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Der Meldzettel

Karl Kraus

Ach, die mter scherzen ja nur. Den "neuen Meldzettel" meinen sie nicht ernst. Gewi, die Gefahr, da infolge der glcklichen Versuche des Professors Wagner v. Jauregg die bureaukratische Befhigung aussterben knnte, ist in hohem Grade vorhanden. Aber da man gegen die drohende Heilung des Kretinismus eigens durch den Meldzettelerla demonstrieren wollte, ist nicht glaubhaft. Und er wre eine Demonstration! Da die alte Dummheit noch lebt, diese Erkenntnis quillt tglich aus allen Poren unseres Staatswesens: braucht man sie auch dadurch zu beweisen, da man sich anstrengt, neue Dummheiten zu ersinnen? Nun also! Wir gewhnen uns schlielich an jede sterreichische Misere und knnten vielleicht die Staatskost ohne den Hautgout der Gehirnerweichung gar nicht mehr genieen. Aber wenn wir "kernweich" bestellt haben, und man serviert uns eine Tunke, so haben wir ein Recht auf Unzufriedenheit. Die Meldezettelreform wre eine bertreibung des sterreichertums, und darum finde ich sie unglaubhaft. Darum vermute ich, da sie ein Ulk ist, den ein frwitziger Kanzlist der Faschingszeitung eines Einbrecherball-Komitees entnommen und in die liberale Presse geschmuggelt hat; - und da sich diese mehr ber den Aufsitzer, als ber die Verordnung entrstet. Der Minister des Innern, der Statthalter, der Polizeiprsident und ihr hchster Vorgesetzter, der Hausmeister, mssen hellaut aufgelacht haben. Nur der schreckhafte Liberalismus konnte ihnen den Plan zutrauen.

Es ist ja wahr, die sterreichische Verwaltungsweisheit basiert auf dem Meldzettel, der Mangel an Eingebungen der Regierenden wird hierzulande durch die Flle von "Eingaben" der Regierten wettgemacht, und die Gerechtigkeit dieses Staates heit "Justament!" Aber es ist unwahrscheinlich, da die sterreichischen Bureaukraten die sterreichischen Staatsbrger fr grere Esel halten, als sich selbst. Es ist unglaubhaft, da man in den Tagen, da die Last der Postgebhrenerhhung auch das geduldigste Saumtier strrig macht, ihm noch einen strengen Meldzettel vors Maul binden wird. Und es ist ausgeschlossen, da dieser Staat von seinem Brger mehr verlangt, als da er sein Geld, seine Zeit, seinen Nervenfrieden, sein ganzes Leben den Vexationen der Steuermter, Zollmter, Konskriptionsmter, magistratischen Bezirksmter und Militrtaxkatasterrentensteuergebhrenbemessungsmter opfert; da er sich auf dem Weg von einem Amt ins andere von der Elektrischen berfahren oder wenn er, um diesem Schicksal zu entgehen, selbst "eine Zone berfhrt", wegen Betruges einsperren lt; und da er noch auf seine Frage, ob er denn endlich in Ruhe sterben knne, dankbar und gottergeben den Bescheid entgegennimmt: "Machen S' eine Eingabe!"

