, der eine Zeitung subventioniert": das drfte der typische Fehler sein, den solche Zeitungen machen, und es ist wohl gemeint: einer der reichsten Mnner, die eine Zeitung subventionieren. Nehmen wir aber den einfacheren Fall: "Der reichste Mann, der eine Zeitung subventioniert" und "Der reichste Mann, welcher eine Zeitung subventioniert". Dort ist von dem grten Zeitungskapitalisten die Rede: der Relativsatz gibt das Wesen. Hier ist von dem grten Kapitalisten die Rede, von welchem auch gesagt wird, da er Geld fr eine Zeitung brig hat: der Relativsatz fgt dem Wesen etwas hinzu. Da da ein weltenweiter Abstand der Relativbegriffe vorliegt, daran ist nicht zu zweifeln. Ob ich diesem Abstand durch meine Verteilung von "welcher" und "der" gerecht werde, mag jeder beurteilen, der ber diese Dinge nachdenkt. Es knnte sich ihm - gleich mir selbst - ergeben, da manchmal einer andern, gar der gegenteiligen Entscheidung nahekommt; jedenfalls wird er, an den geeigneten Beispielen, des von mir gewiesenen Unterschiedes und seiner Gesetzlichkeit habhaft werden. Scheinbar kommt ja der Form "welcher" die strkere Beziehungsfhigkeit zu, wie sie auch die Fgung "derjenige, welcher" dartut. Aber diese deutlichere Relation spielt sich erst innerhalb des hinzutretenden Umstandes ab, den ich die Form "welcher" bezeichnen lasse, und nachdem die allgemeine Begriffsbestimmung der Person oder Sache schon vollzogen ist. Dies ist gerade an Fllen nachweisbar, wo die attributive Beziehung in die determinative berzugehen scheint; wenn kontrastierende Gegenstnde durch eine Aussage von einander unterschieden werden sollen, die keineswegs ihrer wesentlichen Bestimmung dient. Wenn ich von zwei Leuten erzhlen will, die ich getroffen und deren einen ich gegrt habe, so sage ich: "Den einen, welchen ich gegrt habe, kenne ich seit langem ...". Ich will von ihm sagen, da ich ihn seit langem kenne etc. Ich mache ihn in der Erzhlung aber kenntlich durch den eingeschalteten Relativsatz, der ihn sofort von dem andern unterscheiden soll, welchen ich nicht gegrt habe. Dieser Relativsatz mit "welcher" knnte auch zwischen Gedankenstrichen oder in Klammern stehen, ja fr den Hrer, der den Sachverhalt schon erfat hat, sogar wegfallen. Eben in ihm ist das "derjenige, welcher" enthalten. Dieses "welcher" hat die Gabe der Erluterung oder der Absonderung, es bezeichnet ein hinzutretendes, oft unterscheidendes Merkmal, es bestimmt aber keineswegs den Begriff der Person oder Sache als solcher, von der ich aussage. Es ist scheinbar determinativ, in Wahrheit attributiv. Schriebe ich nun: "Der eine, den ich gegrt habe...", so erhielte der "eine" leicht die strkere Betonung als "gegrt", es ergbe zunchst den Sinn, da ich beide gegrt habe und von jedem der beiden Gegrten etwas aussagen will. Wre dies beabsichtigt, so knnte vor "den" sogar das Komma entfallen, denn es handelte sich um "den einen Gegrten" (von ebensolchen zweien), nicht um "den einen, den Gegrten". Bei "welcher", welches die Tonkraft dem eigenen Prdikat zuschiebt ("welchen ich gegrt habe"), ist dem Relativsatz begriffliches Eigenleben erhalten; das schwchere "der" liefert es dem regierenden Satze aus. Dieses Prinzip wird man an allen Beispielen besttigt finden, wiewohl die Verhextheit gerade dieser sprachlichen Region immer wieder zu neuen Zweifeln verfhren mag.

