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Lebenstraum

Ernst Moritz Arndt

Still hlt der Wagen, es steh`n die Gedanken im rollenden Leben
Mit ihm still und erbau`n flugs sich ein freundlich Nest,
Sich und der Liebe ein Nest, von lngst verschienenen Jahren
Einen anmuthigen Traum, welcher noch immer sich trumt.
So ist das Herz, im Getmmel begehrt es der friedlichen Stille
Und aus der Stille will es ins Wilde hinaus.
Wohl erkenn` ich hierin das wechselnde Schicksal der Menschen,
Wohl erkenn` ich hierin, wie es mir selbst ergeht.
Schon ist der Mittag des Lebens im Wechsel von Freuden und Leiden
Nher dem Untergang mir ber den Scheitel gerollt,
Und von dem eigenem Gemth, von dem, was Gott aus der Hh schickt,
Ward ber Land, ber Meer vielfach getrieben mein Lauf.
Doch der Wagen hlt still, flugs kommt mir Sehnsucht und Liebe
Und noch mit ihnen ein Bild, welches mich nimmer verlt.
Haltet, Gedanken, denn still, und lasset ein Httchen uns bauen,
Reinlich und dicht und bequem, sicher wie niedriges Glck.

Wohin ziehen wir, Liebling? Zur Insel der Heimat?
Oder zum heiligen Rhein ? Rede ! was liebest du meist?
Liebster, antwortest du mir, wie kann ich Unkundige whlen?
Schildre die Orte, und dann frage dein Liebchen zuletzt;
Oder erwhle du selbst; denn baust du das Huschen in Wsten,
Wird es mir wahrlich mit dir doch der glckseligste Ort.

Also zur Insel der Heimat zuerst - Du liebliches Rgen,
Was meine Seele nur spinnt, knpfet sich immer an dich,
Freundliches Eiland im Meer voll frommer und gastlicher Menschen,
Voll auch der Schnheit, die Gott ber die Fluren gestreut,
Hier an dem fernsten Gebirg der stlichen Marken von Deutschland
Grߴ ich die glckliche Zeit, die schon Vergangenheit heit,
Jedes anmuthige Thal und jedes umbrauste Gestade,
Jeglichen Hgel und Busch, wo ich als Knabe gespielt
Ueber mir hebt aus dem Dunst der blauen Dmm`rung der Riese,
Welcher die Berge benennt, glnzend die Gipfel voll Schnee,
Aber ihn sehe ich nur, euch fhl` ich mit Herzen und Seele,
Ferne Gestade, wohin ewig die Sehnsucht entfliegt.

Jetzt sind wir angekommen - Es steigt in Mitte der grern Insel
ein Inselchen auf, stiller von Fluthen umspielt;
Pulitz heit es, es war die Liebe des sehnenden Jnglings,
Und wie ein seliger Traum schwebt es dem Manne noch vor.
S ist das Eiland, geschirmt durch Hhen und Wlder vor Strmen,
Schautet es ber das Land, ber die Ksten hinaus
Fern auf das wogende Meer, wo Schiffe wie reisende Vgel
Glnzender Fittiche Flug spreiten dem hauchenden Wind.
Aus dem Eden hinaus wie traulich schaut sichs`s in`s Wilde!
Aus der geschirmten Hut in die umbrauste Gefahr!
Siehe, ein grnes Juwel, vom silber der Fluthen umgossen,
Funkelt es hell wie das Licht, brutlich und jugendlich schn.
Und wir bauen das Huschen uns hin, das Nestchen der Liebe
Reinlich und dicht und bequem, sicher wie niedriges Glck,
Hart am Haine der Eichen, der heiligen Bume der Freiheit,
Wo sich zum Sden hinab sanfter das Inselchen neigt.
Da erfasset uns nie der Samum des Landes, der Ostwind,
Beiet der Nord uns nicht scharf, wann er mit Flocken erbraust.
Bald ergrnet daran ein Grtchen voll lustiger Bume,
Wenige Jahre, so schwillt schon an den Zweigen die Frucht;
Frher umzieht deine Hand das freundliche Huschen mit Blumen,
Unter den bunten erblhst, Blume der Blumen, du selbst.

