Balladen und Gedichte Songtexte und Volkslieder Wissen und Forschung Suche und Links
Autoren
Themen
Lnder

.Aphorismen
.Aufstze
.Erzhlungen
Das Unheimliche
Einsamkeit und Fernweh
Freundschaft
Krieg und Feindschaft
Lebensaufgaben und Selbstfindung
Liebe und Romantik
Machtmibrauch, unrechtes Handeln
Mut und Wagnis
Natur
Religion und Gtter
Soziale Not und Armut
Tod
Versuchung und Verfhrung
Wanderschaft und Reisen

Der Graue

Annette von Droste-Hlshoff

Im Walde steht die kleine Burg,
Aus rohem Quaderstein gefugt,
Mit Schart' und Fensterlein, wodurch
Der Doppelhaken einst gelugt;
Am Teiche rauscht des Rohres Speer,
Die Brcke wiegt und knarrt im Sturm,
Und in des Hofes Mitte, schwer,
Plump wie ein Mrser, steht der Turm.

Da siehst du jetzt umhergestellt
Manch feuerrotes Ziegeldach,
Und wie der Stempel steigt und fllt,
So pfeift die Dampfmaschine nach;
Es knackt die Form, der Bogen schrillt,
Es dunstet Scheidewassers Nh',
Und berm grauen Wappenschild.
Liest man: Moulin papier.

Doch wie der Kessel quillt und schumt,
Den Brler Kaufherrn freut es kaum,
Der hatte einmal sich getrumt
Von Land und Luft den feinsten Traum;
Das war so recht ein Fleckchen, sich
Zu retten aus der Zahlen Haft!
Nicht gro, und doch ganz adelig,
Und brauchte wenig Dienerschaft.

Doch eine Nacht nur macht' er sich
Bequem es - oder unbequem -
In seinem Schlchen, und er strich
Nur wie ein Vogel dran seitdem.
Sah dann er zu den Fenstern auf,
Verschlossen wie die Sakristein,
So zog er wohl die Schultern auf
Mit einem Seufzer, oder zwein.

*

Es war um die Septemberzeit,
Als, schrend des Kamines Brand,
Gebckt, in regenfeuchtem Kleid,
Der Hausherr in der Halle stand,
Er und die Gste, all im Rauch;
Van Neelen, Redel, Verney, Dahm,
Und dann der blonde Waller auch,
Der eben erst aus Smyrna kam.

Im Schlote schnob der Wind, es go
Der Regen sprudelnd sich vom Dach,
Und wenn am Brand ein Flmmchen scho,
Schien doppelt de das Gemach.
Die Gste waren all zur Hand,
Erleichternd ihres Wirtes Mh';
Van Neelen nur am Fenster stand,
Und schimpfte auf die Landpartie.

Doch nach und nach mag's besser gehn,
Schon hat der Wind die Glut gefacht,
Den Regen lt man drauen stehn,
Champagnerflaschen sind gebracht.
Die Leuchter hatten wenig Wert,
Es ging wie beim Studentenfest:
Sobald die Flasche ist geleert,
Wird eine Kerze drauf gepret.

Je mehr es fehlt, so mehr man lacht,
Der Wein ist hei, die Kost gewhlt,
Manch derbes Spchen wird gemacht.
Und mancher feine Streich erzhlt.
Zuletzt von Wein und Reden glh,
Rckt seinen Stuhl der Herr vom Haus:
Ich lud euch zu 'ner Landpartie,
Es ward 'ne Wasserfahrt daraus.

Doch da die allerschnste Fracht
Am Ende nach dem Hafen schifft,
So, meine Herren, gute Nacht!
Und nehmt vorlieb, wie es sich trifft.
Da lachend nach den Flaschen greift
Ein jeder. - Tren auf und zu. -
Und Waller, noch im Gehen, streift
Aus seinem Frack den Ivanhoe.

*

Es war tief in die Nacht hinein,
Und drauen heulte noch der Sturm,
Schnob zischend an dem Fensterstein
Und drillt' den Glockenstrang am Turm.
In seinem Bette Waller lag,
Und las so scharf im Ivanhoe,
Da man gedacht, bevor es Tag
Sei Englands Knigreich in Ruh.

Er sah nicht, da die Kerze tief
Sich brannte in der Flasche Rand,
Der Talg in schweren Tropfen lief,
Und drunten eine Lache stand.
Wie trumend hrt' er das Geknarr
Der Fenster, vom Rouleau gedmpft,
Und wie die Tre mit Geschnarr
In ihren Angeln zuckt und kmpft.

Sehr freut er sich am Bruder Tuck,
- Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain -
Da pltzlich ein gewalt'ger Ruck,
Und, hui! die Scheibe klirrt hinein.
Er fuhr empor, - weg war der Traum -
Und deckte mit der Hand das Licht,
Ha! wie so wst des Zimmers Raum!
Selbst ein romantisches Gedicht!

Der Sessel feudalistisch Gold -
Am Marmortisch die Greifenklau' -
Und berm Spiegel flatternd rollt,
Ein Banner, der Tapete Blau,
Im Zug, der durch die Lcke schnaubt;
Die Ahnenbilder leben fast
Und schtteln ihr behelmtes Haupt
Ergrimmt ob dem plebejen Gast.