Ist es aber nicht Resultat genug, sich verfhren zu lassen? Die Grammatiker haben es nicht getan und Wustmann ist weit davon entfernt. Er macht sich wohl ber allerhand Sprachdummheiten Gedanken, aber nicht ohne jene durch diese zu vermehren. Namentlich hat es ihm auch der Konjunktiv angetan, zu welchem ich darum gern zurckkehre. Er spricht von der "klglichen Hilflosigkeit unserer Papiersprache", der er etwa die korrekte Wendung zuschreibt:

    Es ist eine Lge, wenn man behauptet, da wir die Juden nur angreifen, weil sie Juden sind.


Es msse "unbedingt" heien: "angriffen", denn "es mu der Konjunktiv stehen, und das Prsens angreifen' wird nicht als Konjunktiv gefhlt". Das zweite ist wahr, das erste ist falsch, denn es mu der Indikativ stehen. ("Angriffen" wrde aber als der Indikativ imperfecti gefhlt werden.) Selbst wenn es schlechthin hiee: "es ist eine Lge, wenn man behauptet, da wir die Juden angreifen", so wre der Indikativ nicht unrichtig, wiewohl wir die Juden tatschlich nicht angreifen. Was vom Berichtenden hier als falsch hingestellt wird, ist zwar der Inhalt einer bestimmten Behauptung, jedoch einer, die eben in ihrer Bestimmtheit ausdrcklich schon als Lge deklariert ist. "Mir meldet er aus Linz, er lge krank": da wird der Inhalt der Meldung erst durch den Konjunktiv angezweifelt. Nun heit es aber vollends, es werde behauptet, da wir die Juden "nur angreifen, weil sie Juden sind". Es wird sogar der Inhalt der Behauptung, da wir die Juden angreifen, besttigt und nur der Grund des Angriffs in Abrede gestellt. "Weil sie Juden sind": das wollte Wustmann offenbar nicht bezweifelt wissen; Wunder genug, da er nicht trotzdem "seien" verlangt "wren" erlaubt hat. Hervorragend ist der Mangel an Unterscheidungsfhigkeit, mit dem er seine Vorschriften erlt. Er fhrt eine Reihe von Stzen an, die nach seiner Meinung falsch sind, und setzt "das richtige immer gleich in Klammern daneben". Da findet sich denn:

    Er hatte ... den Wunsch geuert, die Soldaten mgen (mchten!) ... nicht zielen.


Richtig, aber nicht weil der Satz den Konjunktiv erfordert - auch "mgen" ist einer -, sondern weil der Konjunktiv - und der vom Indikativ unterscheidbare des Imperfekts - hier als Ersatz fr das fehlende "da" auch dann eintreten mte, wenn diesem der Indikativ folgte.

    Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, da sich die Ziele ... von selbst ergeben (ergben!).


Es ist ein Irrtum: hier ist kein Konjunktiv beabsichtigt.

    Von dem Gedanken, da in Lothringen hnliche Verhltnisse vorliegen (vorlgen!) ... mu ganz abgesehen werden.


Hier kann ein Konjunktiv beabsichtigt sein, darum wre das Imperfekt - der Unterscheidung wegen - mglich.

    Es wird mir vorgeworfen, da ich die ursprngliche Reihenfolge ohne zwingenden Grund verlassen habe (htte!).


Verlassen hat er sie ja, vorgeworfen wird ihm nur die Grundlosigkeit, also ist der Indikativ richtig. Dagegen: "es wird mir (schlechthin) vorgeworfen, da ich sie verlassen htte": es ist nicht wahr, ich habe sie nicht verlassen. Aber es drfte - wie oben bei dem Angriff auf die Juden - berichtigt werden: "es ist eine Lge, wenn mir vorgeworfen wird, da ich sie verlassen habe". Die Unwahrheit des Vorwurfs kann ich durch den Konjunktiv charakterisieren, wenn ich aber den Vorwurf ausdrcklich schon eine Lge nenne, so bedarf ich des Konjunktivs nicht mehr. Durch diesen wrde ich meine eigene Aussage ber den Vorwurf als zweifelhaft hinstellen.