Dies ist gemacht fr die Lust, die spielend auf kindlichen Schwingen
Gleich einem Vgelchen gern tndelt dem Neste zunchst.
Treibet uns hherer Ernst und tiefere Wehmuth und Liebe,
Rauschen die Eichen nicht fern und der beschattende Hain,
Welche zum Himmel empor mit ahnenden Seelen entwehen,
Welche wie Geistergesprch lispeln in Stille der Nacht,
Welche das se Geheimni bedecken errthender Ksse
Und das Geflster, das hold suselt wie Taubengegirr.
Oder es locken die spielenden Wellen die spielenden Seelen
Oft ans Gestade hinaus, und auf der rollenden Fluth
Wiegen die Geister sich fort, sehnschtige Geister der Liebe,
Und an das klopfende Herz sinkt mir mein liebendes Weib
Oefter noch lockt uns die Nacht zur seligen Feier der Sterne,
Und in den himmlischen Glanz mssen wir brnstig hinaus;
Da uns die Wogen so viel der Geber des Guten beschieden;
Knien in Demuth wir hin, Schweigen ist hchstes Gebet.

Willst du das Ntzliche seh`n, des gern der Mensch sich erfreuet,
Und gespeiset von Gott dankende Hnde erhebt,
Wandeln wir hin durch die Felder, die migen Umfangs der Aehren.
Uns und dem Kindlein genug tragen und kleinem Gesind;
Oder auch lustiger noch durchstreifen wir blumige Wiesen,
Wo uns die Herde der Hirt treibt entgegen den Pfad;
Oder noch, wenn es dem Liebchen gefllt und linde die Luft geht,
Stoen den Nachen wir ab hoch auf die wallende Fluth,
Werfen das Netz nach dem Barsch und stellen dem Aale die Reusen,
Kdern die Angel dem Hecht, spieen bei Fackeln ihn auf.
Herbstlich auch bahnen mit schneidenden Messern die Steige,
Labyrinthischen Laufs rings durch das Wldchen hindurch,
Stellen die Schlingen mit Beeren drin auf den reisenden Vgeln;
So wird der Kchin in Noth fter ein Braten beschert.
Nun was meinest du ? ist dies Leben nicht Freude und Liebe?
Sind nicht die Gaben von Gott, sind nicht der Wonnen so viel?
Nimmer welket noch altet das Herz, das Gott und Natur liebt,
Aber das Herz nur, das liebt, wei auch von Gott und Natur.

Liebliches Pulitz, du hast im Frhling Lieder der Schwne,
Die sich in lenziger Lust sammeln ringsum auf der Fluth,
Liebliches Pulitz, du hast der Nachtigall Wundergesnge,
Hast den erhabenen Gesang immer, der brauset vom Meer;
Wohl ein Nestchen der Liebe, die einsam gerne und still wohnt,
Wohl fr die Unschuld ein Sitz, welcher der Lrm nicht gefllt,
Doch bedarf der geselige Mensch zuweilen des Menschen,
Doch bedarf er zu geh`n aus ihm selber heraus.
Siehe, wir schirren den Wagen uns an und suchen uns Menschen,
Suchen auf anderer Flur anderes Gesicht und Gefhl.

Herrlich raget nicht fern der Rugard, das Auge des Landes,
Wo in verdmmerter Zeit weiland die Herrscher gethront,
Bergen das Stdtchen daran, bewohnt von gastlichen Menschen,
Wo uns der redlichste Freund, wo uns der Bruder begrt;
Putbus im grnenden Schmuck der prangenden Hgel und Haine,
Und der anmuthige Vilm sind nur zwei Stunden von uns;
O der Vilm, das liebe und se Gedchni der Kindheit!
Wann die Mutter mit uns abendlich trat an das Meer,
Wo ich geboren bin, zu Schoritz, der freundlichen Stelle,
Wies sie uns fern in der Fluth seinen hochschimmernden Hain.

Wollen wir weitere Fahrt, so winken uns Grber der Helden,
Grber der Vter, die ernst mahnen an frhere Zeit,
Mahnen an tapfere Mnner, die Freiheit mit Eisen beschirmten,
die in dem Handschlag die Treu trugen, im Schwerdte die Macht,
Siehe, du findest sie rings auf der Insel, die Mler der Vorzeit,
Jenes Gigantengeschlechts, welches die Zwerge erstaunt,
Magst du in Crakows Hain im Schauer der Grber wandeln,
Oder beim heiteren Rambin sehen die Hgel gethrmt,
Mag dich auf Patzigs Hhn auf Ossians Campischen Haiden
Wehmuth der nichtigen Zeit. Worin du athmest, umwehn.