Nein, ich glaube es nicht, da neuestens mehr verlangt werden soll. Glaube es nicht, da die Behrden auer der "Veranlagung der Personaleinkommensteuer" - man mu in sterreich selbst zum Steuerzahlen "veranlagt" sein -, da sie auer jenem Studium des Steuerbogens, das nebst der Kabbala der Juden zu den schwierigsten Geheimlehren gehrt, die die Kulturgeschichte kennt, auch noch eine besondere Montierung des Meldzettels vorschreiben, der nebst dem gelben Fleck der Juden zu den markantesten Erkennungszeichen der Menschheit zhlt. Je nun, ob der Beischlaf, den der Brger "ausbt", ein ehelicher oder auerehelicher sei - das einzige Gebiet, auf dem in sterreich der Befhigungsnachweis verpnt wird -, mag den Staat interessieren; und er mag nervs werden, wenn er von einem "Schandlohn" hrt, der irgendwo verdient wurde, weil ihn das Wort in jedem Sinn an die Lhne erinnert, die er seinen Beamten auszahlt. Aber er soll sich unsern "Leumund" erschnffeln wie er kann, und er darf uns nicht zwingen, Bekenntnisse, die fr unser Tagebuch bestimmt sind, ihm in seinen Meldzettel hineinzuschreiben. Wenn freilich die Neue Freie Trnenpresse auf solchen Zwang blo deshalb reagiert, weil jene Bekenntnisse uns unter Umstnden "nach den geltenden Begriffen der brgerlichen Gesellschaft, die auf sozialer Notwendigkeit beruhen, herabsetzen", weil sie die "Schande" eines "gefallenen Mdchens" preisgeben knnten u. dgl., so rechtfertigt wieder einmal, wie so oft in sterreichischen Landen, die Opposition den Druck, der wenigstens die Konsequenz fr sich hat. Dann knnte uns wahrhaftig ein Staat, der blo die Exekutive der geltenden Begriffe der brgerlichen Gesellschaft - die noch dazu auf sozialer Notwendigkeit beruhen - darstellen will, immer noch mehr imponieren, als die liberale Halbschlchtigkeit, die jene heuchlerischen Begriffe in die Welt gesetzt hat, hierauf die "Schande" heuchlerisch verdecken mchte und zuletzt noch radikale Abwehr gegen deren staatliche Stigmatisation heuchelt. Aber nicht weil der Staat die Aufdeckung " unehrenhafter" Tatsachen unseres Privat- und Familienlebens betreibt (und von uns selbst verlangt), sondern weil es Tatsachen unseres Privat- und Familienlebens sind, darum mu man sich seiner Zudringlichkeit erwehren. Der Staat belstigt Frauen und Mdchen nicht nur auf der Strae, sondern verfolgt sie sogar bis in ihre Wohnungen, und whrend sonst die alten Steiger sich mit der Adresse begngen, verlangt er auch die Angabe des Jahres und Tages der Geburt, wnscht zu wissen, ob die Dame schon ein Kind hat, wann es geboren wurde, ob der Vater beschnitten ist u. s. w. Erotik oder mige Neugier - da einer, der Dinge erkunden will, die ihn jedenfalls nichts angehen, den Befragten zu schriftlicher Beantwortung seiner Fragen zwingt, ist unerhrt. Nicht weil das Bekenntnis dem Beichtenden "zur Schande gereichen" knnte - der Richter erlaubt dem Zeugen, sich in solchem Fall der Aussage zu entschlagen, der Hausmeister ist gegenber dem Mieter unerbittlich -: nein, man protestiere auch gegen den Zwang, die ehrenhaften Tatsachen des Privatlebens in den Meldzettel einzutragen, zu denen ich allerdings in erster Linie die "Schande eines gefallenen Mdchens" zhle. Nicht da die Polizei uns den vertrottelten Begriffen, die die brgerliche Gesellschaft von sexuellen Dingen hat, preisgibt, mchte ich ihr verbeln, sondern da sie Dinge von uns zu hren wnscht, die sie jenen Schmarren angehen, der speziell in Wien so gut zubereitet wird, stark mehlhltig ist und die allgemeine Verkleisterung der Gehirne wesentlich frdert. Da wir unter unseren Kleidern nackt sind, halte ich im Gegensatz zu der in der ganzen Nachbarschaft vorherrschenden Meinung fr keine unehrenhafte Tatsache unseres Privat- und Familienlebens; aber ich mchte mich doch sehr lebhaft dagegen verwahren, da man uns die Kleider vom Leibe zieht.

