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Leander und Ismene

Ludwig Heinrich Christoph Hlty

Leander und Ismene, oder die schne Zauberin und der entfhrte Schfer

In drey Balladen

Erste Ballade

Seit Adam in den Apfel bi,
Glich unter allen Schnen,
Hier unterm Mond, das ist gewi,
Kein Mutterkind Ismenen.
Bey meiner armen Seel'! es war
Ein Mdchen zum Entzcken,
Mit runder Brust, mit blondem Haar,
Und Adel in den Blicken.

Der ganze Wuchs war Ebenmaa,
Das Aug voll Himmelsblue,
Die Wang - ein Chor von Scherzen sa
Darauf in bunter Reihe.
Der Mund, der tausend Lust verhie,
War sonder alle Mngel,
Und wenn sie sang, so klangs so s,
Als sng' ein heilger Engel.

Die holde Schne, denkt einmal,
That aber arge Thaten,
Und mu vielleicht, im Pfuhl der Quaal,
Jetzt kochen oder braten.
Behexte, wie das Dorf erzhlt,
Die Khe des Magisters,
Darob sein Weibchen treflich schmhlt,
Das Federvieh des Ksters.

Sie knpfte manchem Ehepaar
Den Nestel, als ein Meister,
Und rief, wenns ihr gefllig war,
Ein Rudel Hllengeister.
Ritt, trotz dem besten Postkurier,
Auf ihrem Besenstiele,
Und bergab den Winden ihr
Geringelt Haar zum Spiele.

Sie tanzte stets, am ersten May,
Mit Blumen in den Locken,
Den weien Busen schleyerfrey,
Im Reigen, auf dem Brocken.
Dann pflag der alte Satanas
Den sen Herrn zu spielen,
Und wenn sie stand, und wenn sie sa,
Nach ihrer Brust zu schielen.

Begierig kt' er ihre Hand,
Als wollt' ers Hndgen een,
Und konnt', an des Kocytus Strand,
Die Schne nicht vergeen.
Sandt' ihr so manches billet doux
Durch seine Hoflakeien,
Schlo kaum die Augenwimpern zu
Und trumte schon vom Freyen.

Allein Ismene lachte nur
Des grmlichen Pedanten,
Und suchte sich, bald auf der Flur,
Bald in der Stadt Amanten.
Sie sah einmal am Wiesenbach,
Wo manches Blmchen keimte,
Leandern, der im Schatten lag,
Und se Trume trumte.

Er trumte von der Adelheit,
Mit der er sich versprochen,
Daneben von der Seeligkeit
Der ersten Flitterwochen.
Es sollte schon die Priesterhand
Am Altar ihn beglcken;
Man hieng ein langes, rothes Band,
Das Haar der Braut zu schmcken,

Schon an den bunten Flitterkranz;
Man stimmte schon zum Reigen,
Zum Menuet und Wirbeltanz,
Die Flten und die Geigen.
Was meynt ihr wohl, die Unholdin
Trat vor den schnen Schfer,
Zupft' ihn am Ohr und vorn am Kinn,
Und rief: wach auf mein Schfer!

Sie hatte seines Mdchens Bild
Und Kleidung angenommen.
Leander ward mit Freud' erfllt,
Und stotterte Willkommen.
Er nannte sie mein lieber Schatz,
Mein Engelchen, mein Kindchen,
Und gab ihr manchen Feuerschmatz
Aufs kleine, rothe Mndchen.

Sie giengen endlich, Hand in Hand,
Der Khlung zu genieen,
Zum Wald'. Ein schner Wagen stand
Schnell neben ihren Fen.
Ein Kutscher, mit besetztem Rock
Und grmlicher Geberde,
Sa majesttisch auf dem Bock,
Und lenkte stolz die Pferde.

Der Wagen war von Elfenbein,
Besetzet mit Opalen,
Kein Galawagen ist so fein,
Die Zaubrin konnt's bezahlen.
Sie stiegen in den Phaeton,
Drauf raelten die Schimmel
Straks ber Stock und Stein davon,
Mit donnerndem Getmmel.

Nun flogen sie gar himmelan,
Ein Wunder anzuschauen;
Leandern, wie man denken kann,
Begonn darob zu grauen.
Wir wollen, wenn es euch beliebt,
Die Leute fliegen laen,
Und morgen, wenn Gott Leben giebt,
Den Rest in Reimen faen.


