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Ballade oder Textzeile
claude
14.07.2011

Suche nach einer Ballade (eventuell von Theodor Fontane)
Hallo,

meine Grossmutter hat mir als ich noch ein Kind war, sehr oft eine Ballade vorgetragen, von der ich nur folgende Zeilen in etwa in Erinnerung habe: "Ferdinand, sag nicht wer's war, und leise schliefst du ein, auf ewig ein, und heute nun nach Jahren, seh ich erst wie schées war". Es geht unter anderem auch um eine Schneeballschlacht. Meine Mutter glaubt, es sei von Fontane, weiss es aber nicht genau. Eine Ahnung?

Claude
Antworten


Gast am 17.11.2011
Re: Suche nach einer Ballade (eventuell von Theodor Fontane)
Das Gedicht heißt zwar Theodor, ist aber nicht von Fontane ;)

Theodor

Dem lauten Tag entflohen, kramt ich stumm
In alten Fächern ordnend heut herum
Und führt ein wenig auch den Sinn spazieren
In Kindezeug, Andenken und Papieren,
Wie man ein Weilchen sie zu wahren liebt,
Bis man zum Schluss sie doch dem Feuer gibt.
Froh war ich schließlich, dass ich bald zu Ende,
Da fiel ein Büchlein noch mit in die Hände,
In dem von einer saubern Knabenhand
„Erinnrung an Theodor Fischer“ stand
Sie zu Geschenkchen Kinder eben sagen.

Da wuchs aus einem fernen, fernen Grabe
Langsam vor meinem Blick herauf ein Knabe.

Er war einst drollig bei uns eingeführt:
Beim Balgen hatt ich ihm den Rock zerschliffen,
Den brach er nun, so wie er war, zerrissen –
Von seiner Kinderscheu hatt ungerührt
Die Mutter ihn zur meinen hergeschickt,
Ersatz zu fordern. Kaum ins Aug geblickt
Hatt ihm die meine, wie er dunkelrot
Verlegen stotternd ihr das Röckchen bot,
So hatte sie den Jungen auch schon lieb.
„Bleib heut zum Abend bei uns!“ – Und er blieb.
„Komm wieder, wenn du nichts zu schaffen hast!“ –
Er kam und ward uns bald solch lieber Gast,
Dass Abends, wenn die sechste Stunde schlug,
Schon Alt und Jung nach unserm Freundlein frug.
Dann ging’s zum Essen, -- heißa, wie’s ihm schmeckte!
Doch nascht er nicht, und stets nur schüchtern nippen
Sah ich am Weine seine frischen Lippen,
Indes die Hand sich oft zum Brote streckte,
Wenn ich zum Braten schielte. War zu dünn
Die Butter auf dem Brot mir, -- er nahm’s hin;
War mir zu Wunsch ein Häringsstück nicht ganz, --
Er lacht mich aus und aß vergnügt vom Schwanz,
Und wollt auch sonst mir dies und das nicht passen,
Und konnt ich meine Kindereien nicht lassen:
Mitunter ernst, weit öfter doch im Scherz
Sprach er mir zu, doch immer grad ins Herz,
Bis mich die Sache schließlich anders grämte –
Und ich dahinter kam, dass ich mich schämte.

So, wenn behaglich sich am Tischesrand
Zum Plaudern Groß und Klein zusammenfand,
Der Lampe mildes Licht darüberblicke,
Und kindlich, schelmisch, rot und kerngesund
Von drüben uns mit seinem feinen Rund
Sein lieb Gesicht aus vollen Locken nickte, --
Uns mutets an, als ob unmöglich wär
Jedweder Unfried, saß am Tisch auch er, --
Noch wärmer schien der kleinen Lampe Schimmer,
Noch wohnlicher das traute alte Zimmer.
So glich er einem jener guten Holden,
Die nach der Alten freundlichen Bericht
Dem, den sie lieben, Herd und Haus vergolden,
Und lächelnd sah der Vater ins Gesicht
Der Mutter, die sein Walten recht erkannte,
Wenn sie ihn wohl den kleinen Hausalb nannte.

Und das noch weiß von dir ich, Theodor:
Du logst nicht. Kams nach unsern wilden Streichen
Mitunter mir doch gar zu rätlich vor,
Beim Referat ein bisschen abzuschleichen –
Du bliebst, und traf’s dich noch so bitterlich,
Stets kerzengerade, stramm und ritterlich,
Du warfst, mocht’s klug nun oder unklug sein,
Dein ganzes Menschlein in dein Wort hinein.

Nur einmal logst du doch.

Zu Neujahr war’s.
Die Welt lag rings in weißer Eisespracht,
Da feierten mit lust’ger Schneeballschlacht
Wir Jungen das Geburtstagsfest des Jahrs.
Auf einer Burg von hartgefrornem Sand
Hielt ich und du dem Feindesdrängen stand.
Da, in der Hitze, warf einer roher Tropf
Ein Eisstück dir von hinten an den Kopf.
Ihr achtet’s kaum, und wacker warf ich zu,
Nach einem Weilchen aber rauntest du
Mir leis ins Ohr: „Hör du, ich will nach Haus,
Mir wird so schwindlig, -- halt nur tapfer aus!“
Du gingst. Ich kämpfte ein halbes Stündchen fort,
Doch endlich litt’s auch nicht mehr länger dort,
Auch ich ging weg. Ich klopfte bei dir an.
Die lagst im Bett, als ich ins Zimmer guckte!
Die Eltern standen um den Arzt, -- der zuckte
Die Achseln: „Glaubt, er hat gelogen, Mann:
Kein Zufall war’s, das hat ein Bursch getan –“
Da sahst du mich. Du gabst mir rasch die Hand,
Bogst dann dich heimlich winkend zu mir vor
(So blinzelnd sag ich oft dein Auge schaun,
Knabengeheimnisse mir zu vertraun)
Und bittend flüstertest du mir ins Ohr,
Ganz leis, dass keiner’s hörte: „Ferdinand,
Sag nicht, wer’s war!“
Und ruhig schliefst du ein,
Auf ewig ein . . .

Mein kleiner Freund, er ruht nun dreißig Jahr,
Und heut erst fühl ich ganz, wie schön er war!

Ferdinand Ernst Albert Avenarius
Aus der Sammlung Gedenkblätter

http://www.gedichte.xbib.de/Avenarius_gedicht_Theodor.htm





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