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Venezianische Epigramme

Johann Wolfgang von Goethe

1

Sarkophagen und Urnen verzierte der Heide mit Leben:
Faunen tanzen umher, mit der Bacchantinnen Chor
Machen sie bunte Reihe; der ziegengefete Pausback
Zwingt den heiseren Ton wild aus dem schmetternden Horn.
Cymbeln, Trommeln erklingen; wir sehen und hren den Marmor.
Flatternde Vgel! wie schmeckt herrlich dem Schnabel die Frucht!
Euch verscheuchet kein Lrm, noch weniger scheucht er den Amor,
Der in dem bunten Gewhl erst sich der Fackel erfreut.
So berwltiget Flle den Tod; und die Asche da drinnen
Scheint, im stillen Bezirk, noch sich des Lebens zu freun.
So umgebe denn spt den Sarkophagen des Dichters
Diese Rolle, von ihm reichlich mit Leben geschmckt.
Kaum an dem blaueren Himmel erblickt ich die glnzende Sonne,
Reich, vom Felsen herab, Efeu zu Krnzen geschmckt.


2

Sah den emsigen Winzer die Rebe der Pappel verbinden,
ber die Wiege Virgils kam mir ein laulicher Wind:
Da gesellten die Musen sich gleich zum Freunde; wir pflogen
Abgerines Gesprch, wie es den Wanderer freut.


3

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen,
Immer drngt sich mein Herz fest an den Busen ihr an,
Immer lehnet mein Haupt an ihren Knien, ich blicke
Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
"Weichling!" schlte mich einer, "und so verbringst du die Tage?"
Ach, ich verbringe sie schlimm! Hre nur, wie mir geschieht:
Leider wend ich den Rcken der einzigen Freude des Lebens;
Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen dahin.
Vetturine trotzen mir nun, es schmeichelt der Kmmrer,
Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lgen und Trug.
Will ich ihnen entgehn, so fat mich der Meister der Posten,
Postillone sind Herrn, dann die Dogane dazu!
"Ich verstehe dich nicht! du widersprichst dir! du schienest
Paradiesisch zu Run, ganz, wie Rinaldo, beglckt."
Ach! ich verstehe mich wohl: es ist mein Krper auf Reisen,
Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Scho.


4

Das ist Italien, das ich verlie. Noch stuben die Wege,
Noch ist der Fremde geprellt, stell er sich, wie er auch will.
Deutsche Redlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens;
Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht;
Jeder sorgt nur fr sich, mitrauet dem andern, ist eitel,
Und die Meister des Staats sorgen nur wieder fr sich.
Schn ist das Land; doch ach! Faustinen find ich nicht wieder.
Das ist Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verlie.


5

In der Gondel lag ich gestreckt und fuhr durch die Schiffe,
Die in dem Groen Kanal, viele befrachtete, stehn.
Mancherlei Ware findest du da fr manches Bedrfnis,
Weizen, Wein und Gems, Scheite wie leichtes Gestruch.
Pfeilschnell drangen wir durch; da traf ein verlorener Lorbeer
Derb mir die Wangen. Ich rief: "Daphne, verletzest du mich?
Lohn erwartet ich eher!" Die Nymphe lispelte lchelnd:
"Dichter sndigen nicht schwer. Leicht ist die Strafe. Nur zu!"


6

Seh ich den Pilgrim, so kann ich mich nie der Trnen enthalten.
O wie beseliget uns Menschen ein falscher Begriff!


7

Eine Liebe hatt ich, sie war mir lieber als alles!
Aber ich hab sie nicht mehr! Schweig, und ertrag den Verlust!


8

Diese Gondel vergleich ich der sanft einschaukelnden Wiege,
Und das Kstchen darauf scheint ein gerumiger Sarg.
Recht so! Zwischen der Wieg und dem Sarg wir schwanken und schweben
Auf dem Groen Kanal sorglos durchs Leben dahin.


