Balladen und Gedichte Songtexte und Volkslieder Wissen und Forschung Suche und Links
Was ist eine Ballade?
Geschichte der Ballade
Theorie der Ballade
Epochen der deutschen Literatur
Merkmale einer Ballade
Typologien der Ballade
Interpretation einer Ballade
Reim und Metrum
Balladen in der Schule
Kahmslauf


Typologien der Ballade

Typologie ist die Lehre vom Typischen, der Grund- oder Urform, von exemplarischen Mustern.

Innerhalb der Balladenforschung hat man sich permanent um eine Typologisierung der Balladen bemht. Dabei war die Typologisierung von KMPCHEN richtungsweisend, der die Ballade in die heldische (oder Ideen-), die numinose und psychologische Problemballade unterteilte.

Numinose Ballade:
der Begriff "numinos" stammt aus der Religionspsychologie und beschreibt das gleichermaen bedrohlich-ngstigende und verfhrerisch-lockende Merkmal des irrational Gefhlsbetonten. Zur numinosen Ballade zhlt die:
naturmagische Ballade
totenmagische Ballade
Schicksalsballade

Heldenballaden:
heldische Balladen haben den Sieg der sittlichen, moralischen, ethischen Vorstellungen des Helden, der als Synonym fr die Menschen im Allgemeinen gilt, zum Inhalt.

Problemballaden:
Problemballaden thematisieren die diffusen Phnomene des Seelenlebens.

Grundstzlich sind Kunst- und Volksballaden zu unterscheiden.

Die Volksballade
Die Volksballade ist die ltere der beiden und stellt eine anonyme, oft gesungene Ballade dar. Die Verfasser sind zum Groteil nicht bekannt, die Texte mndlich berliefert. Gegen Ende des 18. Jh. erst begann man damit, die Texte zu sammeln und zu archivieren. Die berwiegend vierzeiligen Strophen dieser Balladenform sind meist episch und mit einem Endreim ausgestattet, Paar- oder Kreuzreime. Der Satzbau ist einfach. Die grte Ausprgung hatten Volksballaden in Deutschland zwischen 1250-1450 und zwischen 1770-1850. Inhalt waren meist Sagen, Legenden, Heldenlieder oder -epen in denen die Protagonisten vor einer entscheidenden Begegnung standen. Eine besondere Form der Volksballade sind die Minnesngerballaden. Ab dem 16. Jahrhundert entstanden die Zeilungslieder, gereimte Gedichte ber das Zeitgeschehen, die von Zeitungssngern vorgetragen und verkauft wurden.

Beispiel fr eine Volksballade, mndliche berlieferung aus "Des Knaben Wunderhorn":

*********************
Der Rattenfnger von Hameln
Wer ist der bunte Mann im Bilde?
Er fhret Bses wohl im Schilde,
Fr pfeift so wild und so bedacht;
Ich haft mein Kind ihm nicht gebracht!

In Hameln fochten Mus und Ratzen
Bei hellem Tage mit den Katzen,
Es war viel Not; der Rat bedacht,
Wie andre Kunst zuweggebracht.

Da fand sich ein der Wundermann,
Mit bunten Kleidern angetan,
Pfiff Ratz und Maus zusamm ohne Zahl,
Ersuft sie in der Weser all.

Der Rat will ihm dafr nicht geben,
Was ihm ward zugesagt soeben;
Sie meinten, das ging gar zu leicht
Und war wohl gar ein Teufelsstreich.

Wie hart er auch den Rat besprochen,
Sie druten seinem bsen Pochen,
Er konnt zuletzt vor der Gemein
Nur auf dem Dorfe sicher sein.

Die Stadt, von solcher Not befreiet,
Im groen Dankfest sich ertreuet,
Im Betstuhl saen alle Leut,
Es luten alle Glocken weit.

Die Kinder spielten in den Gassen,
Der Wundermann durchzog die Straen,
Er kam und pfiff zusamm geschwind
Wohl auf ein hundert schne Kind.

Der Hirt sie sah zur Weser gehen,
Und keiner hat sie je gesehen,
Verloren sind sie an dem Tag
Zu ihrer Eltern Weh und Klag.

Im Strome schweben Irnicht nieder,
Die Kindlein frischen drin die Glieder,
Dann pfeifet er sie wieder ein,
Fr seine Kunst bezahlt zu sein.

