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Lug ins Leben

Ernst Moritz Arndt

1.

Still steht das Leben, es steht der Zorn der Mnner gefesselt,
Durch der Knige Wort ruhet das Eisen der Schlacht.
Ich auch sitz' hier in Engen, an Reichenbachs brcklichte Mauer
Lehnt sich das Huschen, wo Streit kaum mir ein Stbchen gewann.

2.

Denn zwei Stunden wohl war ich gelaufen von einem zum andern,
Hatte mit Worten genug, fast mit den Fusten gekriegt,
Bis ich den Kficht errang, der reinlich und heiter und still ist;
Hat er der Fliegen zu viel, hat er des Lichts doch genug.

3.

Neu ist begonnen der Krieg, ich nehm' ihn als frohe Bedeutung
Gerne des greren an; Friede das klnge wie Tod:
Erst ein russischer Oberst, der wollte mich trotzig verdrngen,
Dann ein Kosakenmajor Was ich erstritten, blieb mein!

4.

Ist denn Stillstand, bleibt es auch still um mein einsames Huschen,
La ich das Leben so gehn auch die Gedanken stehn still.
Zukunft, dich fraget nicht gern in solchen Zeiten die Seele;
Darum, Vergangenheit, komm! sei mir, Erinn'rung, gegrt!

5.

Als man sechzig und neun zu siebenzehnhundert geschrieben
Nach unsers Herrn Geburt, sah ich das Licht dieser Welt,
Hinter dem Korsen vier Monde, dem auch dies Quartier ich verdanke;
Anderswo s' ich gewi, trieb' er nicht also die Welt.

6.

Frhliche Zeit! Es war der zweite heilige Christtag,
Als meinem Vater die Post scholl: Noch ein Knbchen ist da!
Glckliche Zeit! es war die sechste Stunde des Abends,
Wo in der sdlichen Welt alles zur Wonne sich schickt.

7.

Himmlischer Vater, o nimm den Dank fr das selige Leben!
Zwar nicht Karneval stets, doch hat's der Masken genug
Und in den Masken der Freuden genug, und selbst in den Wechseln
Schwebt nicht dein liebender Geist immer als Spieler mit drein?

8.

Wo ich geboren bin? Am Ufer des baltischen Meeres
Lullte die sausende Flut mich als mein Wiegenlied ein.
Sei mir, mtterlich Land, sei freundlich gegret, o Rgen!
Liebliche Insel, wohin ewig die Liebe sich sehnt.

9.

Sei auch du mir gegrt, o Schoritz, am lustigen Busen
Stillerer Wellen, du Sitz, wo ich die Kindheit durchspielt!
Du auch, Dumsevitz; beide mit grnenden Hainen und Fluren
Und mit den Hgeln, die einst ma sich zu Bergen das Kind.

10.

Gr' ich euch, grt' ich nicht auch die himmlischen Seelen der Liebe,
Freundliche Eltern, nicht euch eher als Land und als Meer?
Denn was Gutes ich bin, was Frohes ich Froher gefunden,
Habet des Dank! denn von euch kam mir der Segen nchst Gott.

11.

Karnevalsgabe begrten mich einst die frhlichen Menschen,
Mich als ein festliches Kind, Festliches dachten sie auch:
Da ich wrde Gespenster erschaun und Traumbilder deuten,
Und da ein lustiger Sinn wrde sich helfen hindurch.

12.

Auch um den Namen war Streit, als wre das Kleine was Groes:
Ernst, rief die Mutter, er heit Philipp, klang, Vater, dein Wort.
Mutter, du siegtest, auch hat das Geschick in dem Ernst mir der schweren
Vollen Bedeutung genug, oft fast zu viel geleegt.

13.

Und ich spielte zwlf Jahre und lernte mit frhlichem Mute,
Worin uns Himmel und Meer, Hgel und Thal unterweist,
Wodurch der fabelnde Mund der Mutter, der fromme des Vaters
Lehren, was einstig wird sein, weil es das Ewige ist.