9

Feierlich sehn wir neben dem Doge den Nuntius gehen;
Sie begraben den Herrn, einer versiegelt den Stein.
Was der Doge sich denkt, ich wei es nicht; aber der andre
Lchelt ber den Ernst dieses Geprnges gewi.


10

Warum treibt sich das Volk so und schreit? Es will sich ernhren,
Kinder zeugen und die nhren, so gut es vermag.
Merke dir, Reisender, das, und tue zu Hause desgleichen!
Weiter bringt es kein Mensch, stell er sich, wie er auch will.


11

Wie sie klingeln, die Pfaffen! Wie angelegen sie's machen,
Da man komme, nur ja plappre, wie gestern so heut! -
Scheltet mir nicht die Pfaffen; sie kennen des Menschen Bedrfnis!
Denn wie ist er beglckt, plappert er morgen wie heut!


12

Mache der Schwrmer sich Schler wie Sand am Meere - der Sand ist
Sand; die Perle sei mein, du, o vernnftiger Freund.


13

S, den sprossenden Klee mit weichlichen Fen im Frhling
Und die Wolle des Lamms tasten mit zrtlicher Hand;
S, voll Blten zu sehn die neulebendigen Zweige,
Dann das grnende Laub locken mit sehnendem Blick.
Aber ser, mit Blumen dem Busen der Schferin schmeicheln;
Und dies vielfache Glck lt mich entbehren der Mai.


14

Diesem Ambo vergleich ich das Land, den Hammer dem Herrscher,
Und dem Volke das Blech, das in der Mitte sich krmmt.
Wehe dem armen Blech! wenn nur willkrliche Schlge
Ungewi treffen und nie fertig der Kessel erscheint.


15

Schler macht sich der Schwrmer genug und rhret die Menge,
Wenn der vernnftige Mann einzelne Liebende zhlt.
Wunderttige Bilder sind meist nur schlechte Gemlde:
Werke des Geists und der Kunst sind fr den Pbel nicht da.


16

Mache zum Herrscher sich der, der seinen Vorteil verstehet:
Doch wir whlten uns den, der sich auf unsern versteht.


17

Not lehrt beten, man sagt's; will einer es lernen, er gehe
Nach Italien! Not findet der Fremde gewi.


18

Welch ein heftig Gedrnge nach diesem Laden! Wie emsig
Wgt man, empfangt man das Geld, reicht man die Ware dahin
Schnupftabak wird hier verkauft. Das heit sich selber erkennen
Nieswurz holt sich das Volk, ohne Verordnung und Arzt.


19

Jeder Edle Venedigs kann Doge werden; das macht ihn
Gleich als Knaben so fein, eigen, bedchtig und stolz.
Darum sind die Oblaten so zart im katholischen Welschland;
Denn aus demselbigen Teig weihet der Priester den Gott.


20

Ruhig am Arsenal stehn zwei altgriechische Lwen;
Klein wird neben dem Paar Pforte wie Turm und Kanal.
Kme die Mutter der Gtter herab, es schmiegten sich beide
Vor den Wagen, und sie freute sich ihres Gespanns.
Aber nun ruhen sie traurig; der neue geflgelte Kater
Schnurrt berall, und ihn nennet Venedig Patron.


21

Emsig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden?
Hren und sehen den Mann, welcher die Wunder getan?
Nein, es fhrte die Zeit ihn hinweg: du findest nur Reste,
Seinen Schdel, ein paar seiner Gebeine verwahrt.
Pilgrime sind wir alle, die wir Italien suchen;
Nur ein zerstreutes Gebein ehren wir glubig und froh.


22

Jupiter Pluvius, heut erscheinst du ein freundlicher Dmon;
Denn ein vielfach Geschenk gibst du in einem Moment;
Gibst Venedig zu trinken, dem Lande grnendes Wachstum;
Manches kleine Gedicht gibst du dem Bchelchen hier.


23

Giee nur, trnke nur fort die rotbemntelten Frsche,
Wre das durstende Land, da es uns Broccoli schickt.
Nur durchwre mir nicht dies Bchlein; es sei mir ein Flschchen
Reinen Arraks, und Punsch mache sich jeder nach Lust.