    H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, da ich den Unterricht bekrittelt habe (htte!).


Hier hat Wustmann recht, denn es wird eine falsche Voraussetzung Grimms angenommen, die nicht anders als durch den Konjunktiv entwertet werden kann, whrend oben die Behauptung, da sich die Ziele ergeben, als solche feststehen mu, um eben als "Irrtum" entwurzelt zu werden. Aber er schliet summarisch: "da die Verfasser dieser Stze den Indikativ htten gebrauchen wollen, ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die Absicht gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben"; und sie htten eben flschlich den papierenen Konjunktiv prsentis oder perfecti erwischt, der als solcher nicht erkennbar ist. Aber woher wute Wustmann, da sie, wenigstens zum Teil, nicht den Indikativ beabsichtigt haben? Und wie htte er in diesem Falle bewiesen, da es fehlerhaft sei? Wustmann schreibt, es sei nicht anzunehmen, da sie den Indikativ htten brauchen wollen. Ich nehme an, da selbst er hier den Indikativ hat gebrauchen wollen, also zu sagen gehabt htte: "da sie den Indikativ haben gebrauchen wollen". Sein eigener ist ja durch die Negation im Hauptsatz ("nicht anzunehmen") konsumiert und was er geradezu "nicht annimmt", ist als Tatsache zu setzen. (Sonst wrde er ja seine eigene Nichtannahme bezweifeln.) Wenn ich nun soeben schrieb: "da er sagen gehabt htte", so stellt dieser Konjunktiv den besonderen Fall einer gedachten Bedingtheit vor, auf den ich schon hingewiesen habe. Auch in direkter Aussage wrde es hier heien: "er htte zu sagen gehabt" (ergnze: statt da er gesagt hat). Er aber htte vermutlich sogar das Folgende gesagt oder erlaubt: "Es ist nicht anzunehmen, da die Verfasser behaupten wrden, die Stze, die sie geschrieben htten , seien Indikativstze." Hier liegt der Fall vor (den Sanders richtig heraushebt), da der Zwischensatz eine Bemerkung des Aussagenden ist und nicht eine Bemerkung dessen, von dem ausgesagt wird, es also heien mu: "... behaupten wrden, die Stze, die geschrieben haben, seien Indikativstze". Vielfache stilistische Rcksicht kann hier wie berall gegen die Vorschrift geIten. Aber umsomehr gegen eine Erlaubnis, die von keinem Gedanken bezogen ist. Supra grammaticos wird immer die knstlerische Entscheidung stehen und ein scheinbarer Fehler drfte manchmal gegen alle Regel alles Recht von der gedanklichen Vollmacht seiner Umgebung erhalten. Eben solchem Wert kann sprachlogisches Bemhen, das Richtige vom Unrichtigen zu unterscheiden, nur zugute kommen. Richtig gebaut ist zum Beispiel ein Satz in einer Erklrung, die ich in einer Polemik der Arbeiter-Zeitung zitiert finde und die eine Ausnahme vom Wiener Amtsdeutsch zu bilden scheint:

In den letzten Tagen ist in Versammlungen wiederholt behauptet worden, Vizekanzler Dr. Dinghofer habe sich gegenber einer Abordnung des Reformverbandes der Hausbesitzer geuert, die Hausbesitzer knnten sich auf den vielumstrittenen Beschlu der steiermrkischen Landesmietenkommission auch ohne amtliche Kundmachung des Beschlusses berufen. Demgegenber wird festgestellt, da der Vizekanzler eine solche Erklrung nicht abgegeben hat. Er hat nach den Ausfhrungen des Sprechers der Abordnung, der seine eigenen Ansichten vortrug, lediglich bemerkt usw.

Weit entfernt, aus dem richtigen Ausdruck des Sachlichen auf die sachliche Richtigkeit zu schlieen, gehe ich zu der polemischen Antwort ber. Sie enthlt eine kuriose Fgung, der man hufig bei einem Publizisten begegnet, dessen Fehler besser sind als die Vorzge anderer Zeitungsleute:

    Wonach es wohl so sein wird, da Herr Dr. Dinghofer den Hausbesitzern das gesagt habe, was sie hren wollten ...


