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Der Graf von Thal

Annette von Droste-Hlshoff

I.

Das war der Graf von Thal,
So ritt an der Felsenwand;
Das war sein ehlich Gemahl,
Die hinter dem Steine stand.

Sie schaut' im Sonnenstrahl
Hinunter den linden Hang,
Wo bleibe der Graf von Thal?
Ich hrt' ihn doch reiten entlang!

Ob das ein Hufschlag ist?
Vielleicht ein Hufschlag fern?
Ich wei doch wohl ohne List,
Ich hab' gehrt meinen Herrn!

Sie bog zurck den Zweig.
Bin blind ich oder auch taub?
Sie blinzelt' in das Gestruch,
Und horcht' auf das rauschende Laub.

d' war's, im Hohlweg leer,
Einsam im rispelnden Wald;
Doch berm Weiher, am Wehr,
Da fand sie den Grafen bald.

In seinen Schatten sie trat.
Er und seine Gesellen,
Die flstern und halten Rat,
Viel lauter rieseln die Wellen.

Sie starrten ber das Land,
Genau sie sphten, genau,
Sahn jedes Zweiglein am Strand,
Doch nicht am Wehre die Frau.

Zur Erde blickte der Graf,
So sprach der Graf von Thal:
Seit dreizehn Jahren den Schlaf
Rachlose Schmach mir stahl.

War das ein Seufzer lind?
Gesellen, wer hat's gehrt?
Sprach Kurt: Es ist nur der Wind,
Der ber das Schilfblatt fhrt. -

So schwr' ich beim hchsten Gut,
Und wr's mein ehlich Weib,
Und wr's meines Bruders Blut,
Viel minder mein eigner Leib:

Nichts soll mir wenden den Sinn,
Da ich die Rache ihm spar';
Der Freche soll werden inn',
Zins tragen auch dreizehn Jahr'.

Bei Gott! das war ein Gesthn!
Sie schossen die Blicke in Hast.
Sprach Kurt: Es ist der Fhn,
Der macht seufzen den Tannenast. -

Und ist sein Aug' auch blind,
Und ist sein Haar auch grau,
Und mein Weib seiner Schwester Kind -
Hier tat einen Schrei die Frau.

Wie Wetterfahnen schnell
Die Dreie wendeten sich.
Zurck, zurck, mein Gesell'!
Dieses Weibes Richter bin ich.

Hast du gelauscht, Allgund?
Du schweigst, du blickst zur Erd'?
Das bringt dir bittre Stund'!
Allgund, was hast du gehrt? -

Ich lausch' deines Rosses Klang,
Ich sph' deiner Augen Schein,
So kam ich hinab den Hang.
Nun tue was Not mag sein. -

O Frau! sprach Jakob Port,
Da habt Ihr schlimmes Spiel!
Grad' sprach der Herr ein Wort,
Das sich verma gar viel.

Sprach Kurt: Ich sag' es rund,
Viel lieber den Wolf im Stall,
Als eines Weibes Mund
Zum Hter in solchem Fall.

Da sah der Graf sie an,
Zu Einem und zu Zwein;
Drauf sprach zur Fraue der Mann:
Wohl wei ich, du bist mein.

Als du gefangen lagst
Um mich ein ganzes Jahr,
Und keine Silbe sprachst:
Da ward deine Treu' mir klar.

So schwre mir denn sogleich:
Sei's wenig oder auch viel,
Was du vernahmst am Teich,
Dir sei's wie Rauch und Spiel.

Als seie nichts geschehn,
So mu ich vllig meinen;
Darf dich nicht weinen sehn,
Darfst mir nicht bleich erscheinen.

Denk' nach, denk' nach, Allgund!
Was zu verheien Not.
Die Wahrheit spricht dein Mund,
Ich wei, und brcht' es Tod.

Und konnte sie sich besinnen,
Verheien htte sie's nie;
So war sie halb von Sinnen,
Sie schwur, und wute nicht wie.

II.

Und als das Morgengrau
In die Kemnate sich stahl:
Da hatte die werte Frau
Geseufzt schon manches Mal;

Manch Mal gerungen die Hand,
Ganz heimlich wie ein Dieb;
Rot war ihrer Augen Rand,
Todbla ihr Antlitz lieb.

Drei Tage kredenzt' sie den Wein,
Und sa beim Mahle drei Tag',
Drei Nchte in steter Pein
In der Waldkapelle sie lag.

Wenn er die Wacht besorgt,
Der Torwart sieht sie gehn,
Im Walde steht und horcht
Der Wilddieb dem Gesthn'.

Am vierten Abend sie sa
An ihres Herren Seit',
Sie dreht' die Spindel, er las,
Dann sahn sie auf, alle beid'.

Allgund, bleich ist dein Mund!
Herr, 's macht der Lampe Schein.
Deine Augen sind rot, Allgund!
's drang Rauch vom Herde hinein.