24

Sankt Johannes im Kot heit jene Kirche; Venedig
Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot.


25

Hast du Baj gesehn, so kennst du das Meer und die Fische.
Hier ist Venedig; du kennst nun auch den Pfuhl und den Frosch.


26

"Schlfst du noch immer?" Nur still, und la mich ruhen; erwach ich,
Nun, was soll ich denn hier? Breit ist das Bette, doch leer.
Ist berall ja doch Sardinien, wo man allein schlft;
Tibur, Freund, berall, wo dich die Liebliche weckt.


27

Alle neun, sie winkten mir oft ich meine die Musen;
Doch ich achtet es nicht, hatte das Mdchen im Scho.
Nun verlie ich mein Liebchen; mich haben die Musen verlassen,
Und ich schielte verwirrt, suchte nach Messer und Strick.
Doch von Gttern ist voll der Olymp; du kamst, mich zu retten,
Langeweile! du bist, Mutter der Musen, gegrt.


28

Welch ein Mdchen ich wnsche zu haben? ihr fragt mich. Ich hab sie,
Wie ich sie wnsche, das heit, dnkt mich, mit wenigem viel.
An dem Meere ging ich und suchte mir Muscheln. In einer
Fand ich ein Perlchen; es bleibt nun mir am Herzen verwahrt.


29

Vieles hab ich versucht gezeichnet, in Kupfer gestochen,
l gemalt, in Ton hab ich auch manches gedrckt,
Unbestndig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
Nur ein einzig Talent bracht ich der Meisterschaft nah:
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglcklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.


30

Schne Kinder tragt ihr und steht mit verdeckten Gesichtern,
Bettelt: das heit, mit Macht reden ans mnnliche Herz.
Jeder wnscht sich ein Knbchen, wie ihr das drftige zeiget,
Und ein Liebchen, wie man's unter dem Schleier sich denkt.


31

Das ist dein eigenes Kind nicht, worauf du bettelst, und rhrst mich;
O wie rhrt mich erst die, die mir mein eigenes bringt!


32

Warum leckst du dein Mulchen, indem du mir eilig begegnest?
Wohl, dein Zngelchen sagt mir, wie gesprchig es sei.


33

Smtliche Knste lernt und treibet der Deutsche; zu jeder
Zeigt er ein schnes Talent, wenn er sie ernstlich ergreift.
Eine Kunst nur treibt er und will sie nicht lernen, die Dichtkunst.
Darum pfuscht er auch so; Freunde, wir haben's erlebt.


34/1

Oft erklrtet ihr euch als Freunde des Dichters, ihr Gtter!
Gebt ihm auch, was er bedarf! Miges braucht er, doch viel:
Erstlich freundliche Wohnung, dann leidlich zu essen, zu trinken
Gut; der Deutsche versteht sich auf den Nektar wie ihr.
Dann geziemende Kleidung, und Freunde, vertraulich zu schwatzen;
Dann ein Liebchen des Nachts, das ihn von Herzen begehrt.
Diese fnf natrlichen Dinge verlang ich vor allem.
Gebet mir ferner dazu Sprachen, die alten und neu'n,
Da ich der Vlker Gewerb und ihre Geschichten vernehme;
Gebt mir ein reines Gefhl, was sie in Knsten getan.
Ansehn gebt mir im Volke, verschafft bei Mchtigen Einflu,
Oder was sonst noch bequem unter den Menschen erscheint;
Gut - schon dank ich euch, Gtter; ihr habt den glcklichsten Menschen
Ehstens fertig: denn ihr gnntet das meiste mir schon.


