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(Aphorismen) Nachts

Karl Kraus

Wenn ich einschlafen will, mu ich immer erst eine ganze Menagerie von Stimmen zum Kuschen bringen. Man glaubt gar nicht, was fr einen Lrm die in meinem Zimmer machen.


Man hat mich oft gebeten, gerecht zu sein und eine Sache von allen Seiten zu betrachten. Ich habe es getan, in der Hoffnung, da eine Sache vielleicht dadurch besser werden knnte, da ich sie von allen Seiten betrachte. Aber ich kam zu dem gleichen Resultat. So blieb ich dabei, eine Sache nur von einer Seite zu betrachten, wodurch ich mir viel Arbeit und Enttuschung erspare. Denn es ist trstlich, eine Sache fr schlecht zu halten und sich dabei auf ein Vorurteil ausreden zu knnen.


Wenn sich die Schlange vor mir auch windet - ich zweifle doch an ihrer Zuverlssigkeit.


Wort und Wesen - das ist die einzige Verbindung, die ich je im Leben angestrebt habe.


Auf dem Weg, auf dem man zu sich kommt, steht auch noch ein lstiges Spalier von Neugierigen, die wissen mchten, wie es dort aussieht.


Wenn Tiere ghnen, haben sie ein menschliches Gesicht.


So wrdig wie das Pferd die Schmach, ertrgt sein Herr die Wrde nicht.


Die Undankbarkeit steht oft in keinem Verhltnis zur empfangenen Wohltat.


An vieles, was ich erst erlebe, kann ich mich schon erinnern.


Die Entschuldigung: "Das ist ihm so in die Feder geflossen" - mein Ehrentitel. Die Anerkennung: "Das fliet ihm nur so aus der Feder" mein Vorwurf. Aus der Feder fliet Tinte: das ist tchtig und ein Verdienst. In die Feder fliet ein Gedanke: dafr kann man nicht, es ist eine Schuld von tieferher.


Eines Dichters Sprache, eines Weibes Liebe - es ist immer das, was zum erstenmal geschieht.


Umgangssprache entsteht, wenn sie mit der Sprache nur so umgehn; wenn sie sie wie das Gesetz umgehen; wie den Feind umgehen; wenn sie umgehend antworten, ohne gefragt zu sein. Ich mchte mit ihr nicht Umgang haben; ich mchte von ihr Umgang nehmen; die mir tags wie ein Rad im Kopf umgeht; und nachts als Gespenst umgeht.


Das Unverstndliche in der Wortkunst - in den anderen Knsten verstehe ich auch das Verstndliche nicht - darf nicht den ueren Sinn berhren. Der mu klarer sein, als was Hinz und Kunz einander zu sagen haben. Das Geheimnisvolle sei hinter der Klarheit. Kunst ist etwas, was so klar ist, da es niemand versteht. Da ber allen Gipfeln Ruh ist, begreift jeder Deutsche und hat gleichwohl noch keiner erfat.


Worber ich nicht wegkomme: Da eine ganze Zeile von einem halben Menschen geschrieben sein knne. Da auf dem Flugsand eines Charakters ein Werk erbaut wre.


Alles anklagen ist Einheit. Alles vertragen ist Kleinheit. Zu allem ja sagen, ist Gemeinheit.


"Das Leben geht weiter." Als es erlaubt ist.


Kindspech ist eben das, womit man auf die Welt kommt.


Ein dick aufgetragener Vaterstolz hat mir immer den Wunsch eingegeben, da der Kerl wenigstens Schmerzen der Zeugung versprt htte.


Wider besseres Wissen die Wahrheit zu sagen, sollte fr ehrlos gelten.


Unter den vielen deutschen Dingen, die jetzt auf -ol ausgehen, drfte Odol noch immer wnschenswerter als Idol sein.


Um in einem kriegfhrenden Land eine Grenzbertrittsbewilligung zu erhalten, braucht man einen "triftigen Grund". Ich wre in Verlegenheit, keinen zu linden.