Ihr Leute, wenn ihr Gift wollt legen,
So htet doch die Kinder gegen,
Das Gift ist selbst der Teufel wohl,
Der uns die lieben Kindlein stohl.


Die Kunstballade
Die Kunstballade entstand um 1770 und wurde initiiert durch englisch-schottische Geisterballden. Die Unterscheidung zur Volksballade wird am Autor festgemacht. Whrend Volksballaden aus dem Volk stammen, sind Kunstballaden von einem einzelnen, bekannten Autor verfat. Die formale Struktur der Kunstballaden ist vor allem durch Vielfalt geprgt, sie kann sowohl eine hnlich einfache Struktur wie die der Volksballade aufweisen, als auch kunstvoll aufgebaut sein. Die Balladen Goethes, Schillers, Meyers, etc. sind also Kunstballaden. Hier wird abermals typologisiert. So zhlt Schiller zu den Verfassern von Ideenballaden und Uhland zu denen der historischen Ballade.
Im Verlauf des 19. und zu Beginn des 20. Jh. erfuhr die Kunstballade eine romantische Prgung und verlor ihren dsteren Charakter. Die Inhalte waren nun eher geheimnisvoll, unheimlich und abenteuerlich. Vertreter dieser Form waren z.B. Mrike, Droste-Hlshoff und Fontane.
Im 20. Jahrhundert prgte sich abermals eine neue Form, die Ballade wurde politisch und hatte satirische, groteske oder ironische Zge. Vertreter dieser Form sind z.B. Tucholsky, Ringelnatz oder Biermann.

Eine der ersten Kunstballaden stammt von Gottfried August Brger und hat eine Sage zum Inhalt.

Lenore
Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Trumen:
Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du sumen? -
Er war mit Knig Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.

Der Knig und die Kaiserin,
Des langen Haders mde,
Erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmckt mit grnen Reisern,
Zog heim zu seinen Husern.

Und berall all berall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog alt und jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen.
Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
Willkommen! manche frohe Braut.
Ach! aber fr Lenoren
War Gru und Ku verloren.

Sie frug den Zug wohl auf und ab,
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorber war,
Zerraufte sie ihr Rabenhaar,
Und warf sich hin zur Erde,
Mit wtiger Gebrde.

Die Mutter lief wohl hin zu ihr: -
Ach, da sich Gott erbarme!
Du trautes Kind, was ist mit dir? -
Und schlo sie in die Arme. -
O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Nun fahre Welt und alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen! -

Hilf Gott, hilf! Sieh uns gndig an!
Kind, bet ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser! -
O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
Gott hat an mir nicht wohlgetan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ist's nicht mehr vonnten. -

Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,
Der wei, er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
Wird deinen Jammer lindern. -
O Mutter, Mutter! was mich brennt,
Das lindert mir kein Sakrament!
Kein Sakrament mag Leben
Den Toten wiedergeben. -

Hr, Kind! wie, wenn der falsche Mann,
Im fernen Ungerlande,
Sich seines Glaubens abgetan,
Zum neuen Ehebande?
La fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen. -

O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
Verloren ist verloren!
Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
O wr ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen! -

Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
Mit deinem armen Kinde!
Sie wei nicht, was die Zunge spricht.
Behalt ihr nicht die Snde!
Ach, Kind, vergi dein irdisch Leid,
Und denk an Gott und Seligkeit!
So wird doch deiner Seelen
Der Brutigam nicht fehlen. -

O Mutter! Was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hlle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hlle! -
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden. - - -

So wtete Verzweifelung
Ihr in Gehirn und Adern.
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern;
Zerschlug den Busen, und zerrang
Die Hand, bis Sonnenuntergang,
Bis auf am Himmelsbogen
Die goldnen Sterne zogen.

Und auen, horch! ging's trapp trapp trapp,
Als wie von Rosseshufen;
Und klirrend stieg ein Reiter ab,
An des Gelnders Stufen;
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise, klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vernehmlich diese Worte:

Holla, Holla! Tu auf mein Kind!
Schlfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du? -
Ach, Wilhelm, du? - - So spt bei Nacht? - -
Geweinet hab ich und gewacht;
Ach, groes Leid erlitten!
Wo kommst du hergeritten? -

Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Bhmen.
Ich habe spt mich aufgemacht,
Und will dich mit mir nehmen. -
Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen! -

La sausen durch den Hagedorn,
La sausen, Kind, la sausen!
Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
Ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schrze, spring und schwinge dich
Auf meinen Rappen hinter mich!
Mu heut noch hundert Meilen
Mit dir ins Brautbett eilen. -