Aber da es doch einem entgegengehalten wird, der seine Worte verleugnen mchte, so knnte es gar keinen indikativeren da-Satz geben als diesen und er mte natrlich lauten: "da ihnen gesagt hat ". Hier hat wohl das "wohl" des regieren Satzes den indikativen Charakter des abhngigen Satzes zu Unrecht beeinflut. Warum sollte denn ein Zweifel an der eigenen Deutung ausgedrckt sein? Es soll doch nur das vom andern Teil Gesagte entwertet werden, nicht die Entgegnung, welche durch das "wohl" ja noch ironisch verstrkt wird. Nun, es ist wohl der Absprung einer jhen Feder, whrend die Willkr in modis und temporibus geradezu das System einer Tagesschriftstellerei ausmacht, die im falschen Modus gern ihre Bildung und im falschen Tempus deren Imperfektheit zeigt. Was aber bedeuten selbst solche Formsnden in einer Sphre, wo fast jedes Wort, das hervorkommt, Snde wider den Geist ist? wo berhaupt nur mehr gestottert wird, um den schbigsten Sachverhalt an einen Leser heranzubringen, der es vielleicht doch etwas besser sagen knnte, wenn er nicht tglich diesem verderblich Einflu ausgesetzt wre, so da er schlielich selber zum Journalisten taugt! Ein Theaterkritiker, dessen apodiktische digkeit sich in kurzen Abstzen auslebt, die jeder fr sich nur ein Satz, aber dafr einen schlechten, bilden, beschwert sich ber seinen Sitznachbarn:

    ... der junge Mensch vergngte sich damit, die Schnur an das Aluminium des Feldstechers zu reiben, was ein kreischendes, kratzendes, Nerven erregendes Gerusch verursachte.


Kein Wunder, wenn "an etwas reiben" als Akkusativ konstruiert wird. Aber das Gerusch hrt nicht auf, denn:

    ... er wetzte die Schnur ausschlielich dann an das Fernglas, wenn der Vorhang hochgegangen war.


"An etwas wetzen" als Akkusativ ist freilich auch eine rechte Strung im Theater. Damit man aber sieht, was so ein Sitznachbar imstande ist, fat der Kritiker seine Eindrcke noch einmal zusammen:

    ... Er rieb und wetzte die verdammte Schnur an das verdammte Aluminium. Fr meine Erfahrung war das eine neue Nuance.


Fr meine auch. Es mu schrecklich sein, so empfindlich fr alle Gerusche, aber so verlassen von allem Sprachgefhl im Theater zu sitzen. Offenbar verwechselt man "reiben" und "wetzen" mit "rhren" und "stoen". In diesen Wrtern ist auch die Bewegung "an den" Gegenstand hin enthalten, "an dem" sich der Vorgang abspielt, whrend dort nur dieser selbst ausgedrckt wird. Man stt sich an dem oder an das (gegen die Sitte anstoende) Benehmen des Sitznachbarn, der aber die Schnur blo an dem Aluminium reiben oder wetzen kann. Freilich, in der Wiener Presse wrde es heien: "man stot sich", wie man ja dort auch "lauft".

Das Analphabetyarentum ist geradezu erfinderisch in Ausbau und Vertiefung dessen, was als Zeitungsdeutsch schon eingelebt ist. Da in diesen Kreisen "nachdem" lngst auf die temporale Bedeutung zugunsten der kausalen verzichtet hat, ist bekannt Bhnen'-Ausflge fanden statt, nachdem der Wettergott ein Einsehen gehabt hatte: aber nicht "als", sondern "weil". Sie finden sogar statt, nachdem heute schnes Wetter "ist". Da aber "nachdem" nebst dem Prsens-Charakter sogar einen futurischen sich zuziehen kann, bedeutet eine groe Errungenschaft. Beides ist in dem Folgenden geglckt:

    Man wird sich berall in allen Theatern, die fr Frau Roland in Betracht kommen, fragen, weshalb die Roland eigentlich aus dem Burgtheater weg mute, nachdem Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich mit dieser Frau beiweitem nicht messen knnen, seit Jahren behaglich im Burgtheater sitzen und wahrscheinlich bis an ihr seliges Ende dort sitzen bleiben werden.