Da wird aus Amsterdam gemeldet, die rcksichtslosen Englnder htten ein neutrales Schiff durchsucht und den Koffer einer Hollnderin verdchtig gefunden, in welchem sich auch tatschlich ihr Gatte, ein armer Deutscher, der erblindet war, befunden habe; ohne Gnade sei er verhaftet. worden. Ob das Gercht nun auf dem ehrlichen Weg eines Miverstndnisses entstanden ist oder ob der Bericht ein blinder Passagier war, den man in die Schiffsladung des solchen Zufllen ausgesetzten Zentralorgans deutsch-sterreichischer Intelligenz geschmuggelt hatte - der Fall beweist so augenfllig, da es ein blinder Passagier sehen mu: wie bewegt die Handlung wird, sobald man den Weg aus der Phrase wieder zurck ins Leben nimmt. In der Geschichte der Kriegslge eines der anschaulichsten Beispiele. Ein Deutscher hat eine Seereise als blinder Passagier in einem Koffer mitmachen wollen; aber wenn man eine Redensart auspackt, kann es leicht geschehen, da so einer zum Vorschein kommt.


Die Redensart wird durch tausend Rhren ins Volksbewutsein geleitet. Ein verwundeter Soldat, der sicherlich nie ein Buch, wohl auch keine Zeitung gelesen hatte, war doch des Tonfalls habhaft, mit dem ein gutes Gewissen Abschied nimmt. "Jetzt kann ich ruhig sterben", sagte er. "vierzehn hab i heut umbracht!"


Dreifachem Reim entziehe sich die Welt - dem Reim auf Feld und Geld und Held.


Nein, der Seele bleibt keine Narbe zurck Der Menschheit wird die Kugel bei einem Ohr hinein- und beim andern herausgegangen sein.


Da Ornament und Redeblume am liebsten von einer Zeit getragen werden, deren Wesen dem verlorenen Sinn dieser Formen widerstrebt, und um so lieber, je weiter sie jenem Sinn entwachsen ist, ihr eigener Inhalt aber nie imstande sein wird, neue Ornamente und Redeblumen zu schaffen, so wird ein Staat noch "zum Schwerte greifen", wenn es ihm schon lngst gelufig sein wird, zum Gas zu greifen. Kann man sich denken, da solcher Entschlu je zur Redensart werden knnte? Es sollte Aufschlu ber die Technik geben, da sie zwar keine neue Phrase bilden kann, aber den Geist der Menschheit in dem Zustand belt, die alte nicht entbehren zu knnen. In diesem Zweierlei eines vernderten Lebens und einer mitgeschleppten Lebensform lebt und wchst das Weltbel. Die Zeit ist nicht phrasenbildend, aber phrasenvoll; und eben darum, aus heillosem Konflikt mit sich selbst, mu sie immer wieder zum Schwerte greifen. Die neue Begebenheit wird keine Redensart hervorbringen, wohl aber die alte Redensart die Begebenheit!


Seitdem der Raufhandel eine Handelsrauferei geworden ist, sollte Hektor wieder bei der Andromache zu finden sein, seinen Kleinen lehren, Speere werfen und vor allem die Gtter ehren.


"Den Weltmarkt erobern": Weil Hndler so sprachen, muten Krieger so handeln. Seitdem wird erobert, wenngleich nicht der Weltmarkt.


Was ist das nur? Wie schal schmeckt das Leben, seitdem es ein Ding wie "Mannesmannrhren" gibt. Wenn's irgendwo so organisatorisch klappt, so halten sie wohl Mannesmannszucht.


Sollte "Schlachtbank" nicht vielmehr von der Verbindung der Schlacht mit der Bank herkommen?


Was jetzt die grte Rolle spielt, das spielt jetzt keine Rolle: Blut und Geld.


