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Ballade

Johann Wolfgang von Goethe

Herein, o du Guter! du Alter, herein!
Hier unten im Saale, da sind wir allein,
Wir wollen die Pforte verschlieen.
Die Mutter, sie betet; der Vater im Hain
Ist gangen, die Wlfe zu schieen.
O sing uns ein Mrchen, o sing es uns oft,
Da ich und der Bruder es lerne;
Wir haben schon lngst einen Snger gehofft -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Im nchtlichen Schrecken, im feindlichen Graus
Verlt er das hohe, das herrliche Haus,
Die Schtze, die hat er vergraben.
Der Graf nun so eilig zum Pfrtchen hinaus,
Was mag er im Arme denn haben?
Was birget er unter dem Mantel geschwind?
Was trgt er so rasch in die Ferne?
Ein Tchterchen ist es, da schlft nun das Kind -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Nun hellt sich der Morgen, die Welt ist so weit,
In Tlern und Wldern die Wohnung bereit,
In Drfern erquickt man den Snger.
So schreitet und heischt er undenkliche Zeit,
Der Bart wchst ihm lnger und lnger;
Doch wchst in dem Arme das liebliche Kind,
Wie unter dem glcklichsten Sterne,
Geschtzt in dem Mantel vor Regen und Wind -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Und immer sind weiter die Jahre gerckt,
Der Mantel entfrbt sich, der Mantel zerstckt,
Er knnte sie lnger nicht fassen.
Der Vater, er schaut sie, wie ist er beglckt!
Er kann sich fr Freude nicht lassen;
So schn und so edel erscheint sie zugleich,
Entsprossen aus tchtigem Kerne,
Wie macht sie den Vater, den teuren, so reich -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Da reitet ein frstlicher Ritter heran,
Sie recket die Hand aus, der Gabe zu nahn;
Almosen will er nicht geben.
Er fasset das Hndchen so krftiglich an:
Die will ich, so ruft er, aufs Leben!
Erkennst du, erwidert der Alte, den Schatz,
Erhebst du zur Frstin sie gerne;
Sie sei dir verlobet auf grnendem Platz -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Sie segnet der Priester am heiligen Ort;
Mit Lust und mit Unlust ziehet sie fort,
Sie mchte vom Vater nicht scheiden.
Der Alte, er wandelt nun hier und bald dort,
Er trget in Freuden sein Leiden.
So hab ich mir Jahre die Tochter gedacht,
Die Enkelein wohl in der Ferne;
Sie segn ich bei Tage, sie segn ich bei Nacht -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Er segnet die Kinder; da polterts am Tor,
Der Vater, da ist er! Sie springen hervor.
Sie knnen den Alten nicht bergen -
Was lockst du die Kinder! du Bettler! du Tor!
Ergreift ihn, ihr eisernen Schergen!
Zum tiefsten Verlie den Verwegenen fort!
Die Mutter vernimmts in der Ferne,
Sie eilet, sie bittet mit schmeichelndem Wort -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Die Schergen, sie lassen den Wrdigen stehn,
Und Mutter und Kinder, sie bitten so schn;
Der frstliche Stolze verbeiet
Die grimmige Wut, ihn entrstet das Flehn,
Bis endlich sein Schweigen zerreiet:
Du niedrige Brut! du vom Bettlergeschlecht!
Verfinsterung frstlicher Sterne!
Ihr bringt mir Verderben! Geschieht mir doch recht. -
Die Kinder, sie hrens nicht gerne.

Noch stehet der Alte mit herrlichem Blick,
Die eisernen Schergen, sie treten zurck,
Es wchst nur das Toben und Wten.
Schon lange verflucht ich mein ehliches Glck,
Da sind nun die Frchte der Blten!
Man leugnete stets, und man leugnet mit Recht,
Da je sich der Adel erlerne;
Die Bettlerin zeuget mir Bettlergeschlecht -
Die Kinder, sie hrens nicht gerne.

Und wenn euch der Gatte, der Vater verstt,
Die heiligsten Bande verwegentlich lst,
So kommt zu dem Vater, dem Ahnen!
Der Bettler vermag, so ergraut und entblt,
Euch herrliche Wege zu bahnen.
Die Burg, die ist meine! Du hast sie geraubt,
Mich trieb dein Geschlecht in die Ferne;
Wohl bin ich mit kstlichen Siegeln beglaubt! -
Die Kinder, sie hren es gerne.

Rechtmiger Knig, er kehret zurck,
Den Treuen verleiht er entwendetes Glck,
Ich lse die Siegel der Schtze. -
So rufet der Alte mit freundlichem Blick:
Euch knd ich die milden Gesetze.
Erhole dich, Sohn! Es entwickelt sich gut,
Heut einen sich selige Sterne;
Die Frstin, sie zeugte dir frstliches Blut -
Die Kinder, sie hren es gerne.




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