34/2

Klein ist unter den Frsten Germaniens freilich der meine;
Kurz und schmal ist sein Land, mig nur, was er vermag.
Aber so wende nach innen, so wende nach auen die Krfte
Jeder; da wr's ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
Doch was priesest du ihn, den Taten und Werke verknden?
Und bestochen erschien' deine Verehrung vielleicht;
Denn mir hat er gegeben, was Groe selten gewhren,
Neigung, Mue, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
Niemand braucht ich zu danken als ihm, und manches bedurft ich,
Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?
Nichts! Ich habe, wie schwer' meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.
England, freundlich empfingst du den zerrtteten Gast.
Doch was frdert es mich, da auch sogar der Chinese
Malet mit ngstlicher Hand Werthern und Lotten auf Glas?
Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein Knig
Um mich bekmmert, und er war mir August und Mcen.


35

Eines Menschen Leben, was ist's? Doch Tausende knnen
Reden ber den Mann, was er und wie er's getan.
Weniger ist ein Gedicht; doch knnen es Tausend genieen,
Tausende tadeln. Mein Freund, lebe nur, dichte nur fort!


36

Mde war ich geworden, nur immer Gemlde zu sehen,
Herrliche Schtze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt.
Denn auch dieser Genu verlangt Erholung und Mue;
Nach lebendigem Reiz suchte mein schmachtender Blick.
Gauklerin, da ersah ich in dir zu den Bbchen das Urbild,
Wie sie Johannes Bellin reizend mit Flgeln gemalt,
Wie sie Paul Veronese mit Bechern dem Brutigam sendet,
Dessen Gste, getuscht, Wasser genieen fr Wein.


37

Wie, von der knstlichsten Hand geschnitzt, das liebe Figrchen,
Weich und ohne Gebein, wie die Molluska nur schwimmt!
Alles ist Glied und alles Gelenk und alles gefllig,
Alles nach Maen gebaut, alles nach Willkr bewegt.
Menschen hab ich gekannt und Tiere, so Vgel als Fische,
Manches besondre Gewrm, Wunder der groen Natur;
Und doch staun ich dich an, Bettine, liebliches Wunder,
Die du alles zugleich bist und ein Engel dazu.


38

Kehre nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinauf zu dem Himmel;
Jupiter sieht dich, der Schalk, und Ganymed ist besorgt.


39

Wende die Fchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir strecken
Arme betend empor; aber nicht schuldlos wie du.


40

Seitwrts neigt sich dein Hlschen. Ist das ein Wunder? Es trget
Oft dich Ganze; du bist leicht, nur dem Hlschen zu schwer.
Mir ist sie gar nicht zuwider, die schiefe Stellung des Kpfchen;
Unter schnerer Last beugte kein Nacken sich je.


41

So verwirret mit dumpf-willkrlich verwebten Gestalten,
Hllisch und trbe gesinnt, Breughel den schwankenden Blick;
So zerrttet auch Drer mit apokalyptischen Bildern,
Menschen und Grillen zugleich, unser gesundes Gehirn;
So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, Zentauren
Singend, mit Macht Neugier in dem verwunderten Ohr;
So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen,
Vorwrts glaubet zu gehn, alles vernderlich schwebt:
So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwechselnd;
Doch erfreut sie uns gleich, wenn sie die Sohlen betritt.


42

Gern berschreit ich die Grenze, mit breiter Kreide gezogen.
Macht sie Bottega, das Kind, drngt sie mich artig zurck.


43

"Ach! mit diesen Seelen, was macht er? Jesus Maria!
Bndelchen Wasche sind das, wie man zum Brunnen sie trgt.
Wahrlich, sie fllt! Ich halt es nicht aus! Komm, gehn wir! Wie zierlich!
Sieh nur, wie steht sie, wie leicht! Alles mit Lcheln und Lust!"
Altes Weib, du bewunderst mit Recht Bettinen! du scheinst mir
Jnger zu werden und schn, da dich mein Liebling erfreut.


44

Alles seh ich so gerne von dir; doch seh ich am liebsten,
Wenn der Vater behend ber dich selber dich wirft,
Du dich im Schwung berschlgst und nach dem tdlichen Sprunge
Wieder stehest und lufst, eben ob nichts wr geschehn.