Zwote Ballade

Der Wagen fuhr auf gutes Glck,
Bis da der Himmel graute,
Und man, beym ersten Sonnenblick,
Ein grnes Eiland schaute.
Es lag im Sderocean,
Seit lieben langen Jahren,
Es hatt' es noch kein Magellan,
Kein Dampfer befahren.

Sie traten in ein Paradies,
Wo Freud' und Wollust lauschte,
In jedem Frhlingslftgen blies,
In jeder Quelle rauschte.
Das war euch, traun, ein Luftgefild!
Rings lachten bunte Flchen,
Rings zitterte das goldne Bild
Der Sonn' in hundert Bchen.

Die Weste flsterten vertraut,
Und raubeten den Veilchen,
Wie der Geliebte seiner Braut,
Auf jeder Wiese, Mulchen.
Es sahn, um jeden Silberquell,
Die Blumen ihre Wangen
In Fluthen, welche spiegelhell
Durch Auen floen, hangen.

Musik entstrmte sonder Rast
Den khlen Rebenlauben,
Es herzten sich auf jedem Ast
Des Hains, verliebte Tauben.
Es sprang, Potz Stern, da mcht' ich seyn!
Im Schatten grner Hecken,
Der feurigste Burgunderwein
In weite, goldne Becken.

Es ragt' ein prchtiger Palast,
Erbauet aus Trkisen,
Mit Gold und Perlen eingefat,
Auf angenehmen Wiesen.
Die Treppen waren aus Agat,
Die weiten Flgelthren,
Durch die man in den Palast trat,
Aus blitzenden Sapphiren.

Das Dach, und auch der Wetterhahn,
Wie man leicht kan erachten,
Von feinem Gold aus Indostan,
Besetzet mit Smaragden.
Ein wunderbares Feyenschlo,
Bei dem wohl sonder Zweifel,
Der es gebaut, viel Schweis vergo,
Gott sey mit uns, der Teufel.

Ein groer tapezierter Saal
Gieng mitten durchs Gebude,
Mit Schildereyen ohne Zahl -
Die schnste Augenweide! -
Von Raphael und Titian.
Hier eine nackte Lede,
Dort Vater Zeus mit ihr, als Schwan
In einer Liebesfehde.

Der Grosultan, der Perser Schach,
Im Zirkel ihrer Frauen,
Ein lustig Karnevalgelag,
Gar lieblich anzuschauen.
Der Muselmnner Himmelreich,
Voll niedlicher Figuren,
Ein grner Wald, im Wald' ein Teich,
Voll Badeposituren.

Sie lebten hier, als Frau und Mann,
Am grnen Meergestade,
Und tranken, wenn der Tag begann,
Bald Thee, bald Schokolade.
Sie hielten im Gemldesaal,
Von dem wir euch erzhlten,
Das Frhstck und das Mittagsmahl,
Dem keine Reize fehlten.

Die Speisen kamen auf den Wink
Der Unholdin von selber,
Es flogen, wenn sie schellte, flink
Gebratne Tauben, Klber,
Kapaunen, Hasen auf den Tisch,
Lampreten und Forellen,
Und ein poierliches Gemisch
Von Austern und Sardellen.

Nicht minder kam, auf ihr Gebot,
Viel Backwerk angeflogen,
Pasteten, Torten, Mandelbrodt,
Da sich die Tafeln bogen.
Das groe, goldne Deckelglas,
Gefllet mit Tokaier,
Go ihre Kehlen weidlich na,
Go durch die Adern Feuer.

Sie spielten alle Nachmittag,
Nach eingenommnem Mahle,
In einer Sommerlaube Schach,
Und aen kalte Schaale:
Und giengen, wenn das Abendroth
Durch ihre Laube blinkte,
Zum Palast, wo das Abendbrodt
In goldnen Scheln winkte.

Sie irrten, wenn der Mondenschein
Den Wald mit Silber deckte,
Vertraulich durch den Myrthenhain,
Wo mancher Vogel heckte,
Und setzten sich auf Immergrn,
Bedeckt von Myrthensten,
Durch die der schne Vollmond schien,
Umscherzt von lauen Westen.

