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Die Schuldigkeit

Karl Kraus

Eine Lehrerswitwe in der Provinz, die gehrt hat, da einmal ein Artikel der Fackel ber die Pension der Offizierswitwen "viel zur Regulierung dieser Sache beitrug", wendet sich im Namen der Genossinnen ihres Elends an mich. Sie klagt, da das Land die Witwen von Mnnern, die ihm fast ein halbes Jahrhundert gedient haben, hungern und frieren lasse, und belegt diese Klage mit Daten und Ziffern. Eine Frau V. in Frankenfels etwa mu im Alter von ber achtzig Jahren in einer Mhle arbeiten, weil ihre jhrliche Pension nur dreihundert Kronen betrgt. Ihr Mann hatte vierzig Dienstjahre. "Und wie schwer frher der Dienst war, das wei ich von meinem Vater her; sein Anfangsgehalt betrug jhrlich zwlf Gulden und die Kost, dabei mute er als Mesner, Schreiber, ja sogar als Totenbeschauer fungieren. Ohne Organistendienst konnte der Lehrer damals kaum leben. Die Folge dieses schweren Berufes war ein Herzleiden. Als Schwerkranker schleppte Vater sich im November 1893 in die Schule, weil er die nchste Gehaltserhhung erreichen wollte. Doch da diese erst 1895 ins Leben trat und Vater 1894 starb, betrgt die Witwenpension trotz der fnfundvierzig Dienstjahre nur siebenhundert Kronen" ... Die gute Frau, die sich die Mhe genommen hat, mir in langem Brief, mit Worten und Zahlen dieses Elend zu beschreiben, wei nicht, da sie sich an die unrichtige Adresse gewendet hat. Soziale Hilfe unmittelbar anzuregen, war nie die Pflicht der Fackel, wenngleich sie sie frher gelegentlich dort erfllte, wo es ihr um den Beweis zu tun war, da die Verpflichteten aus Feigheit oder Feilheit sie verletzt hatten. Auch hier freilich bin ich bereit, den Hilferuf zu hren, um durch ihn den greren Jammer zu entdecken. Denn das Schreiben der Frau schliet mit einer Pointe des Grauens, die alles Elend der Lehrerswitwen berbietet, ber die Not einer sozialen Gruppe hinaus in die schmerzlichste Schmach der Zeit trifft. Ein Majesttsgesuch ist nicht befrdert worden; so glauben sie, da es noch eine Instanz gibt: die Presse. Und die Wortfhrerin setzt ihrer Schilderung das folgende Postskriptum hinzu: Im Falle Sie, sehr geehrter Herr, die Gte htten, unsere Notlage in der ,Fackel' zu beleuchten, worum wir Sie recht herzlich bitten, so wollen Sie mir unsere Schuldigkeit hierfr mitteilen". - - Die Bittstellerinnen wissen von der Fackel nicht mehr, als da sie ber jenes gedruckte Wort verfgt, von dem Hilfe erhofft werden kann. Das aber wissen sie, da die Hilfe, die das gedruckte Wort verspricht, bezahlt werden mu. Es ist jener gesunde Volksglaube, den die Aufklrung an die Stelle des Aberglaubens gesetzt hat. Presse ist etwas, wofr man zahlt. Und die Pension von fnfzehn Lehrerswitwen in und um Krems ist nicht so klein, als da sie nicht noch so viel zusammenbrchten, um einen Publizisten fr ihre Not zu interessieren. Wird halt die Achtzigjhrige tglich eine Stunde lnger in der Mhle arbeiten! ... Die Vorstellung solcher Bereitschaft sollte uns alle, die wir an die soziale Sendung der Presse glauben, in den Schlaf verfolgen. Und diese Vision ist das einzige, was mein antisozialer Sinn der Lage der Lehrerswitwen absehen kann. Ich hre den Notschrei, aber ich kann ihn nur weitergeben. Mgen die Vertreter jener Publizistik, deren Interesse dem brgerlichen Wohl gehrt, nach der Mhle in Frankenfels eilen und schauen, wie sie zu ihrem Geld kommen. Und wenn es dort einen Mhlstein gibt - er mge aufstehn und sich seiner biblischen Schuldigkeit erinnern!




Karl Kraus

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