45

Schon entrunzelt sich jedes Gesicht; die Furchen der Mhe,
Sorgen und Armut fliehn, Glckliche glaubt man zu sehn.
Dir erweicht sich der Schiffer und klopft dir die Wange; der Sckel
Tut sich dir krglich zwar, aber er tut sich doch auf,
Und der Bewohner Venedigs entfaltet den Mantel und reicht dir,
Eben als flehtest du laut bei den Mirakeln Antons,
Bei des Herrn fnf Wunden, dem Herzen der seligsten Jungfrau,
Bei der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt.
Jeder kleine Knabe, der Schiffer, der Hke, der Bettler
Drngt sich und freut sich bei dir, da er ein Kind ist, wie du.


46

Dichten ist ein lustig Metier; nur find ich es teuer:
Wie dies Bchlein mir wchst, gehn die Zechinen mir fort.


47

"Welch ein Wahnsinn ergriff dich Migen? Hltst du nicht inne?
Wird dies Mdchen ein Buch? Stimme was Klgeres an!"
Wartet, ich singe die Knige bald, die Groen der Erde,
Wenn ich ihr Handwerk einst besser begreife wie jetzt.
Doch Bettinen sing ich indes; denn Gaukler und Dichter
Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern.


48

"Bcke, zur Linken mit euch!" so ordnet knftig der Richter:
"Und ihr Schfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn!"
Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagt er:
"Seid, Vernnftige, mir grad gegenber gestellt!"


49

Wit ihr, wie ich gewi zu Hunderten euch Epigramme
Fertige? Fhret mich nur weit von der Liebsten hinweg!


50

Alle Freiheitsapostel, sie waren mir immer zuwider;
Willkr suchte doch nur jeder am Ende fr sich.
Willst du viele befrein, so wag es, vielen zu dienen.
Wie gefhrlich das sei, willst du es wissen? Versuch's!


51

Knige wollen das Gute, die Demagogen desgleichen,
Sagt man; doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie wie wir.
Nie gelingt es der Menge, fr sich zu wollen; wir wissen's:
Doch wer verstehet, fr uns alle zu wollen; er zeig's.


52

Jeglichen Schwrmer schlage mir ans Kreuz im dreiigsten Jahre;
Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.


53

Frankreichs traurig Geschick, die Groen mgen's bedenken;
Aber bedenken frwahr sollen es Kleine noch mehr.
Groe gingen zugrunde doch wer beschtzte die Menge
Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.


54

Tolle Zeiten hab ich erlebt und hab nicht ermangelt,
Selbst auch tricht zu sein, wie es die Zeit mir gebot.


55

"Sage, tun wir nicht recht? Wir mssen den Pbel betriegen.
Sieh nur, wie ungeschickt, sieh nur, wie wild er sich zeigt!"
Ungeschickt und wild sind alle rohe Betrognen;
Seid nur redlich, und so fhrt ihn zum Menschlichen an.


56

Frsten prgen so oft auf kaum versilbertes Kupfer
Ihr bedeutendes Bild; lange betriegt sich das Volk.
Schwrmer prgen den Stempel des Geists auf Lgen und Unsinn;
Wem der Probierstein fehlt, hlt sie fr redliches Gold.


57

Jene Menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen Sprechern,
Die wir in Frankreich laut hren auf Straen und Markt.
Mir auch scheinen sie toll; doch redet ein Toller in Freiheit
Weise Sprche, wenn ach! Weisheit im Sklaven verstummt.


58

Lange haben die Groen der Franzen Sprache gesprochen,
Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde nicht flo.
Nun lallt alles Volk entzckt die Sprache der Franken.
Zrnet, Mchtige, nicht! Was ihr verlangtet, geschieht.


59

"Seid doch nicht so frech, Epigramme!" Warum nicht? Wir sind nur
berschriften; die Welt hat die Kapitel des Buchs.


60

Wie dem hohen Apostel ein Tuch voll Tiere gezeigt ward,
Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Bchlein sich dir.


