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Weihnachtsabend

Theodor Storm

An die hellen Fenster kommt er gegangen
Und schaut in des Zimmers Raum;
Die Kinder alle tanzten und sangen
Um den brennenden Weihnachtsbaum.

Da pocht ihm das Herz, da es will zerspringen;
Oh, ruft er, lat mich hinein!
Was Frommes, was Frhliches will ich euch singen
Zu dem hellen Kerzenschein.

Und die Kinder kommen, die Kinder ziehen
Zur Schwelle den nchtlichen Gast;
Still gren die Alten, die Jungen umknien
Ihn scheu in geschftiger Hast.

Und er singt: Weit glnzen da drauen die Lande
Und locken den Knaben hinaus;
Mit klopfender Brust, im Reisegewande
Verlt er das Vaterhaus.

Da trgt ihn des Lebens breitere Welle
Wie war so weit die Welt!
Und es findet sich mancher gute Geselle,
Der's treulich mit ihm hlt.

Tief brunt ihm die Sonne die Blte der Wangen,
Und der Bart umsprosset das Kinn;
Den Knaben, der blond in die Welt gegangen,
Wohl nimmer erkennet ihr ihn.

Aus goldenen und aus blauen Reben
Es mundet ihm jeder Wein;
Und dreister greift er in das Leben
Und in die Saiten ein.

Und fr manche Dirne mit schwarzen Locken
Im Herzen findet er Raum; -
Da klingen durch das Land die Glocken,
Ihm war's wie ein alter Traum.

Wohin er kam, die Kinder sangen,
Die Kinder weit und breit;
Die Kerzen brannten, die Stimmlein klangen,
Das war die Weihnachtszeit.

Da fhlte er, da er ein Mann geworden;
Hier gehrte er nicht dazu.
Hinter den blauen Bergen im Norden
Lie ihm die Heimat nicht Ruh.

An die hellen Fenster kam er gegangen
Und schaut' in des Zimmers Raum;
Die Schwestern und Brder tanzten und sangen
Um den brennenden Weihnachtsbaum. -

Da war es, als wrden lebendig die Lieder
Und nahe, der eben noch fern;
Sie blicken ihn an und blicken wieder;
Schon haben ihn alle so gern.

Nicht lnger kann er das Herz bezwingen,
Er breitet die Arme aus:
Oh, schlieet mich ein in das Preisen und Singen,
Ich bin ja der Sohn vom Haus!




Theodor Storm

Biographie

Balladen und Gedichte
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