Ein diskreter Meldzettel, der hchstens nach Namen und Stand fragt und nicht nach der Vergangenheit unserer Frau und nach der Zukunft unserer Kinder, sei kein Palliativ fr unsere "Schande", sondern fr unsere Intimitt. Aber dann wrde freilich die Schande der Polizei blogehen. Und da dies nicht geschehe, soll die Reform des Meldzettels (wenn sie kein Faschingsulk ist) bewirken. In England, meint die Neue Freie Presse, gebe es berhaupt keine Meldevorschriften und dennoch knne niemand behaupten, da die englische Polizei nicht mindestens auf der Stufe unserer Sicherheitsbehrde stehe, wenn es sich um die Verfolgung der Verbrecher handelt. Wieder die liberale Halbschlchtigkeit, die sich nicht zu sagen traut, da die Wiener Polizei eben den Meldzettel braucht, weil sie kein Vertrauen in ihre Findigkeit hat. Da sie zur endlichen Erreichung ihres Zweckes, ein paar Verbrecher zu erwischen, sich nicht anders als durch das Mittel helfen kann, die ganze Bevlkerung ihrer Freiheit fr verlustig zu erklren und zu sagen: Einer wird's schon gewesen sein! Nun ist es leider nicht ganz ausgeschlossen, da die Verbrecher, die bereits Diebstahl, Betrug, Raub und Mord begangen haben, auch noch das letzte, entsetzlichste aller Verbrechen riskieren: Falschmeldung; und die Folge wre, da man sie dann wieder nicht htte und da den Bestohlenen und Ermordeten blo das trstende Bewutsein bliebe, ihren eigenen Meldzettel gewissenhaft ausgefllt zu haben. Bisher begngten sich die Behrden damit, einen, der der Falschmeldung berwiesen war, auch eines Totschlags fr fhig zu halten. Mten sie nicht auch damit rechnen, da ein berwiesener Totschlger am Ende einer Falschmeldung verdchtig sein knnte? Ja, das Salz, das man einem Spatzen auf den Schwanz streut, wenn man ihn fangen will, ist hierzulande Staatsmonopol ...

Die Verheerungen, welche die laut Meldzettel nach sterreich zustndige Dummheit anrichtet, vollziehen sich mit jenem Humor der Selbstverstndlichkeit, der die Katastrophe in einer Knockabout-Farce begleitet. Der Staatsclown schlgt uns die Hacke in den Schdel und fragt, "ob wir das bemerkt haben". Ein Nigger aber tritt zum Schlu auf, der alles, was sich hier begibt und wofr wir Zivilisierten das Gefhl verloren haben, sonderbar findet. Das ist der lustige Prinz von Liberia, der neulich bei Maxim mit der Zechschuld durchging, dieweil der Chor der Kellner, Fiaker, Fremdenfhrer und Bfettdamen, fasziniert von der Visitkarte des schwarzen Spitzbuben, dastand und den Operettenrefrain "Er ist ein Prinz, er ist ein Prinz" sang. Wien, wie es leibt und lebt. Zwischen dem ewigen Mitrauen einer Behrde, die es verdchtig findet, wenn jemand "in einer Nacht" fnf Gulden durchbringt, und dem ewigen Vertrauen einer Bevlkerung, die den "anscheinend den besseren Stnden Angehrigen" getrost auch mit fnfhundert Gulden durchgehen lt, gedeiht jener berlegene Humor, den Roger Abraham Bamba Harrison, Prinz von Liberia, mitbrachte, als er aus Afrika kam, um eine wilde Krperschaft kennen zu lernen. Noch etwas weiter nrdlich htte er schon eine Uniform gebraucht; hier gengte eine Visitkarte ... Nur die Behrden sind neugierig und verlangen auch einen Meldzettel. Wie mag ihn der Prinz von Liberia ausgefllt haben? Im Blitzlicht seines Witzes - er enttuscht die Justiz wie eine Bfettdame - wird uns Wienern manches heller. Wie schlagfertig dieser Nigger in die Amtshandlung der Komdie eingreift! "Als der Prsident ihn fragt, ob er ledig oder verheiratet sei, lacht der Angeklagte laut auf und zieht ein rotes Taschentuch hervor, das er sich in den Mund stopft." Er fhlt, da jene Feststellung fr den Beweis, da ein Prinz von Liberia Zechprellerei begangen habe, unerllich ist. Und er hat schon aus der Untersuchungshaft an einen Landsmann einen Brief geschrieben, in dem es heit: "Ich bedaure es ungeheuer, in ein Land gekommen zu sein, wo man so viel ber das Vorleben der Menschen wissen will. Ich wei nicht, warum; aber die Gesetze sind hier so."




Karl Kraus

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