61

Ein Epigramm, ob wohl es gut sei? Kannst du's entscheiden?
Wei man doch eben nicht stets, was er sich dachte, der Schalk.


62

Um so gemeiner es ist und nher dem Neide, der Migunst,
Um so eher begreifst du das Gedichtchen gewi.


63

Chloe schwret, sie liebt mich; ich glaub's nicht. "Aber sie liebt dich!"
Sage mir ein Kenner. Schon gut; glaubt ich's, da wr es vorbei.


64

Niemand liebst du, und mich, Philarchos, liebst du so heftig.
Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?


65

Ist denn so gro das Geheimnis, was Gott und der Mensch und die Welt sei?
Nein! Doch niemand hrt's gerne; da bleibt es geheim.


66

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider;
Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und


67

Lngst schon htt ich euch gern von jenen Tierchen gesprochen,
Die so zierlich und schnell fahren dahin und daher.
Schlngelchen scheinen sie gleich, doch viergefet; sie laufen,
Kriechen und schleichen, und leicht schleppen die Schwnzchen sie nach.
Seht, hier sind siel und hier! Nun sind sie verschwunden Wo sind sie?
Welche Ritze, welch Kraut nahm die entfliehenden auf?
Wollt ihr mir's knftig erlauben, so nenn ich die Tierchen Lazerten;
Denn ich brauche sie noch oft als geflliges Bild.


68

Wer Lazerten gesehn, der kann sich die zierlichen Mdchen
Denken, die ber den Platz fahren dahin und daher.
Schnell und beweglich sind sie und gleiten, stehen und schwatzen,
Und es rauscht das Gewand hinter den eilenden drein.
Sieh, hier ist siel und hier! Verlierst du sie einmal, so suchst du
Sie vergebens; so bald kommt sie nicht wieder hervor.
Wenn du aber die Winkel nicht scheust, nicht Gchen und Treppchen,
Folg ihr, wie sie dich lockt, in die Spelunke hinein!


69

Was Spelunke nun sei, verlangt ihr zu wissen? Da wird ja
Fast zum Lexikon dies epigrammatische Buch.
Dunkele Huser sind's in engen Gchen; zum Kaffee
Fhrt dich die Schne, und sie zeigt sich geschftig, nicht du.


70

Zwei der feinsten Lazerten, sie hielten sich immer zusammen;
Eine beinahe zu gro, eine beinahe zu klein.
Siehst du beide zusammen, so wird die Wahl dir unmglich;
Jede besonders, sie schien einzig die schnste zu sein.


71

Heilige Leute, sagt man, sie wollten besonders dem Snder
Und der Snderin wohl. Geht's mir doch eben auch so.


72

"Wr ich ein husliches Weib und htte, was ich bedrfte
Treu sein wollt ich und froh, herzen und kssen den Mann."
So sang, unter andern gemeinen Liedern, ein Dirnchen
Mir in Venedig, und nie hrt ich ein frmmer Gebet.


73

Wundern kann es mich nicht, da Menschen die Hunde so lieben;
Denn ein erbrmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.


74

Frech wohl bin ich geworden; es ist kein Wunder. Ihr Gtter
Wit, und wit nicht allein, da ich auch fromm bin und treu.


75

"Hast du nicht gute Gesellschaft gesehn? Es zeigt uns dein Bchlein
Fast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist."
Gute Gesellschaft hab ich gesehn; man nennt sie die gute,
Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.


76

Was mit mir das Schicksal gewollt? Es wre verwegen,
Das zu fragen; denn meist will es mit vielen nicht viel.
Einen Dichter zu bilden, die Absicht wr ihm gelungen,
Htte die Sprache sich nicht unberwindlich gezeigt.


77

"Mit Botanik: gibst du dich ab? mit Optik? Was tust du?
Ist es nicht schnrer Gewinn, rhren ein zrtliches Herz?"
Ach, die zrtlichen Herzen! ein Pfuscher vermag sie zu rhren;
Sei es mein einziges Glck, dich zu berhren, Natur!