Dieses "nachdem" mit dem Prsens bedeutet schon nicht mehr "weil", sondern "whrend hingegen". Aber nachdem etwas geschehen wird: einen temporellen Inhalt da hineinzudenken, drfte ohne Kongestion nicht mglich sein. Es gelnge auch nicht am Beispiel einer bequemeren Materie, etwa: Man wird sich berall fragen, weshalb Herr Bekessy eigentlich von Wien weg mute, nachdem seine Redakteure in Wien schreiben und wahrscheinlich bis an ihr seliges Ende hier weiter schreiben werden. (In Wien sitzen wird nicht einmal er.) Da der Tandelmarktjargon druckreif geworden ist, ja da es berhaupt keine andere Schriftsprache mehr gibt als ihn, offenbart der flchtigste Blick in ein Zeitungsblatt. Es ist bereits mglich geworden, da eine Wendung in Druckerschwrze erscheint wie diese:

    Nach und nach entdeckte sie, da es ihm an Sachen fehle, was jeder andere ... besitzt.


Oder diese:

    weil sie mit ihm Nachtmahl essen war.


Man fragt sich nun, wie (nicht wieso) insbesondere (nicht insbesonders) solches mglich ist. Denn es versucht geradezu den Jargon konstruktiv einzurichten. Schon die Wendung: "Ich war mit ihm essen" ist im Privatleben selten. Man hrt gerade noch: "Ich war essen" und nur als Antwort, nmlich durch die Verfhrung der Frage: Wo warst du? Man kann sich akustisch vorstellen, da einer bekennt: "Ich war baden", aber doch nur als Antwort auf die Frage, was er unternommen habe. Fragt man einen, der sich nebenan im Badezimmer aufhlt: Was tust du?, so knnte er natrlich nicht antworten: Ich bin baden. Auf Frage, was er tun werde, nicht antworten: Ich werde baden sein. Fr die Vergangenheit geht es irgendwie vom Mund. Nie aber selbst von diesem innerhalb einer festen Fgung, mit dem nachgestellten Hilfszeitwort: weil ich baden war, weil ich essen war, oder gar. "weil ich mit ihm Nachtmahl essen war", also als richtiggehende Begriffsfolge. Hier ist Neuland des Jdelns erobert. Auer bei ganz wenigen einfachen Verrichtungen des tglichen Lebens wie "essen", "baden", eventuell "tanzen", "eislaufen", also was man so zu tun hat - aber schon nicht bei "schlafen", welches doch nicht so kurz abgemacht wird - ist dieser entsetzliche Infinitiv mit diesem entsetzlichen "war" kaum vorstellbar. Dem Leser, der das, was ihm im intimsten Kreis von der Lippe fliet, als kausale Konstruktion gedruckt findet, wird sogar noch das Mauscheln verhunzt. Er liest von einem Mann, der einen Preis gewonnen hat (denn mit so etwas entschdigt jetzt die Zeitung ihre Opfer):

    ... ist nach einer halben Stunde noch so aufgeregt, da er den Bleistift nicht fhren kann, um sich die Adresse zu notieren, an der er heute photographiert werden soll.


Aber der Reporter kann die Feder fhren. Ein anderer schkert:

    Schauen Sie sich den blauen Luftballon an, mit seinen schwellenden Formen, der so hbsch an der zierlichen Hand Ihrer Nachbarin in die Hhe ragt.


Oder er plaudert im Metapherndrang ber Orangenschalen:

    Der Fu stolpert leicht ber die dicke Haut des sen Obstes.