14.

Dann kamen Meister des Wissens, es schwebten fnf andere Jahre
Leichter als Trume dahin o die glckselige Zeit!
Und es rhmten mich alle die Meister, mich lobten die Eltern
Und bei den Nachbarn selbst hie ich ein sittiges Kind.

15.

Darauf die feurige Zeit, wo hei zwischen Schmerzen und Freuden
Kindheit und Jugend sich trennt und der Gedanke beginnt.
Was gedenk' ich hartseliger Kmpfe und schlafloser Nchte?
Was meiner Tage voll Mh'n, Mhen, die selber ich schuf?

16.

Was ich wollte, das wute ich nicht, und wei es auch heut kaum,
Doch ich vollbrachte mit Ernst, was mir der Busen gebot:
Trotz war mein herber Gesell, und eiserner Stolz war mein Wchter,
Mann sein mein hchstes Gefhl Wrdest du so doch, Mann!

17.

Und es ging mir die Liebe vorbei, die Wollust, die Freude
Manchen mhseligen Tag, manche durchkmpfte Nacht,
Und ich erschuf nichts, erfand nichts, empfand kaum, was ich empfunden,
Dachte kaum, was ich gedacht, schien nur von Trumen ein Traum.

18.

So flohen wieder neun Jahre dahin o nein! wie Soldaten
Gleichen geschlossenen Schritts zogen sie langsam dahin,
Wo nicht die Jugend zuweilen dazwischen ein lustiges Spiel trieb,
Doch ward ihr jegliches Spiel bei mir gebhrlich gebt.

19.

Denk' ich nun alles zurck, so kann ich nicht traurig, nicht froh sein:
Gott hat es also gewollt; darum auch mut' ich es thun.
Will ich mir's deuten, ich wei, die eigene Deutung wird Thorheit.
Bleib es denn Rtsel, wie selbst, Leben, ein Rtsel du bist.

20.

Trumend so naht' ich dem dreiigsten Lenz um wenige Jahre,
Als wie die Nacht vor dem Blitz pltzlich das Dunkel mir wich,
Als mir ein Saitenspiel klang durch alle Nerven des Busens,
Durch jeden Porus ein Strahl leuchtete gttlichen Lichts.

21.

Das war Leben, das zweite, das rechte Leben im Aufgang,
Das war Liebe, sie ist ja mit dem Leben nur eins.
Und ich fhlte den Mann und trumte die mnnlichen Dinge,
Doch wie ich selber ein Mann wurde, das dacht' ich nicht mehr.

22.

Gleichwie die Schwing des Vogels der Morgenrte entgegen
Trgt das frhliche Herz, trgt den hellen Gesang,
Wiegt' ich auf frhlichen Fittichen auch mich hin durch die Lfte,
Und wie mit ther gefllt schwoll mir die selige Brust.

23.

Und nun ri mich der Gott, der mutig mich weckte zur Freude,
Frisch in das Leben hinein, Hoffnung und Glaube ging mit;
Und ich beschaute die Stdte und Lnder und Sitten der Menschen,
Hatt' ich ja lange genug einsam mich selbst nur beschaut.

24.

Und nun ward mir's hell um die Augen, die drinnen und drauen
Schaun das lebendige All, schauen den ewigen Gott,
Und es deuchte mir alles, als htt' ich es lngst schon erkundet.
Und ich sprach bei mir selbst: Wunder! was ist denn der Mensch?

25.

Und ich fiel in den Staub, und reckte die Hnde gen Himmel:
Sieh mich! hier knieet vor dir dankend ein glcklicher Mensch,
Was ich mit Arbeit gesucht in langer Zeit und nicht funden,
Giebst du mir, gndiger Gott, jetzund auf einmal von selbst.

26.

Darauf drckt' ich ein Weib mir lieb an den liebenden Busen,
Und ich freute der Lust, freute der Liebe mich sehr,
Und ich pries die Gestirne die seligen droben am Himmel
Und was auf Erden so schn spriet und grnet und blht.

