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Szene aus meinen Kinderjahren

Clemens Brentano

Oft war mir schon als Knaben alles Leben
Ein trbes trges Einerlei. Die Bilder,
Die auf dem Saal und in den Stuben hiengen,
Kannt' ich genau; ja selbst der Bchersaal,
Mit Sandrart, Merian, den Bilderbchern,
Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.
So, da ich mich hin auf die Erde legte,
Und in des Himmels tausendfrm'gen Wolken,
Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
Den Wechsel eines flcht'gen Lebens suchte.
Kein lieber Spielwerk hatt' ich, als ein Glas,
In dem mir alles umgekehrt erschien.
Ich sa oft stundenlang vor ihm, mich freuend,
Wie ich die Wolkenschfchen an die Erde,
Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer
Und all mein bel an den Himmel bannte.
Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Hhen
Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.

Ich wollte damals alles umgestalten,
Und wute nicht, da nderung unmglich,
Wenn wir das ure, nicht das Innre wenden,
Weil alles Leben in der Waage schwebet,
Da ewig das Verhltnis wiederkehret,
Und jeder, der zerstrt, sich selbst zerstret.

Dann lernt' ich unsern Garten lieben, freute
Der Blten mich, der Frucht, des goldnen Laubes
Und ehrte gern des Winters Silberlocken.
An einem Abend stand ich in der Laube,
Von der die Aussicht sich ins Tal ergiet,
Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kmpften.

Die Wolken drngten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Speere;
Es rollte leiser Donner in der Weite,
Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre
Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;
Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drckt die Nacht den schwarzen Schild hernieder.

Da fhlte ich in mir ein tiefes Sehnen
Nach jenem Wechsel der Natur, es glhte
Das Blut mir in den Adern, und ich wnschte
In einem Tage so den Frhling, Sommer,
Herbst, Winter, in mir selbst, und spann
So weite, weite Plne aus, und drngte
Sie enge, enger nur in mir zusammen.

Der Tag war hinter Berge still versunken,
Ich wnschte jenseits auch mit ihm zu sein,
Weil er mir diesseits mit dem kalten Lehrer,
Und seinen Lehren, stets so leer erschien.
Der Ekel und die Mhe drckte mich,
Ich blickte rckwrts, sah ein schweres Leben,
Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.
Dann wnscht' ich mich mit allem, was ich Freude
Und wnschenswertes Glck genannt, zusammen
Vergehend in des Abendrotes Flammen.

Der Grtner gieng nun still an mir vorber
Und grte mich, ein friedlich Liedchen sang er,
Von Ruhe nach der Arbeit, und dem Weibe,
Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte.

Die Vglein sangen in den dunkeln Zweigen,
Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,
Und es begann sich in den hellen Teichen
Ein friedlich monotones Lied zu regen.
Die Hhner sah ich still zur Ruhe steigen,
Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.
Und leise wehte durch die ruh'ge Weite,
Der Abendglocke betendes Gelute.

Da sehnt' ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,
Und trumte mancherlei von Einfachheit,
Von sehr bescheidnen brgerlichen Wnschen.
Ich wute nicht, da es das Ganze war,
Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.

Des Abends Glut zerflo in weite Rte,
So lst der Mhe Glut auf unsern Wangen
Der Schlaf in heilig sanfte Rte auf.
Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wider,
Es lie ein Leben ohne Kunst sich nieder,
Die hingegebne Welt lst' sich in Kssen,
Und alle Sinne starben in Genssen.

Da flocht ich trunken meine Ideale,
Durch Wolkendunkel webt' ich Mondesglanz.
Der Abendstern erleuchtet, die ich male,
Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,
Die Gttin schwebt im hohen Himmelssaale
Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.
Bald fat mein Aug' nicht mehr die hellen Gluten,
Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.

Und nie konnt' ich die Phantasie bezwingen,
Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;
So glaubte ich auf einem kleinen Kahne
In ser Stummheit durch das Abendmeer
Mit fremden schnen Bildern hinzusegeln.
Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,
Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,
Dem du so hnlich bist, zog's still hinab.