Sonst rutscht man in solchem Falle nur aus; aber die Metapher bleibt insofern doch heil, als man von derlei Geistern eben sagen kann: Das stolpert ber eine Orangenschale! Wenn sie nur die Feder in die Hand nehmen, sehen sie schon nicht mehr das Ding, das sie beschreiben wollen, und verlieren noch die Vorstellung, die sie nicht haben. Auf diese Art knnen aber sogar Zeichnungen entstehen. Im Analphabetyarenblatt ist eine erschienen: ein alter Mann steht vor einer Wiege, in der ein Sugling schreit. Titel: "Breitner ist Vater geworden". Text:

    - Was, nur ein Mderl? Bei der Steuerpolitik, da mu man Junge kriegen ...


Versteht man, was da passiert ist? Der Analphabetyar, der die "Idee" gehabt hat, war der Meinung, da die Redensart: "Da mu man Junge kriegen" den Plural von "ein Junge" enthalte. Da zu den Jungen, die man kriegt, gleichfalls ein Mderl gehren kann, ahnte er nicht. "Ein Junges" ("das Junge"), Plural "Junge" ("die Jungen") - "Ein Junge" ("der Junge"), Plural "Jungen" ("die Jungen"). Lt man nun den Bldsinn zu, da der Steuerpolitiker selbst "Junge kriegt", whrend die Verzweiflung, die in der Redensart ausgedrckt wird, doch der Zustand der Besteuerten ist, so htte der "Witz" natrlich lauten mssen: "Was, ein Kind? Ja, bei der Steuerpolitik, da mu man Junge kriegen!" Oder, dem Sachverhalt entsprechender: "Wie, er ist Vater geworden? Und wir haben geglaubt, da wir Junge kriegen mssen!" So ist denn ein Zeichner das Opfer eines geworden, der nicht schreiben kann. Da heit es immer, da aller Anfang schwer sei; weit schwieriger ist alle Endung. Der Analphabetyar wird sich im Zweifelsfalle immer fr die unrichtige entscheiden. Er spricht davon, da die Luxussteuer "fr eine ganze Reihe von Artikel aufgehoben" wurde. Gleich darauf wird aber "der erste der drei Gruftdeckeln abgehoben". So geht es auf und ab, aber immer falsch. Ein sehr hufiges Wort in diesen Kreisen ist doch "Mdel"; also wre als Mehrzahl zu merken: die Mdel, der Mdel, den Mdeln. (Wozu gleich ein fr allemal gesagt sei, da der Genitiv von "Frulein": des Fruleins, jedoch der Plural: die Frulein heit.) Die Endung "-el" scheint in der Wiener Presse geradezu panikartig zu wirken. Sie wissen nicht, da die Mehrzahl des Neutrums wie des Maskulinums nur im Dialekt (oder dort wo die stilistische Absicht diesen verlangt) das "n" vertrgt. Also vielleicht "Mderln"; keineswegs aber "Erdpfeln", dagegen "Kartoffeln". Im Zentralblatt der Bildung hat krzlich einer geglaubt, da eine Epistel schlichen Geschlechtes sei und folgerichtig konstruiert: "Eines dieser Epistel lautet". Vor dem Fehler: "Eines dieser Episteln" hat er sich gehtet; doch vielleicht lernt er noch, da "eine dieser Episteln" das beste ist. Offenbar hat er gedacht, mit "Epistel" sei das so wie mit "Kapitel". Aber einer, der die Artikel verwechselt, sollte hchstens Episteln schreiben, und keine Artikel. All dies und speziell "eine ganze Reihe von Artikel" ist gewi blo aus der Einschchterung durch mich zu erklren. Ich hatte den analphabetyarischen Plural "die Artikeln" ebenso wie "die Titeln" gergt, und da traute man sich halt nicht mehr. Es ist wohl eine der kulturell besondersten Tatsachen, da der Beruf, dessen Aufgabe es ist, Artikel zu schreiben und Titel darber zu setzen, sogar an der Bezeichnung dessen strauchelt, was er nicht kann. Und weil sie das Wesentliche nicht wissen, so wissen sie auch nicht, da "ein Trottel" selbst in der Mehrzahl nur Trottel ergibt.




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