Locket dich weiter der Trieb, wir schaun das reizende Mnchgut,
Paradiesischen Sitz mitten in brausender Fluth,
Schauen das fruchtbare Land, wo ragt die alte Arkona,
Wo den Frsten der See thrmen Genossen das Grab,
Segeln nach Hiddensee, der Heimat friedlicher Menschen,
Welche auf strmischem Meer stellen den Fischen den Tod.
Weiterhin lockt uns der Hain, der schauerlich dster den See schwrzt,
Den mit dem Khegespann Hertha, die Gttin befuhr.
Wo von derStubbenkammer herab. Der Blick auf dem Meere
Zahllose Segel erspht. weies Geflgel der See,
Wo sich die Natur ein ewiges Denkmal gegrndet,
Knigsstuhl nennt es das Volk, weil sich der Knig der Welt,
Weil sich der Mensch, im Graun von Himmel und Erde versinkend
Aus der Anbetungen Staub fliegend zu Sternen erhebt.

So hat der himmlische Vater uns genug des Glcks und der Schnheit
Hier mit dem lustigen Saum rauschender Wogen umfat;
So verrollt sich im wechselnden Tanz der blhenden Horen
Frhlich das Leben, doch nimmer die Liebe sich ab.

Whlst du das Eiland ? sprich ! das Stillen geziemt und Zufrieden?
Oder gefllt es dir mehr, wo es lebendiger ist?
Dann komm mit mir zum Rhein, zum heiligen Strom der Germanen,
Wo an den Ufern der Glanz blhender Reben sich hebt,
Wo sich im lichterem Blau ein milderer Himmel erwlbet,
Wo sich ein reges Geschlecht frhlicher Menschen bewegt.
Dort ein Httchen gebaut, von grnenden Ranken umwunden,
Wovon der Weinstock oft Trauben ins Fenster dir senkt;
Dort uns Bume gepflanzt und duftige Blumen gepfleget,
Dunklere Lauben gewlbet, welche der Mond nur durchscheint,
Welche die Nachtigall sucht fr einsame Klagen des Abends;
Mond und Nachtigall sind liebenden Seelen vertraut.

O der zu glckliche Traum ! schon hrichs trommeln und blasen:
Das klingt Reise und Krieg, selige Stille, fahr wohl!
Her rollt der Wagen, es fliegen dahin die frommen Gedanken,
Alles wird wild um mich her, alles wird wilder in mir;
Sausender rollt auch das Rad des Glckes heute denn jemals
Hin auf dem schlpfrigen Pfad ewig begossen mit Blut.
O der zu glckliche Traum ! wo fnden wir trauliche Sttte,
Welche nicht Schrecken und Wuth mordischer Waffen umtost?
Dienstbar trauret der Rhein, der heilige Strom der Germanen,
Und auch mein heimisches Land heiet noch heute nicht frei;
Rings tobt Trug und Gewalt, ein grimmer Tyrann schwingt die Geiel,
Knige stehen gebckt, staunend gehorcht das Volk.
Hat wohl dein liebender Freund, wohin er das Haupt mag legen,
Flchtig, gechtet, weil Recht besser als Lug ihm gefiel?
Findet er jemals die Ruh ? Die Ruh des engeren Lebens?
Findet er jemals die Ruh trumender Sehnsucht mit dir?
Sicher ist nichts, kein Thron und kein Palast, kein Berg und kein Eiland,
Sicher ist nichts als allein, was nicht Besitzes bedarf.
Dies las uns halten, was tief im innersten Busen uns brennet,
Dies, was mit khner Gewalt ferneste Fernen verknpft.
Siehe! das Huschen es steht, die Laube grnt und der Garten,
Mondstrahl schimmert darauf, Nachtigall klinget darin -
Erde vergeht und Irdisches flieht, o la uns den Busen
Dehnen zum himmlischen Raum, welcher es alles umfat.




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