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Des ersten Bergmanns ewige Jugend

Achim von Arnim

aus dem Roman "Armut, Reichthum, Schuld und Bue der Grfin Dolores" (von 1810), Vierte Abteilung / Funfzehntes Kapitel

... Der Kammerjunker versicherte, da er nach einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade geschrieben, die er hersagen knne:


Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Hlt Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten fr ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen,
Und rufet still in sich: "Glckauf!"
Ihm ist sein Kopf voll Frhlichkeiten,
Von selber lacht der schne Mund,
Er wei nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.

Er hret fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar,
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunten Wellen,
Sie schauet, kt sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.

"Ich hab nicht Fest, nicht Festes Kuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!"
So spricht sie, mchte ihn versuchen,
Er reicht ein Stck ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfngt ganz neue Freud;
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umflieet ihn ein sel'ger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.

Sie fat die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht,
Und hat sie krftig berrungen
Die Knigin der dunklen Welt,
Sie frchtet harte Mihandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
"Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer",
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
"Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht."

"So komm zur Khlung mit hinunter!"
Die Knigin, ihm schmeichelnd, sagt,
"Da unten blht die Hoffnung bunter,
Wo bleichend sich das Grn versagt.
Don zeige ich dir groe Schtze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche bers Kinn."
So rhrt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzett.

Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter,
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist so gar ein wackrer Hauer
Mit wilder Khnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn,
Und bringet dann die goldnen Stufen
Von seiner Kn'gin Kammertr,
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern khn herfr.

Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlsser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er mu in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not.
Einst hrt er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot.
Da kann die Kn'gin ihn nicht halten,
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwrts wallten,
So Licht als Liebe herzlich warm.

Er tritt zum Schlo zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste,
Es fat ihr Blick den schnen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwhlt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Ksse nicht gezhlt.
Da sind die Brder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten,
Da er doch von dem Feste weich.

Da hat er trotzig ausgerufen:
"Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!"
Da hat er einen Ring genommen,
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfrau angenommen,
Als er ihn steckt an ihre Hand,
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hinein gestrzt;
Spt schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkrzt.

Die Lieb ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Knigin;
Er hat die Tre eingestoen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eiferscht'ge hrt ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er strzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schn gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.

Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zurck,
Und andre Kinder unterdessen
Erwhlen neu der Erde Glck,
Und bringen andre schne Gaben,
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Trnen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Whnen,
ihr steh das Glck noch einmal auf.

Glck auf! nach funfzig sauren Jahren
Ein khner Durchschlag wird gemacht,
Die Kn'gin kmpfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel bse Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Khnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Hnden kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Knigin, die ihm einst hold.

Zur Luft ihn tragend alle fragen,
"Wei keiner, wer der Knabe war,
Ein schner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Scho zurck,
Denn selbst die flchtigen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Glck;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Trnen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit."

Die Jungfrau war tief alt geworden,
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spt trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar mhsam hergegangen,
Gesttzt auf einem Krckenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Da sie den Brut'gam wieder hab.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier strzt sie auf die stille Brust.

Da fhlt sie nicht das Herr mehr schlagen,
Die Mnner sehn verwundert zu:
"Was will die Hexe mit dem Knaben,
Sie sollt ihm gnnen seine Ruh.
Das wr doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte, frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und htte keinen Zahn im Mund."
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren,
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht lnger harren,
Die treu bewahrt der Kn'gin Gruft.

Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schne Jugend scheint so mde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was half es ihr, wenn er nun lebte,
Und wre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergenen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.

Es mag der Frst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlane mchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und hnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hnde sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lchelt milde,
Und spricht: "Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schn,
Als meinen Enkel mu ich schauen,
Den ich als Brut'gam einst gesehn."




Achim von Arnim

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