78

Wei hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches
Hat er euch weisgemacht, das ihr ein Skulum glaubt.


79

"Alles erklrt sich wohl", so sagt mir ein Schler, "aus jenen
Theorien, die uns weislich der Meister gelehrt."
Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tchtig gezimmert,
Pat ein lebendiger Leib freilich zur Strafe daran.


80

Wenn auf beschwerlichen Reisen ein Jngling zur Liebsten sich windet,
Hab er dies Bchlein; es ist reizend und trstlich zugleich.
Und erwartet dereinst ein Mdchen den Liebsten, sie halte
Dieses Bchlein, und nur, kommt er, so werfe sie's weg.


81

Gleich den Winken des Mdchens, des eilenden, welche verstohlen
Im Vorbeigehn nur freundlich mir streifet den Arm,
So vergnnt, ihr Musen, dem Reisenden kleine Gedichte:
O behaltet dem Freund grere Gunst noch bevor!


82

Wenn, in Wolken und Dnste verhllt, die Sonne nur trbe
Stunden sendet, wie still wandeln die Pfade wir fort!
Drnget Regen den Wandrer, wie ist uns des lndlichen Daches
Schirm willkommen! Wie sanft ruht sich's in strmischer Nacht!
Aber die Gttin kehret zurck! Schnell scheuche die Nebel
Von der Stirne hinweg! Gleiche der Mutter Natur!


83

Willst du mit reinem Gefhl der Liebe Freuden genieen,
O la Frechheit und Ernst ferne vom Herzen dir sein.
Die will Amorn verjagen, und der gedenkt ihn zu fesseln;
Beiden das Gegenteil lchelt der schelmische Gott.


84

Gttlicher Morpheus, umsonst bewegst du die lieblichen Mohne;
Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht schliet.


85

Liebe flest du ein und Begier; ich fhl es und brenne.
Liebenswrdige, nun fle Vertrauen mir ein!


86

Ha! ich kenne dich, Amor, so gut als einer! Da bringst du
Deine Fackel, und sie leuchtet im Dunkel uns vor.
Aber du fhrest uns bald verworrene Pfade; wir brauchten
Deine Fackel erst recht, acht und die falsche erlischt.


87

Eine einzige Nacht an deinem Herzen!- Das andre
Gibt sich. Es trennet uns noch Amor in Nebel und Nacht.
Ja, ich erlebe den Morgen, an dem Aurora die Freunde
Busen an Busen belauscht, Phbus, der frhe, sie weckt.


88

Ist es dir Ernst, so zaudre nun lnger nicht; mache mich glcklich!
Wolltest du scherzen? Es sei, Liebchen, des Scherzes genug!


89

Da ich schweige, verdriet dich? Was soll ich reden? Du merkest
Auf der Seufzer, da Blicks leise Beredsamkeit nicht.
Eine Gttin vermag der Lippe Siegel zu lsen;
Nur Aurora, sie weckt einst dir am Busen mich auf.
Ja, dann tne mein Hymnus den frhen Gttern entgegen,
Wie das Memnonische Bild lieblich Geheimnisse sang.


90

Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe,
Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf!
Seht, so schein ich mein Herz bald dieser Schnen, bald jener
Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurck.


91

O wie achtet ich sonst auf alle Zeiten des Jahres;
Grte den kommenden Lenz, sehnte dem Herbste mich nach!
Aber nun ist nicht Sommer noch Winter, seit mich Beglckten
Amors Fittich bedeckt, ewiger Frhling umschwebt.


92

"Sage, wie lebst du?" - Ich lebe! und wren hundert und hundert
Jahre dem Menschen gegnnt, wnscht ich mir morgen wie heut.


93

Gtter, wie soll ich euch danken! Ihr habt mir alles gegeben,
Was der Mensch sich erfleht; nur in der Regel fast nichts.