27.

Und ich dachte: Nun rollet nur hin und kehret nicht wieder,
Jahre! du, Leben, so mit! kehre auch du nicht zurck!
Denn das Unsterbliche hatt' ich und hab' ich und werde es haben.
Mutig, ihr Gtter! nun blitzt! schon bin ich Blitzen zu hoch.

28.

Und sie blitzten es sank mein zrtliches Weib in die Grube,
Schlummert den schweigenden Schlaf lange mit Schlafenden schon.
Sie entschlief, als den Sohn sie geboren, die herrliche Gabe,
An seinem neunten Tag ward sie als Leiche beklagt.

29.

Und ich grmte mich sehr und weinte Monden und Jahre,
Doch mit dem Lichte hinfort ging auch durch Trauer mein Pfad,
Denn ich hatte die Gtter gesehn, den Himmel empfunden,
ber die Blitze hinaus hatt' ich mein Leben gefhrt.

30.

Und nun kam mir die zweite, die tiefere, stillere Schwermut,
Kam mir ein hherer Traum, welcher mich nimmer verlt.
O sein Dasein ist s, jetzt seh' ich Gespenster und Geister,
Nebel steht dick in dem Thal, doch auf den Bergen ist Glanz.

31.

Und ich war rstig in Gram und tapfer in mnnlichen Thrnen,
Und ein beweglicher Stahl schmolz sich mir weich um die Brust,
Mhe ward frhliches Spiel und Arbeit lchelnde Freude,
Leben und Schicksal zugleich sah ich in Liebe verklrt.

32.

Jetzt erst lernt' ich, was hell durch alle Geschichten erklinget,
Jetzt erst sah ich dein Bild, mnnliche Tugend, enthllt;
Wofr Herkules drang durch Plagen und Kmpfe zu Gttern,
Wofr Hermann sein Schwert bergender Scheide entri.

33.

Und ich that ihn den Schwur der hchsten heiligsten Liebe,
Legte die Hand auf das Herz, wandte zum Himmel den Blick,
Nie zu vergessen das Land, wo ja einst Eide gegolten,
Nie zu vergessen den Glanz, der auf Germanien ruht.

34.

Denn nach traurigem Schlaf, der trbliche Jahre verdmmert,
Weckte in Wetter und Sturm Gott der Gewaltige uns;
Da wir wieder gedchten der glorreichen Ehren der Vter
Hob sich ein wilder Tyrann, Geiel des Himmels, empor.

35.

Wtend hat er die Vlker von Kriegen zu Kriegen getrieben:
Mischend den hllischen Trug schlau mit dem himmlischen Schein,
Hat er die Menschensitze, die Menschengedanken erschttert,
Bis aus dem wsten Gewirr herrliche Freiheit erblht.

36.

Ja sie wird blhen, so klingt's von Gott mir innerst im Busen,
Liegen im Staube wird bald Lge und Lgengezcht,
Stehen wird wieder Germaniens Kraft in Ehren und Waffen,
Wann mit dem modernden Schutt weichliche Schande versank.

37.

Dies hat hell mir geklungen, dies hab' ich gesehnt und getrauet,
Flchtling zu Wasser und Land, Flchtling in Not und Gefahr,
Hierfr hab' ich am Mlare oft, am Strande der Newa
Nchtlicher Beter zum Licht flehende Hnde gestreckt.

38.

Hiefr hab' ich die Segel den trgrischen Winden gespannet,
Habe mit Rdern den Staub fernester Straen erregt,
Hiefr sitz' ich nun hier im engen, einsamen Stbchen.
Dank dir, allmchtiger Gott, fr den allmchtigen Zorn!

39.

Denn die Rder der Seele sie rollen in herrlichen Kreisen,
Und in die Segel der Brust brauset ein mutiger Wind,
Da ich mag sagen: glckseliger Mann, der solches empfunden!
Denn wer nicht liebet und hat, lebt den erbrmlichsten Tod.