Ach! wolltest hundert Meilen noch
Mich heut ins Brautbett tragen?
Und horch! es brummt die Glocke noch,
Die elf schon angeschlagen. -
Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
Wir und die Toten reiten schnell.
Ich bringe dich, zur Wette,
Noch heut ins Hochzeitbette. -

Sag an, wo ist dein Kmmerlein?
Wo? Wie dein Hochzeitbettchen? -
Weit, weit von hier! - - Still, khl und klein! - -
Sechs Bretter und zwei Brettchen! -
Hat's Raum fr mich? - Fr dich und mich!
Komm, schrze, spring und schwinge dich!
Die Hochzeitgste hoffen;
Die Kammer steht uns offen. -

Schn Liebchen schrzte, sprang und schwang
Sich auf das Ro behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Liljenhnde;
Und hurre hurre, hopp hopp hopp!
Ging's fort in sausendem Galopp,
Da Ro und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei vor ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Heid und Land!
Wie donnerten die Brcken! -
Graut Liebchen auch? - - Der Mond scheint hell!
Hurra! die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten? -
Ach nein! - - Doch la die Toten! -

Was klang dort fr Gesang und Klang?
Was flatterten die Raben? - -
Horch Glockenklang! horch Totensang:
Lat uns den Leib begraben!
Und nher zog ein Leichenzug,
Der Sarg und Totenbahre trug.
Das Lied war zu vergleichen
Dem Unkenruf in Teichen.

Nach Mitternacht begrabt den Leib,
Mit Klang und Sang und Klage!
Jetzt fhr ich heim mein junges Weib.
Mit, mit zum Brautgelage!
Komm, Kster, hier! Komm mit dem Chor,
Und gurgle mir das Brautlied vor!
Komm, Pfaff, und sprich den Segen,
Eh wir zu Bett uns legen! -

Still, Klang und Sang. - - Die Bahre schwand. - -
Gehorsam seinem Rufen,
Kam's, hurre hurre! nachgerannt,
Hart hinter's Rappen Hufen.
Und immer weiter, hopp hopp hopp!
Ging's fort in sausendem Galopp,
Da Ro und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links,
Gebirge, Bum und Hecken!
Wie flogen links, und rechts, und links
Die Drfer, Stdt und Flecken! -
Graut Liebchen auch? - - Der Mond scheint hell!
Hurra! die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten? -
Ach! La sie ruhn, die Toten! -

Sieh da! sieh da! Am Hochgericht
Tanzt' um des Rades Spindel
Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,
Ein luftiges Gesindel. -
Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!
Gesindel, komm und folge mir!
Tanz uns den Hochzeitreigen,
Wann wir zu Bette steigen! -

Und das Gesindel husch husch husch!
Kam hinten nachgeprasselt,
Wie Wirbelwind am Haselbusch
Durch drre Bltter rasselt.
Und weiter, weiter, hopp hopp hopp!
Ging's fort in sausendem Galopp,
Da Ro und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Wie flog, was rund der Mond beschien,
Wie flog es in die Ferne!
Wie flogen oben ber hin
Der Himmel und die Sterne! -
Graut Liebchen auch? - - Der Mond scheint hell!
Hurra! die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten? -
O weh! La ruhn die Toten! - - -

Rapp'! Rapp'! Mich dnkt der Hahn schon ruft. - -
Bald wird der Sand verrinnen - -
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft - -
Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitbette tut sich auf!
Die Toten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle. - - -

Rasch auf ein eisern Gittertor
Ging's mit verhngtem Zgel.
Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
Zersprengte Schlo und Riegel.
Die Flgel flogen klirrend auf,
Und ber Grber ging der Lauf.
Es blinkten Leichensteine
Rundum im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,
Huhu! ein grlich Wunder!
Des Reiters Koller, Stck fr Stck,
Fiel ab, wie mrber Zunder.
Zum Schdel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schdel ward sein Kopf;
Sein Krper zum Gerippe,
Mit Stundenglas und Hippe.

Hoch bumte sich, wild schnob der Rapp',
Und sprhte Feuerfunken;
Und hui! war's unter ihr hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul aus hoher Luft,
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
Lenorens Herz, mit Beben,
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,
Rundum herum im Kreise,
Die Geister einen Kettentanz,
Und heulten diese Weise:
Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gndig!




Impressum   Kontakt




Magento Freelancer aus Köln Balladen.de - Startseite