94

In der Dmmrung des Morgens den hchsten Gipfel erklimmen,
Frhe den Boten des Tags gren, dich, freundlichen Stern!
Ungeduldig die Blicke der Himmelsfrstin erwarten,
Wonne des Jnglings, wie oft locktest du nachts mich heraus!
Nun erscheint ihr mir, Boten des Tags, ihr himmlischen Augen
Meiner Geliebten, und stets kommt mir die Sonne zu frh.


95

Du erstaunest und zeigst mir das Meer; es scheinet zu brennen.
Wie bewegt sich die Flut flammend ums nchtliche Schiff!
Mich verwundert es nicht, das Meer gebar Aphroditen,
Und entsprang nicht aus ihr uns eine Flamme, der Sohn?


96

Glnzen sah ich das Meer und blinken die liebliche Welle,
Frisch mit gnstigem Wind zogen die Segel dahin.
Keine Sehnsucht fhlte mein Herz; es wendete rckwrts,
Nach dem Schnee des Gebirgs, bald sich der schmachtende Blick.
Sdwrts liegen der Schtze wie viel! Doch einer im Norden
Zieht, ein groer Magnet, unwiderstehlich zurck.


97

Ach! mein Mdchen verreist! Sie steigt zu Schiffe! - Mein Knig,
olus! mchtiger Frst! halte die Strme zurck!
"Trichter!" ruft mir der Gott: "befrchte nicht wtende Strme:
Frchte den Hauch, wenn sanfte Amor die Flgel bewegt!"


98

Arm und kleiderlos war, als ich sie geworben, das Mdchen;
Damals gefiel sie mir nackt, wie sie mir jetzt noch gefllt.


99

Oftmals hab ich geirrt und habe mich wieder gefunden,
Aber glcklicher nie; nun ist dies Mdchen mein Glck!
Ist auch dieses ein Irrtum, so schont mich, ihr klgeren Gtter,
Und benehmt mir ihn erst drben am kalten Gestad.


100

Traurig, Midas, war dein Geschick: in bebenden Hnden
Fhltest du, hungriger Greis, schwere, verwandelte Kost.
Mir, im hnlichen Fall, geht's lust'ger; denn was ich berhre,
Wird mir unter der Hand gleich ein behendes Gedicht.
Holde Musen, ich strube mich nicht; nur da ihr mein Liebchen,
Drck ich es fest an die Brust, nicht mir zum Mrchen verkehrt.


101

"Ach, mein Hals ist ein wenig geschwollen!" so sagte die Beste
ngstlich. - Stille, mein Kind! still! und vernehme das Wort:
Dich hat die Hand der Venus berhrt; sie deutet dir leise,
Da sie das Krperchen bald, acht unaufhaltsam verstellt.
Bald verdirbt sie die schlanke Gestalt, die zierlichen Brstchen,
Alles schwillt nun; es pat nirgends das neuste Gewand.
Sei nur ruhig! es deutet die fallende Blte dem Grtner,
Da die liebliche Frucht schwellend im Herbste gedeiht.


102

Wonniglich ist's, die Geliebte verlangend im Arme zu halten,
Wenn ihr klopfendes Herz Liebe zuerst dir gesteht.
Wonniglicher, das Pochen des Neulebendigen fhlen,
Das in dem lieblichen Scho immer sich nhrend bewegt.
Schon versucht es die Sprnge der raschen Jugend; es klopfet
Ungeduldig schon an, sehnt sich nach himmlischem Licht.
Harre noch wenige Tage! Auf allen Pfaden des Lebens
Fhren die Horen dich streng, wie es das Schicksal gebeut.
Widerfahre dir, was dir auch will, du wachsender Liebling -
Liebe bildete dich; werde dir Liebe zuteil!


103

Und so tndelt ich mir, von allen Freunden geschieden,
In der Neptunischen Stadt Tage wie Stunden hinweg.
Alles, was ich erfuhr, ich wrzt es mit ser Erinnrung,
Wrzt es mit Hoffnung; sie sind lieblichste Wrzen der Welt.




Johann Wolfgang von Goethe

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