Ich ruht' in mich ganz aufgelst im Busche,
Die Schatten spannen Schleier um mein Aug',
Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten
Rund um mich her, ich wiegte in der Dmmrung
Der Bsche dunkle Ahndungen, und flocht
Aus schwankender Gestruche Schatten Lauben
Fr jene Fremde, die das Meer verschlang.
Und neben mir, in toter Ungestalt,
Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.

Und es schien das tiefbetrbte
Frauenbild von Marmorstein,
Das ich immer heftig liebte,
An dem See im Mondenschein,
Sich mit Schmerzen auszudehnen,
Nach dem Leben sich zu sehnen.

Traurig blickt es in die Wellen,
Schaut hinab mit totem Harm,
Ihre kalten Brste schwellen,
Hlt das Kindlein fest im Arm.
Ach, in ihren Marmorarmen
Kann's zum Leben nie erwarmen!

Sieht im Teich ihr Abbild winken,
Das sich in dem Spiegel regt,
Mchte gern hinuntersinken,
Weil sich's unten mehr bewegt,
Aber kann die kalten, engen
Marmorfesseln nicht zersprengen.

Kann nicht weinen, denn die Augen
Und die Trnen sind von Stein.
Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen,
Und erklinget fast vor Pein.
Ach, vor schmerzlichen Gewalten
Mcht' das ganze Bild zerspalten!

Es ri mich fort, als zgen mich Gespenster
Zum Teiche hin, und meine Augen starrten
Aufs weie Bild, es schien mich zu erwarten,
Da ich mit heiem Arme es umschlinge,
Und Leben durch den kalten Busen dringe.

Da ward es pltzlich dunkel, und der Mond
Verhllte sich mit dichten schwarzen Wolken.
Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden
In finstrer Nacht. In Bsche eingewunden,
Konnt' ich mit Mhe von der Stelle schreiten.
Ich tappe fort, und meine Fe gleiten,
Ich strze in den Teich. Ein Freund von mir,
Der mich im Garten suchte, hrt den Fall,
Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen
War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,
Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,
Ich wei nicht wo, voll tiefer Seligkeit,
Befriedigung und ruhigen Genssen,
Die alle Wnsche, alle Sehnsucht lste.

Als ich am Turm zu deinen Fen sa,
Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,
In dem von allen Schmerzen ich genas.
O teile froh mit mir, was du gegeben,
Denn was ich dort in deinem Auge las,
Wird sich allein hoch ber alles heben.
Und kannst du mir auf jenen Hhen trauen,
So werd' ich bald das Tiefste berschauen.

Ich glaube, da es mir in jener Nacht,
Von der ich nichts mehr wei, so wohl erging,
Als ich erwachte, warf sich mir die Welt
Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.
Es war der ttende Moment im Leben,
Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.

Mein Vater sa an meinem Bette, lesend
Bemerkte er nicht gleich, da ich erwachte.
Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zgen
Mit solchem Forschen, solcher Neugierd', da
Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.
Dann neigte er sich freundlich zu mir hin
Und sprach mit tiefer Rhrung: Karl, wie ist dir?
Ich hatte ihn noch nie so sprechen hren,
Und rief mit lauten Trnen aus - O Vater!
Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau -
Wer ist sie? - Wessen Bild? - Wer tat ihr weh?
Da sie so tiefbetrbt aufs holde Kind,
Und in den stillen See herniederweint?

Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,
Und lie sie starr zur Erde niedersinken,
Sprach keine Silbe und verlie die Stube.
In diesem Augenblicke fiel mein Los.
Ein ew'ger Streit von Wehmut und von Khnheit,
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
Ein innerliches, wunderbares Treiben
Lie mich an keiner Stelle lange bleiben.

Es war mir alles Schranke, nur wenn ich
An jenem weien Bilde in dem Garten sa,
War mir's, als ob es alles, was mir fehlte,
In sich umfate, und vor jeder Handlung,
Ja fast, eh' ich etwas zu denken wagte,
Fragt' ich des Bildes Widerschein im Teiche.
Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel,
Und folgte still wie die bescheidne Ferne,
Der weien Marmorfrau, die auf dem Spiegel
Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Flche
In Kreisen rhrte, wechselte des stillen
Und heil'gen Bildes Wille, und so tat ich.

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Krnze stilleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Trnen
Lsen der Nchte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Khnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glnzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wlder hinschleicht,
Und die Bsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich trstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nchte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.




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