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Nur ein Augenblick

Geschrieben von: Eleonore Görges

Sie ist zerbrochen, waidwund, ihr Herz ist leer,
Tränen laufen warm, doch sie spürt sie nicht mehr,
hier steht sie, hat noch immer den Brief in der Hand,
den sie vor Stunden in seiner neuen Jacke fand.

"Mein Herzallerliebster" - so steht dort geschrieben,
"wie konnt ich all die Jahre nur ohne dich leben?
Meine Liebe zu dir ist unendlich tief,
nachdem viele Jahre sie ruhte und schlief,
all zu lange hab ich gehofft, oft geweint,
geflucht, weil‘s das Schicksal nicht gut mit mir meint.
Nun haben endlich wir uns wieder gefunden,
vergessen sind für mich all die traurigen Stunden,
du schenkst aufs Neu mir wahre Liebe und Glück,
für unsere beiden Herzen gibt es kein Zurück,
drum löse doch bitte dein Versprechen nun ein,
sag deiner Frau, dass deine Liebe nur Schein,
sag ihr, dass schon seit endlosen Wochen,
dein Herz mir gehört, wie du es versprochen.
Dann endlich kannst du mein Mann mir sein,
für den Rest unserer Tage sind wir nie mehr allein.“

Seit sie gelesen hat diese Zeilen der Liebe,
ist’s ihr, als ob vom Leben für sie nichts mehr bliebe,
grad war doch die Welt für sie noch voll Glück,
alles verändert hat dieser winzige Augenblick,
in dem sie den Brief an ihren Mann hat gefunden,
nicht gespürt hat sie die vergangenen Stunden,
denn leer ist ihr Kopf, ihre Seele sie schreit,
ihr Herz ist zu jeglicher Lüge bereit,
die ihre Welt wieder in Ordnung würd bringen,
die all die Worte des Liebesbriefs würd verschlingen.
Es ist unmöglich, dieser Brief ist nicht sein,
diesen Mann liebt sie, er gehört ihr allein,
heute Morgen im Gehen, da sagte er doch,
dass er sie liebe, nach all den Jahren immer noch,
sie feiern silberne Hochzeit, noch in diesem Jahr,
sind für einander da, wie es immer schon war.
Doch da sind diese Zeilen, die sprechen von Liebe,
Wort für Wort schmerzt sie, wie Peitschenhiebe,
ihr Körper bebt, ´s ist, als ob der Himmel brennt,
es toben Gefühle in ihr, die sie noch nicht kennt,
ihre Beine hat sie nicht mehr in der Gewalt,
mit einem Male fühlt sie sich schrecklich alt,
es zittern die Hände ihr wie Espenlaub,
Erde zu Erde und Staub zu Staub.

Da dreht sich geräuschvoll der Schlüssel im Schloss,
versetzt ihrem Herz einen schmerzlichen Stoß,
sie hat nicht gespürt all der Stunden Verlauf,
nicht wahrgenommen den nichtigen Tagesablauf.
Bleich steht sie da, am ganzen Körper zitternd,
den Geruch des Verfalls schon intensiv witternd,
als er den Raum frohen Schrittes betritt,
nicht ahnend, welche Stunden sie durchlitt.
Da sieht den Brief er, sie hält ihn noch in der Hand,
sein Blick sucht den ihren, sie schaut wie gebannt,
ihre Augen sind starr, durchbohren seine sodann,
er weiß nicht, was nun er ihr sagen kann,
er liebt sie seit Jahren, das weiß sie genau,
doch da war plötzlich diese andere Frau,
sie trafen nach vielen Jahren sich wieder
und alte Liebe fuhr erneut in die Glieder,
bis nach kurzer Verliebtheit er wusste genau,
nichts kann ihn trennen von seiner geliebten Frau
und als die Andere diesen Brief ihm schrieb,
war längst schon erloschen zu ihr seine Lieb.

Seit Wochen nun verdrängt er all die Gedanken,
die stets um schmerzlichen Abschied sich ranken,
doch morgen wollt er von der andern sich trennen
und nur zur Liebe zu seiner Frau sich bekennen,
nie sollt’ sie erfahren von der kurzfrist’gen Lieb,
nie wissen, dass zu der Andern es ihn trieb,
denn es war ihm nicht wirklich wichtig,
kurze Verliebtheit, im Grunde doch nichtig.
Da stand die Liebe, die mit seiner Frau ihn verband,
all diese Jahre, Herz an Herz, Hand in Hand,
viele Stunden des Glücks haben sie schon geteilt,
auch so mancher Schmerz wurd’ gemeinsam geheilt,
sie schworen sich Treue bis zum End ihrer Tage,
er brach diesen Schwur, das steht außer Frage.
Nun steht sie hier, mit dem Brief in den Händen,
er kann seinen Blick nicht von ihr wenden,
ihr trauriger Anblick trifft tief ihn ins Herz,
der Blick ihrer Augen bereitet ihm Schmerz,
er geht auf sie zu, will seine Hand ihr reichen,
will zärtlich über ihr Haar ihr gern streichen,
sie mag seine Hand nicht, weicht erschrocken zurück,
er greift erneut, geht auf sie zu noch ein Stück,
da hält sie ihm den Brief vors Gesicht,
gewichen in ihr jegliche Zuversicht.

Ihre Liebe verraten, ihr Herz ist gebrochen,
sie spürt, wie gewaltig ihre Schläfen pochen,
sie möchte schreien, kann doch nicht öffnen den Mund,
fühlt wie sie langsam versinkt in dem Schlund,
der ihren Körper verschlingt, ihre Seele frisst
und dunkle Einsamkeit in Jahren bemisst.
© Eleonore Görges, 23.06.09




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