Der blonde Waller machte gern
Sich selber einen kleinen Graus,
So nickt' er spttisch gen die Herrn,
Als fordert' er sie keck heraus.
Die Glocke summt - schon Eins frwahr!
Wie eine Boa dehnt' er sich,
Und sah nach dem Pistolenpaar,
Dann rstet' er zum Schlafe sich.

Die Flasche hob er einmal noch
Und leuchtete die Wnde an,
Ganz wie 'ne alte Halle doch
Aus einem Scottischen Roman!
Und - ist das Nebel oder Rauch,
Was durch der Tre Spalten quillt,
Und, wirbelnd in des Zuges Hauch,
Die dunstigen Paneele fllt?

Ein Ding - ein Ding - wie Grau in Grau,
Die Formen schwanken - sonderbar! -
Doch, ob der Blick sich schrft? den Bau
Von Gliedern nimmt er mhlich wahr. -
Wie berm Eisenhammer schwer
Und schwarz des Rauches Sule wallt;
Ein Zucken flattert drber her,
Doch hat es menschliche Gestalt!

Er war ein hitziger Kumpan,
Wenn Wein die Lava hat geweckt.
Qui vive? - und leise knackt der Hahn,
Der Waller hat den Arm gestreckt:
Qui vive? - 'ne Pause, - ou je tire!
Und aus dem Lauf die Kugel knallt;
Er hrt sie schlagen an die Tr,
Und abwrts prallen mit Gewalt.

Der Schu drhnt am Gewlbe nach,
Und, eine schwere Nebelschicht,
Fllt Pulverbrodem das Gemach;
Er teilt sich, schwindet, das Gesicht
Steht in des Zimmers Mitte jetzt,
Ganz wie ein graues Bild von Stein,
Die Formen scharf und unverletzt,
Die Zge edel, streng und rein.

Auf grauer Locke grau Barett,
Mit grauer Hahnenfeder drauf.
Der Waller hat so sacht und nett
Sich hergelangt den zweiten Lauf.
Noch zgert er - ist es ein Bild,
Wr's zu zerschieen lcherlich;
Und wr's ein Mensch - das Blut ihm quillt -
Ein Geck, der unterfinge sich -?!

Ein neuer Ruck, und wieder Knall
Und Pulverrauch - war das Gesthn?
Er hrte keiner Kugel Prall -
Es ist vorber! ist geschehn!
Der Waller zuckt: Verdammtes Hirn!
Mit einmal ist er kalt wie Eis,
Der Angstschwei tritt ihm auf die Stirn,
Er starret in den Nebelkreis.

Ein chzen! oder Windeshauch! -
Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt
O Gott, es zappelt! nein - der Rauch
Gedrngt vom Zuge schwankt und irrt;
Es wirbelt aufwrts, woget, wallt,
Und, wie ein graues Bild von Stein,
Steht nun am Bette die Gestalt,
Da, wo der Vorhang sinkt hinein.

Und drber knistert's, wie von Sand,
Wie Funke, der elektrisch lebt;
Nun zuckt ein Finger - nun die Hand -
Allmhlich nun ein Fu sich hebt, -
Hoch - immer hher - Waller winkt;
Dann macht er schnell gehrig Raum,
Und langsam in die Kissen sinkt
Es schwer, wie ein gefllter Baum.

Ah, je te tiens! er hat's gepackt,
Und schlingt die Arme wie 'nen Strick, -
Ein Leichnam! todessteif und nackt!
Mit einem Ruck fhrt er zurck;
Da wlzt es langsam, schwer wie Blei,
Sich gleich dem Mhlstein ber ihn;
Da tat der Waller einen Schrei,
Und seine Sinne waren hin.

Am nchsten Morgen fand man kalt
Ihn im Gemache ausgestreckt;
's war eine Ohnmacht nur, und bald
Ward zum Bewutsein er geweckt.
Nicht irre war er, nur gepret,
Und fragt' ob keiner ward gestrt? -
Doch alle schliefen berfest,
Nicht einer hat den Schu gehrt.

So ward es denn fr Traum sogleich,
Und alles fr den Alb erkannt;
Doch zog man sich aus dem Bereich,
Und trollte hurtig ber Land.
Sie waren alle viel zu klug,
Und vollends zu belesen gar;
Allein der blonde Waller trug
Seit dieser Nacht eisgraues Haar.




Balladen und Gedichte
's ist Mitternacht
Am Bodensee
Belsazar
Das alte Schlo
Das Frulein von Rodenschild
Das Kind am Brunnen
Das de Haus
Der 6. November 1632
Der Blitzzug
Der Erlknig
Der Feuerreiter
Der Fundator
Der Gefangene
Der Graue
Der Knabe im Moor
Der Schatten
Der Schatzgrber
Der Schloelf
Der Teetisch
Der Todesengel
Der Totentanz
Der untreue Knabe
Der Zauberlehrling
Die Braut von Korinth
Die Brcke am Tay
Die Geister am Mummelsee
Die Geisterkelter
Die Schmiede
Die Vendetta
Die Zauberin im Walde
Die zauberische Venus
Ein Traum von groer Magie
Erlknigs Tochter
Fr mich...
Leander und Ismene
Lenore
Lore Lay
Meister Gerhard von Kln
Silvesternacht
Traumbild Nr. 8
Vater und Sohn
Verwunschen
Waldgesprch
Impressum   Kontakt




Magento Freelancer aus Köln Balladen.de - Startseite