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Die zauberische Venus

Joseph von Eichendorff

Bei dem lauten Hochzeitsfeste
Klingen rings die vollen Becher,
Frhlich schwingen sie die Gste,
Wohlgebte wackre Zecher;
Und von seinem Sitz erhoben,
Grt ein jeder schn mit Witzen,
Die Verliebten, die da oben
Schamrot bei einander sitzen.

Doch kaum hat das Fest geendet,
Als der Brutigam alleine
Sich zum stillen Garten wendet,
Um im hellen Mondenscheine,
Wenn sich sanft die Lfte khlen,
Einsam, vom Gewhl verlassen,
Sein errungnes Glck zu fhlen,
Das er kaum vermag zu fassen.

Whrend sehnsuchtsvolle Trume
Liebend seine Brust umschleichen,
Geht er unterm Laub der Bume
Nach dem Grunde zu den Teichen;
Dort sieht er vom Tau befeuchtet
Einen Nachen angebunden,
Von dem blassen Licht beleuchtet,
Das der Mond der Nacht verbunden.

Wie im weitern Kreis die Wellen
Spielend auseinander schweben,
Will die Brust Verlangen schwellen,
Sich der Flut zu bergeben.
Denn es scheint aus klarem Grunde,
Wo ein immerwhrend Schweigen
Gibt unendlich tiefe Kunde,
Seiner Liebe Bild zu steigen.

Doch eh' er zum Kahn hinunter
Steigt, den er zur Fahrt erkoren,
Zieht er noch den Ring herunter,
Bei dem ihm die Braut geschworen;
Da er nicht, das Ruder schwenkend,
Um den Nachen zu regieren,
Ihrer Treue Pfand versenkend,
In den Fluten mag verlieren.

Dorten wo am grnen Lande
Hohe Schilfe wehend schossen,
Steht ein Venus-Bild am Strande
Von dem Mondenlicht umflossen;
Kalten Marmorstein begeistert
Alter Zeiten heilig Leben;
Von des Knstlers Hand gemeistert,
Spter Nachwelt bergeben.

An den Finger nun dem Bilde
Steckt er seinen Ring mit Eilen,
Stt dann ab in's Flutgefilde
Seinen Nachen ohn' Verweilen.
Als die Wogen wiegend schweben,
Schmeichelnd bald den Kahn umsplen,
Mu er des Gemts Erheben
Hher in dem Busen fhlen.

Wie mit blh'nden Segeln Khne
Aus dem grnen Hang der Bume,
Sieht er kreisen sanfte Schwne,
Vgel linder Gtter-Trume.
ber ihnen fern dem hellen
Mondenschein, den sie begren,
Unter ihnen khl die Wellen,
Die der Schwne Busen kssen.

Einsam lodern stille Flammen,
Um die beiden zu verwirren
Schwan und Schiffer, die zusammen
Auf den den Wassern irren.
Doch vom weien Marmor gleitet
Schimmer auf den See so milde,
Und von diesem Licht geleitet
Kehrt er sicher zu dem Bilde.

Still erblat schaun dessen Augen
In die blauen Fluten nieder,
Und der Welle Spiegel saugen
Durstig diese Marmorglieder,
Die im feuchten Bette schliefen.
Von dem lauen Wind umflogen,
Schwebend ber jenen Tiefen,
Wiegen buhlend sie die Wogen.

Sanfter durch den grnen Zwinger
Hrt er jetzt die Winde fliehen,
Als er seinen Ring dem Finger
Jenes Bildes will entziehen -
Aber Schrecken zum Vergehen
Fhlt er durch die Adern schieen!
Denn die feuchten Augen sehen
Sich die Hand von Marmor schlieen.

Rckwrts zum betauten Boden
Sinkt er ohne Leben nieder,
Spt erwacht der schwache Odem,
Gibt ihm das Bewutsein wieder.
Und er fhlt ein heimlich Grauen
Und dabei doch s Behagen,
Beides zwingt ihn zu vertrauen
Und die Blicke aufzuschlagen.

Und er sieht, im toten Bilde
Regt sich wunderbares Leben,
Und es scheint der Busen milde
Sich im Mondenhauch zu heben.
Wie die Augen buhlend strahlen,
Zu dem Knienden niederlachen,
Fhlt er andre Liebesqualen
In bewegter Brust erwachen.

Neue Leiden, neue Schmerzen,
Lust und unbewut Verlangen
Steigen aus zerriss'nem Herzen,
Trnen feuchten seine Wangen,
Wie gebannt von Zauberringen
Hat er keine Kraft zu fliehen,
Fhlt von Sehnsucht sich bezwingen,
An den Marmorbusen ziehen.

Und als sollt' in seinen Armen
Dieses Bild im Traume lachen,
Von des Herzens Puls erwarmen,
Und an seiner Brust erwachen,
Also mu er es umfassen,
Schlgt um seinen Leib die Hnde,
Kann es nimmermehr verlassen
Bis an seines Lebens Ende.

Braut und Hochzeit sind vergessen,
Jedes ird'sche Band zerbrochen,
Und die Schwre, die vermessen,
Seine blinde Glut gebrochen,
Ben spt Gebet und Trnen,
Baut sich eine stille Zelle,
Einsam schlgt mit tiefem Sehnen
Jetzt an sie des Sees Welle.

Wie in tiefster Nacht verborgen
Rauschen heimlich Zauberquellen,
Nie ergraute je ein Morgen
ber den verborgnen Wellen,
Und noch keinem ist's gelungen,
Ihren Ursprung zu belauern,
Doch da manchen sie bezwungen,
Fhlen wir in bangen Schauern.




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