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Der Mutter Wiederkehr

Annette von Droste-Hlshoff

Du frgst mich immer von neuem, Marie,
Warum ich mein Heimatland
Die alten lieben Gebilde flieh
Dem Herzen doch eingebrannt?
Nichts soll das Weib dem Manne verhehlen,
Und nichts dem treuen Weibe der Mann,
Drum setz dich her, ich will erzhlen,
Doch abwrts sitze, schau mich nicht an.

Bei meinen Eltern ich war, - ein Kind,
Ein Kind und dessen nicht froh,
Im Hause wehte ein drckender Wind,
Der ehliche Friede floh,
Nicht Zank noch Scheltwort durfte ich hren,
Doch wie ein Fels auf allen es lag;
Sahn wir von Reisen den Vater kehren,
Das war uns Kindern ein trauriger Tag.

Ein Kaufmann, ernst, sein strenges Gemt
Verbittert durch manchen Verlust,
Und meine Mutter die war so md
So keuchend ging ihre Brust!
Noch seh' ich wie sie, die Augen gertet,
Ein Bild der still verhrmten Geduld,
An unserm Bettchen gekniet und gebetet.
Gewi, meine Mutter war frei von Schuld!

Doch trieb der Vater sich um - vielleicht
In London oder in Wien -
Dann lebten wir auf und atmeten leicht,
Und schossen wie Kressen so grn.
Durch lustige Schwnke machte uns lachen
Der gute Mesner, drr und ergraut,
Der dann uns alle sollte bewachen,
Denn meiner Mutter ward nichts vertraut.

Da schickte der Himmel ein schweres Leid,
Sie schlich so lange umher,
Und hrmte sich sachte ins Sterbekleid,
Wir machten das Scheiden ihr schwer!
Wir waren wie irre Vgel im Haine,
Zu frh entflattert dem treuen Nest,
Bald tobten wir toll ber Blcke und Steine,
Und duckten bald, in den Winkel gepret.

Dem alten Manne ward kalt und hei,
Dem wrdigen Sakristan,
Sah er besudelt mit Staub und Schwei
Und glhend wie fen uns nahn;
Doch traten wir in die verdete Kammer
Und sahn das Schemelchen am Klavier,
Dann strmte der unbndige Jammer,
Und nach der Mutter wimmerten wir.

Am sechsten Abend nachdem sie fort
- Wir kauerten am Kamin,
Der Alte lehnte am Simse dort
Und sah die Kohlen verglhn,
Wir sprachen nicht, uns war beklommen -
Da leis' im Vorsaal drhnte die Tr,
Und schlrfende Schritte hrten wir kommen.
Mein Brderchen rief: Die Mutter ist hier!

Still, stille nur! - wir horchten all,
Zusammengedrngt und bang,
Wir hrten deutlich der Tritte Hall
Die knarrende Diel' entlang,
Genau wir hrten rcken die Sthle,
Am Schranke klirren den Schlsselbund,
Und dann das schwere Krachen der Diele,
Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Mein junges Blut in den Adern stand,
Ich sah den Alten wie Stein
Sich klammern an des Gesimses Rand,
Da langsam trat es herein.
O Gott, ich sah meine Mutter, Marie!
Marie, ich sah meine Mutter gehn,
Im schlichten Kleide, wie morgens frhe
Sie kam nach ihren zwei Knaben zu sehn!

Fest war ihr Blick zum Grunde gewandt,
So schwankte sie durch den Saal,
Den Schlsselbund in der bleichen Hand,
Die Augen trb wie Opal;
Sie hob den Arm, wir hrten's pfeifen,
Ganz wie ein Schlssel im Schlosse sich dreht,
Und ins Klosett dann sahn wir sie streifen,
Drin unser Geld und Silbergert.

Du denkst wohl, da keines Odems Hauch
Die schaurige de brach,
Und still war's in dem Klosette auch,
Noch lange lauschten wir nach.
Da sah ich zusammen den Alten fallen,
Und seine Schlfe schlug an den Stein,
Da lieen wir unser Geschrei erschallen,
Da strzten unsere Diener herein.

*

Du sagst mir nichts, doch zweifl' ich nicht,
Du schttelst dein Haupt, Marie,
Ein Greis - zwei Kinder - im Dmmerlicht -
Da waltet die Phantasie!
Was wollte ich nicht um dein Lcheln geben,
Um deine Zweifel, du gute Frau,
Doch wieder sag' ich's: bei meinem Leben!
Marie, wir sahen und hrten genau!

Am Morgen kehrte der Vater heim,
Verstimmt und mde gehetzt,
Und war er nimmer ein Honigseim,
So war er ein Wermut jetzt.
Auch waren es wohl bedenkliche Worte,
Die er gesprochen zum alten Mann,
Denn laut sie haderten an der Pforte,
Und schieden in tiefer Emprung dann.

Nun ward durchstbert das ganze Haus,
Ein jeder gefragt, geqult,
Die Beutel gewogen, geschttet aus,
Die Silberbestecke gezhlt,
Ob alles richtig, versperrt die Zimmer,
Nichts konnte dem Manne gengen doch;
Bis abends zhlte und wog er immer,
Und meinte, der Schade finde sich noch.