Auch macht mir's schlimmen Mut,
Da heut vor fnfzehn Jahren
Ich sah meines Vaters Blut;
Gott mag die Seele wahren!

Lang ruht die Mutter im Dom,
Sind Wen'ge mir verwandt,
Ein' Muhm' noch und ein Ohm:
Sonst ist mir keins bekannt.

Starr sah der Graf sie an:
Es steht dem Weibe fest,
Da um den ehlichen Mann
Sie Ohm und Vater lt.

Ja, Herr! so mu es sein.
Ich gb' um Euch die zweie,
Und mich noch obendrein,
Wenn's sein mt', ohne Reue.

Doch da nun dieser Tag
Nicht gleich den andern sei,
Lest, wenn ich bitten mag,
Ein Sprchlein oder zwei.

Und als die Fraue klar
Darauf das heil'ge Buch
Bot ihrem Gatten dar,
Es auf von selber schlug.

Mit einem Blicke er ma
Der nchsten Sprche einen;
Mein ist die Rach', er las;
Das will ihm seltsam scheinen.

Doch wie so fest der Mann
Auf Frau und Bibel blickt,
Die sa so still und spann,
Dort war kein Blatt geknickt.

Um ihren schnen Leib
Den Arm er dster schlang:
So nimm die Laute, Weib,
Sing' mir einen lust'gen Sang! -

O Herr! mag's Euch behagen,
Ich sing' ein Liedlein wert,
Das erst vor wenig Tagen
Mich ein Minstrel gelehrt.

Der kam so matt und bleich,
Wollt' nur ein wenig ruhn,
Und sprach, im oberen Reich
Sing' man nichts Anderes nun.

Drauf, wie ein Schrei verhallt,
Es durch die Kammer klingt,
Als ihre Finger kalt
Sie an die Saiten bringt.

Johann! Johann! was dachtest du
An jenem Tag,
Als du erschlugst deine eigne Ruh'
Mit einem Schlag?
Verderbtest auch mit dir zugleich
Deine drei Gesellen;
O, sieh nun ihre Glieder bleich
Am Monde schwellen!

Weh dir, was dachtest du Johann
Zu jener Stund'?
Nun luft von dir verlornem Mann
Durchs Reich die Kund'!
Ob dich verbergen mag der Wald,
Dich wird's ereilen;
Horch nur, die Vgel singen's bald,
Die Wlf' es heulen!

O weh! das hast du nicht gedacht,
Johann! Johann!
Als du die Rache wahr gemacht
Am alten Mann.
Und wehe! nimmer wird der Fluch
Mit dir begraben,
Dir, der den Ohm und Herrn erschlug,
Johann von Schwaben!

Aufrecht die Fraue bleich
Vor ihrem Gatten stand,
Der nimmt die Laute gleich,
Er schlgt sie an die Wand.

Und als der Schall verklang,
Da hrt man noch zuletzt,
Wie er die Hall' entlang
Den zorn'gen Futritt setzt.

III.

Von heut' am siebenten Tag'
Das war eine schwere Stund',
Als am Balkone lag
Auf ihren Knien Allgund.

Laut waren des Herzens Schlge:
O Herr! erbarme dich mein,
Und bracht' ich Bses zuwege,
Mein sei die Bu' allein.

Dann beugt sie tief hinab,
Sie horcht und horcht und lauscht:
Vom Wehre tost es herab,
Vom Forste drunten es rauscht.

War das ein Futritt? nein!
Der Hirsch setzt ber die Kluft.
Sollt' ein Signal das sein?
Doch nein, der Auerhahn ruft.

O mein Erlser, mein Hort!
Ich bin mit Snde beschwert,
Sei gndig und nimm mich fort,
Eh' heim mein Gatte gekehrt

Ach, wen der Bse umgarnt,
Dem alle Kraft er bricht!
Doch hab' ich ja nur gewarnt,
Verraten, verraten ja nicht!

Weh! das sind Rossestritte.
Sie sah sie fliegen durchs Tal
Mit wildem grimmigen Ritte,
Sie sah auch ihren Gemahl.

Sie sah ihn druen, genau,
Sie sah ihn ballen die Hand:
Da sanken die Knie der Frau,
Da rollte sie ber den Rand.

Und als zum Schlimmen entschlossen
Der Graf sprengt' in das Tor,
Kam Blut entgegen geflossen,
Drang unterm Gitter hervor.

Und als er die Hnde sah falten
Sein Weib in letzter Not,
Da konnt' er den Zorn nicht halten,
Bleich ward sein Gesicht so rot.

Weib, das den Tod sich erkor! -
's war nicht mein Wille sie sprach,
Noch eben bracht' sie's hervor.
Weib, das seine Schwre brach!

Wie Abendlfte verwehen
Noch einmal haucht sie ihn an:
Es mut' eine Snde geschehen -
Ich hab' sie fr dich getan!




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