40.

Still steht das Leben, es steht der Zorn der Mnner gefesselt,
Und durch der Knige Wort ruhet das Eisen der Schlacht.
Ich auch sitz' hier in Engen, an Reichenbachs brcklichte Mauer
Lehnt sich das Huschen, wo Streit kaum mir ein Stbchen gewann.

41.

Bin ich nicht glcklich? das Rad Fortunens, das auf und hinab mich
Also gerollt bis hieher, rollt ja den Grten auch so.
Gab nicht auch das mir die Zeit, die Feigen nur Groes genommen.
Da ich die Nichtigkeit ganz fhle bis tief in ihr Nichts?

42.

Bin ich nicht glcklich? Wie stehn in Kraft die mchtigen Berge
Fern in dem dmmernden Blau, Lehrer des Ewigen, da!
Scheint nicht freundlich der Mond, der liebende Hort, durch mein Fenster?
Leuchten die Sterne nicht lieb hier wie im Knigspalast?

43.

Bin ich nicht glcklich? Ich lernte durch Not das Meiste entbehren,
Doch was mein Busen geliebt, hab' ich mir nimmer versagt;
Da bin ich Knigen gleich und Kaisern, die Herrlichstes wagen,
Da steht mein herrischer Thron fester gebaut als Demant.

44.

Bin ich nicht glcklich? Ich halte die grnende brutliche Hoffnung,
Nehme sie stolzen Vertrauns mit mir hinab in das Grab:
Siegen wird Wahrheit und Recht und fallen die prunkende Lge
O ich glckseliger Mann! Solches hat Not nicht gelehrt.

45.

Solches hast du mir gelehrt, du Walter auf himmlischen Hhen,
Solches erlauscht' ich von dir, wehender, liebender Geist,
Welcher die Sterne durchweht, die Brste der Menschen durchleuchtet,
Dir mu ich knieen Gebet, werde ein jauchzendes Lied!

46.

Bin ich nicht glcklich? auch selbst, wenn der Kampf, den wir ritterlich streiten,
Mich mit den Besten zugleich risse hinweg von der Bahn?
Diese Glckseligkeit steht Tyrannen nimmer erreichlich,
Nur zu der Hlle hinab recken sie mordisch die Hand.

47.

Seh' ich nicht leuchten das Rot der herrlichen Zukunft der Zeiten?
Grnt mit der Jugend der Welt nicht auch die meinige frisch?
Zahlt fr des zwanzigsten Jahrs und dreiigsten Jahres Entbehrung
Gndige Gtter den Zins ihr nicht im Vierzigsten reich?

48.

Blht mir die Blume der Lust nicht lieblich in himmlischen Trumen,
Wie sie im sechzehnten Jahr kaum aus der Knospe geblht?
Schlingt um das dnnere Haar die Liebe nicht leuchtende Rosen,
Jene, die stolzer besitzt, weil sie Besitzes entbehrt?

49.

So, ihr Hchsten, erfllt ihr jeglichem, was ihr gelobet,
Liebe hlt ewig ihr Wort, Liebe und Glaube, die zwei:
Fasse, Pygmalion, brnstig den Stein, und hauche die Seele
Immer und immer darein sieh! er erwacht zu Gefhl.

50.

Sei mir denn, niedriges Huschen, gegrt und brckelnde Mauer!
Auch wenn du brckelst, Glck, welches dem Pbel gefllt.
Siehe, ich rufe den Mond zum Zeugen und alle Gestirne,
Da ich kein anderes Los wahrlich mir wnschte denn meins.

51.

Rollt denn, ihr Rder, die weiter mich tragt, und flattert, ihr Segel!
Glaube und Liebe sind mit, Zorn fliegt frhlich voran,
Vaterland klinget der Ruf, die Freiheit schwebt wie ein Engel,
Schwingend den leuchtenden Kranz, ber der staubigen Bahn.




Ernst Moritz Arndt

Biographie

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