Als nun die Dmmerung brach herein,
Ohne Mutter und Sakristan,
Wir kauerten auf dem staubigen Stein,
Und ghnten die Flamme an.
Verstimmt der Vater, am langen Tische,
Whlt' in Papieren, schob und rckt',
Wir duckten an unserm Kamin, wie Fische,
Wenn drauf das Auge des Reihers drckt.

Da horch! - die Tre drhnte am Gang,
Ein schlrfender Schritt darauf
Sich schleppte die knarrende Diel' entlang.
Der Vater horchte - stand auf -
Und wieder hrten wir rcken die Sthle,
Am Schranke klirren den Schlsselbund.
Und wieder das schwere Krachen der Diele,
Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Er stand, den Leib vornber gebeugt,
Wie Jger auf Wildes Spur,
Nicht Furcht noch Rhrung sein Auge zeigt',
Man sah, er lauerte nur.
Und wieder sah ich die mich geboren,
Verbannt, verstoen vom heiligen Grund,
O, nimmer hab' ich das Bild verloren,
Es folgt mir noch in der Todesstund'!

Und Er? - hat keine Wimper geregt,
Und keine Muskel gezuckt,
Der Stuhl, auf den seine Hand gelegt,
Nur einmal leise geruckt.
Ihr folgend mit den stechenden Blicken
Wandt' er sich langsam wie sie schritt,
Doch als er sie ans Klosett sah drcken,
Da zuckte er auf, als wolle er mit.

Und Arnold! rief's aus dem Geldverlie,
- Er beugte vornber, weit -
Und wieder Arnold! so klagend s,
- Er legte die Feder beiseit' -
Zum dritten Mal, wie die blutige Trauer,
Arnold! - den Meerschaumkopf im Nu
Erfat' er, schleudert' ihn gegen die Mauer,
Schritt ins Klosett und riegelte zu.

Wir aber strzten in wilder Hast
Hinaus an das Abendrot,
Wir hatten uns bei den Hnden gefat,
Und weinten uns schier zu Tod.
Die ganze Nacht hat die Lampe geglommen,
Geknattert im Saal des Kamines Rost,
Und als der dritte Abend gekommen,
Da setzte der Vater sich auf die Post.

Ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt,
Und nicht seine Hand gekt,
Doch heit es, da er in dieser Nacht
Am Bettchen gestanden ist.
Und bei des nchsten Morgens Erglhen,
Das erste was meine Augen sahn,
Das war an unserem Lager knieen
Den tief erschtterten Sakristan.

Dem ward in der Frh' ein Brief gebracht,
Und dann ein Schlsselchen noch;
Ich will nicht lesen, hat er gedacht
Und zgerte, las dann doch
Den Brief, in letzter Stunde geschrieben
Von meines unglcklichen Vaters Hand,
Der fest im Herzen mir ist geblieben,
Obwohl mein Bruder ihn einst verbrannt.

Was mich betroffen, das sag' ich nicht,
Eh dorre die Zunge aus!
Doch ist es ein bitter, ein schwer Gericht,
Und treibt mich von Hof und Haus.
In dem Klosette da sind gelegen
Papiere, Wechsel, Briefe dabei.
Dir will ich auf deine Seele legen
Meine zwei Buben; denn du bist treu.

Sorg nicht um mich, was ich bedarf
Des hab' ich gengend noch,
Und forsch' auch nimmer, - ich warne scharf -
Nach mir, es trge dich doch.
Sei ruhig, Mann, ich will nicht tten,
Den Leib, der vieles noch mu bestehn,
Doch la meine armen Kinderchen beten;
Denn sehr bedarf ich der Unschuld Flehn.

Und im Klosette gefunden ward
Ein richtiges Testament,
Und alle Papiere nach Kaufmannsart
Geordnet und wohl benennt.
Und wir? - in der Fremde lie man uns pflegen
Da waren wir eben, wie Buben sind,
Doch mit den Jahren da mu sich's regen,
Bin ich doch jetzt sein einziges Kind!

Du weit es, wie ich auch noch so frh,
So hart den Bruder verlor,
Und htte ich dich nicht, meine Marie,
Dann wr ich ein armer Tor! -
Ach Gott, was hab' ich nicht all geschrieben,
Aufrufe, Briefe, in meiner Not!
Umsonst doch alles, umsonst geblieben.
Ob er mag leben? - vermutlich tot!

*

Nie brachte wieder auf sein Geschick
Die gute Marie den Mann,
Der seines Lebens einziges Glck
In ihrer Liebe gewann.
So mild und schonend bot sie die Hnde,
Bracht' ihm so manches blhende Kind,
Da von der ehrlichen Stirn am Ende
Die dstern Falten gewichen sind.

Wohl fhrt' nach Jahren einmal sein Weg
Ihn dicht zur Heimat hinan,
Da lie er halten am Mhlensteg,
Und schaute die Trme sich an.
Die Hnd' gefaltet, schien er zu beten,
Ein Wink - die Kutsche rasselte fort;
Doch nimmer hat er den Ort betreten,
Und keinen Trunk Wasser nahm er dort.




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