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Der gleitende Purpur

Conrad Ferdinand Meyer

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Schallt im Mnsterchor der Psalm der Knaben.
Kaiser Otto lauscht der Mette
Diener hinter sich mit Spend und Gaben.

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute, da die Himmel niederschweben
Wird dem Elend und der Ble
Mntel er und warme Rcke geben.

Hundert Bettler stehn erwartend -
Einer hlt des Kaisers Knie umfangen
Mit den wundgeriebnen Armen,
dran zerrissner Fesseln Enden hangen.

"Schalk! Was zerrst du mir den Purpur?
Harr und bete! Kennst du mich als Kargen?"
Doch der Bettler hlt den Mantel
Fest und jammert: "Kennst du mich, den Argen?

Du Gesalbter und Erlauchter!
Kennst du mich? ... Du hast mit mir gelegen,
Mit dem Siechen, mit dem Wunden,
Unter eines Mutterherzens Schlgen.

Aus demselben Wollentuche
Schnitt man uns die Kappen und die Kleider!
Aus demselben Psalmenbuche
Sang das frische Jugendantlitz beider!

Heinz, wo bist du? Heinz, wo bleibst du?
Hast zum Spiele du mich oft gerufen
Durch die Sle, durch die Gnge,
Auf und ab der Wendeltreppe Stufen ...

Wehe mir! Da du dich krntest,
Hat des Neides Natter mich gebissen!
Mit dem Lgengeist im Bunde
Hab ich dieses deutsche Reich zerrissen!

Als den ungetreuen Bruder
Und Verrter hast du mich erfunden!
Du ergrimmtest und du warfest
In die Kerkertiefe mich gebunden ...

In der Tiefe meines Kerkers
Hab ich ohne Mantel heut gefroren ...
Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Heute wird der Welt das Heil geboren!

"Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!"
Hundert Bettler strecken jetzt die Hnde:
"Gib uns Mntel! Gib uns Rcke!
Sei barmherzig! Gib uns deine Spende!"

Eine Spange lst der Kaiser
Sacht. Sein Purpur gleitet, gleitet, gleitet
ber seinen sndgen Bruder,
Und der erste Bettler steht bekleidet ...

Eia Weihnacht! Eia Weihnacht!
Jubelt Erd und Himmelreich mit Schallen.
Glorie! Glorie! Friede! Freude!
Und am Menschenkind ein Wohlgefallen!




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