Sie ruhten, Brust an Brust gedrckt,
Und was sie weiter thaten,
Der schne Vollmond hat's erblickt,
Ich kan es nicht errathen.
Ein ses, klatschendes Getn
Scholl aus den Myrthenbschen,
Die Vgel sangen wunderschn
Ein Minnelied dazwischen.

Der West, der im Gestruche war,
Go einen Blthenregen,
Voll Abendduft, bald um ihr Haar,
Bald ihrer Brust entgegen.
Sie trippelten, mit trbem Blick,
Und Gra und Staub in Haaren,
Nach ihrem Zauberschlo zurck,
Wo weichre Polster waren.

Sie lasen, wenn sie sich gesetzt,
Zur Zeit des Schlafenlegens,
Rosts schne Nacht, zu guter letzt,
Anstatt des Abendsegens.
Und schlpfeten, wenn dies vollbracht,
Zum Ruhekabinette:
Wir wnschen ihnen gute Nacht,
Und gehen auch zu Bette.


Dritte Ballade

So lebeten auf ihrer Burg,
Wie wir erzhlt, die beiden,
Den May, den Junius hindurch,
In Herrlichkeit und Freuden:
Und schwammen hier in Ueppigkeit
Bis ber beide Ohren,
Doch endlich floh die Trunkenheit,
Worinn er sich verloren.

Er hatte sich mit Zuckerbrodt
Den Magen berladen,
Ward bleich und hager, wie der Tod,
Es schwanden seine Waden;
Sein Auge, wie Vergimeinnicht,
Erlosch und wurde dunkel,
Er trug im kupfrigen Gesicht
Rubinen und Karfunkel.

Die Ke, Weine, das Konfekt,
Die Zuckerbien alle,
Wornach er sonst den Mund geleckt,
Verkehrten sich in Galle.
Der Vgel buhlrisches Koncert,
Das er, in Lust verloren,
Mit solcher Wonne jngst gehrt,
Miklang itzt seinen Ohren.

Nun floh er, mehr als Tod und Grab,
Den Palast und Ismenen,
Schlich am Gestade auf und ab,
Und weinte groe Thrnen.
O liebe, liebe Adelheit!
So rief er sonder Ende,
Der ich mein treues Herz geweiht,
Und rang die welken Hnde:

Wie magst du, gute Seele! wohl
Leanders Angedenken,
Mit lautem Schluchzen, einen Zoll
Getreuer Zhren schenken!
O knnt' ich dir den Thrnengu,
Dem Kerker hier entrien,
Durch einen warmen treuen Ku,
Von deiner Wange ken!

O welch ein Unstern! wehe mir!
Das Mastvieh war geschlachtet,
Der Pfarrer hatte sein Gebhr,
Wornach er lang geschmachtet.
Wir waren schon, ich armer Mann!
Vom Pfarrer aufgeboten,
Und dachten wahrlich nicht daran,
Was uns fr Wetter drohten.

Schon gieng, mit manchem bunten Band
Am Hut, der Hochzeitbitter
Im Dorf herum, der Musikant
Probierte schon die Zitter.
Die Speisen, die wir angeschafft,
Sind nun schon lngst verdorben;
Mein Liebchen ist wohl, hingerafft
Von Schwermuth, gar gestorben.

Den guten Gttern mute dies
Nun wohl zu Herzen gehen,
Drum flog ein Schiff heran und lie
Die Flagge stattlich wehen.
Der Schiffspatron nahm ihn an Bord,
Und bracht' in wenig Stunden
Ihn wohlbehalten an den Ort,
Wo ihn Ismene funden.

Madam stand unbeweglich da,
Als, fern am Horizonte,
Sie die geschwollnen Seegel sah,
Und es nicht wehren konnte.
Zerri die Haare, weinte sich
Die Wangen bleich und hager,
Und wand die Hnde jmmerlich
Auf dem verwaisten Lager.

Sie ritt mit thrnendem Gesicht,
Auf ihrem Besenstiele,
Viel Lnder durch, und fand ihn nicht,
Und ritt sich manche Schwiele:
Und ward, wie mnniglich bekannt,
Nach vielen Abendtheuern,
Zuletzt elendiglich verbrannt,
In Wrzburg oder Bayern.




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