Nein, den Generaldirektoren braucht ihr Braven nicht die vorschriftsmige Ehrenbezeigung zu leisten. Wenngleich sie euch in den Krieg gefhrt haben.


"Vater, Brot!" - "Kinder, Ruland verhungert!"


Klerus und Krieg: man kann auch den Mantel der Nchstenliebe nach dem Winde hngen.


Wer den Patrioten des andern Landes fr einen Lumpen hlt, drfte ein Dummkopf des eigenen sein.


Eine Heimat zu haben, habe ich stets fr rhmlich gehalten Wenn man dazu noch ein Vaterland hat, so mu man das nicht gerade bereuen, aber zum Hochmut ist kein Grund vorhanden, und sich gar so zu benehmen, als ob man allein eines htte und die andern keines, erscheint mir verfehlt.


Seitdem man dem Brger einen Spie in die Hand gegeben hat, wissen wir endlich, was ein Held ist.


Am Tor eines deutschen Militrbros sah ich ein Plakat, aus dem die Worte hervorsprangen: "Macht Soldaten frei!" Es war aber gemeint, da Zivilisten als Schreiber fr die Kanzlei gesucht werden, um den dort beschftigten Soldaten den Abgang an die Front zu ermglichen.


Ich hrte Offiziere ber die schlechte Bedienung schimpfen. Man sagte ihnen, die Zivilbevlkerung sei an der Front. Sie waren aber nicht zu beruhigen und nannten es einen Skandal.


Krieg ist zuerst die Hoffnung, da es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, da es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, da es dem andern auch nicht besser geht, und hernach die berraschung, da es beiden schlechter geht.


Viele, die am 1. August 1914 begeistert waren und Butter hatten, haben gehofft, da am 1. August 1917 noch mehr Butter sein werde. An die Begeisterung knnen sie sich noch erinnern.


Das mu man zugeben: Wo die Deutschen hinkommen, machen sie ihre Sache ordentlich. Wenn's auch nicht immer ihre, sondern manchmal eine fremde Sache ist.


Die artilleristische berlegenheit ist ein Vorteil, wenn durch sie noch wichtigere Kulturgter als sie geschtzt werden sollen. Da aber die artilleristische berlegenheit das Vorhandensein wichtigerer Kulturgter ausschliet, so bleibt, um den Vorteil der artilleristischen berlegenheit zu erklren, nichts brig als die Erwgung, da durch die artilleristische berlegenheit die artilleristische berlegenheit geschtzt werden soll.


Kriege und Geschftsbcher werden mit Gott gefhrt.


Alle Vorrte, an Getreide, Mehl, Zucker, Kaffee und so weiter, sind nacheinander gestreckt worden. Mit den Waffen wr's noch zu probieren.


Soldaten, die nicht wissen, wofr sie kmpfen, wissen doch einmal, wofr sie nicht kmpfen.


Persnlich geht mir nur die Entwrdigung der Menschheit nahe und ihre Bereitschaft, sie zu ertragen. Persnlich wrde ich mich nur gegen eine geistige Musterung struben. Und da ich tauglich erklrt wrde.


Die Welt wird sich einmal wundern, da sie kein Geld mehr hat. So geht's jedem, der es verpulvert.


Die Quantitt lt nur noch einen Gedanken zu: abzubrckeln.


Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich pltzlich halblaut das Wort "Mrder" sagte. Zum Glck hatte mich niemand gehrt. Htte ich "Wucherer" gesagt, so htten sich alle umgedreht und keine Erklrung htte mir geholfen. So aber konnte ich erforderlichenfalls vorbringen: da ich eben darber nachgedacht htte, wie ntig es wre, die Todesstrafe teils abzuschaffen, teils einzufhren. Und da ich mich gerade zur Staatsprfung vorbereite.


Als zum erstenmal das Wort "Friede" ausgesprochen wurde, entstand auf der Brse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lat uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!


Der Zustand in dem wir leben, ist der wahre Weltuntergang: der stabile.




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